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Väter Ich bin du, und du bist ich

09.03.2006 ·  Nachgetragene Liebe: Nichts beschäftigt heutige Autoren so sehr wie der eigene Vater. Ihr Antrieb ist nicht Haß, sondern der Versuch, ein Phantom zu fassen - und mit dem Vater Frieden zu schließen.

Von Tilman Spreckelsen
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„Dad“ ist sein erstes Wort. Gleich zu Beginn seines Memoirenbands „Die Hauptsachen“ vergleicht sich der Schriftsteller Martin Amis mit seinem Vater Kingsley Amis, ebenfalls Autor. Nur geht es dabei nicht ums Schreiben, sondern um die jeweilige Rolle innerhalb der Familie, eine Frage, die den Bogen über drei Generationen spannt: Wie hat der Vater einst die Fragen des jungen Martin beantwortet, wie spricht der nun mit seinem eigenen Sohn? Gibt er den Sarkasmus, das häufige Desinteresse, die Reizbarkeit des Vaters an seine eigenen Kinder weiter? Und welche Bedeutung haben die erlittenen Verletzungen angesichts des langsamen, vom Sohn aufmerksam begleiteten Sterbens des Vaters?

„Die Hauptsachen“, im vergangenen Herbst auf deutsch erschienen, ist nur ein Beispiel aus einer verblüffenden Anzahl von Romanen, autobiographischen Schriften oder Sachbüchern, die sich gegenwärtig auf die Suche nach dem Vater begeben. Sie loten die Vaterschaft in allen Aspekten aus, trauern um den verblaßten Helden, fahnden nach einem schwer greifbaren Phantom: Hanns-Josef Ortheils „Die geheimen Stunden der Nacht“ etwa, Jens Petersens Aspektepreis-gekröntes Debüt „Die Haushälterin“, Frank Goosens „Pink Moon“, Thommie Bayers „Singvogel“, Richard von Schirachs „Der Schatten meines Vaters“, Thomas Langs „Am Seil“, Thomas Palzers „Ruin“ oder zuletzt Lars Brandts „Andenken“ - sie alle kreisen um Vaterschaft und Kindesbürde, um alte Rechnungen und neue Gerechtigkeit, um innerfamiliäre Kontinuität und den Versuch, aus den von den Eltern vorgezeichneten Bahnen auszubrechen. Und nicht zuletzt um das oft verzweifelte Bemühen, des Vaters habhaft zu werden, das schemenhafte Bild mit Leben anzufüllen. Was jedenfalls zur Zeit unter Schlagwörtern wie „Zeugungsstreik“ oder „Rabenväter“ diskutiert wird, ist längst ein dominantes Thema der Literatur geworden, und das nicht erst, seit das Vatersein, so scheint es, seine Selbstverständlichkeit verloren hat.

Erzieher statt Ernährer

In ihrer aktuellen Ausgabe präsentiert die Zeitschrift „Eltern“ die Ergebnisse einer Befragung von rund eintausend jungen deutschen Vätern. „Väter von heute sind ihren Kindern so nah wie keine Generation vor ihnen“, freut sich das Magazin. „Sie interessieren sich viel mehr für ihren Nachwuchs und übernehmen mehr Aufgaben zu Hause als alle ihre Vorgänger.“ Denn sie begreifen sich „zunehmend als ,Erzieher' und immer seltener als ,Ernährer'“. Und sie bringen dafür offenbar einiges an Pioniergeist mit. Denn zwei Drittel sagen auch, sie hätten für ihre Vaterrolle kein Vorbild. Schon gar nicht den eigenen Vater - an dem nehmen sich gerade einmal siebzehn Prozent ein Beispiel.

In manchen Fällen überrascht das kaum. „Wie mein Kind mich bekommen hat“, heißt ein Jugendbuch aus dem Jahr 1977, der Zeit, als Väter gern „Erzeuger“ genannt wurden, was vermutlich niemanden im familiären Verbund so richtig glücklich gemacht hat. Seine Autorin beschreibt darin eine Diskussion mit ihrem Freund, der auf die Nachricht der Schwangerschaft und die Eröffnung, daß das Kind auch zur Welt kommen solle, nur erwidert: „Du mußt es wissen.“ Und ergänzt: „Ich weiß nicht, wieviel ich dazu beitragen kann.“ Der vorsichtige Herr spielt dann auch im weiteren Text keine Rolle mehr, während man gleichzeitig nicht den Eindruck gewinnt, als mache der werdenden Mutter diese Reserviertheit sonderlich Kopfzerbrechen: „Ich bekomme mein Kind - mein Kind bekommt mich“ ist das Geburtskapitel überschrieben, und spätestens hier lernen wir, daß das Kinderkriegen eben eine Sache zwischen Mutter und Tochter oder Sohn ist. Woraus sich auch für das weitere Zusammenleben einige Prämissen ergeben.

Der abwesende Vater

Für das Kind allerdings mag der abwesende Vater mindestens so problematisch sein wie der täglich erlebte, und Jens Petersens sechzehnjähriger Erzähler Philipp beginnt den Bericht über das Zusammenleben mit seinem Vater, indem er nach einigen Seiten dessen Selbstmordversuch nach dem Verlust der Arbeit und dem Tod der Mutter schildert. Als Reaktion darauf muß der Schüler eine Rolle einnehmen, die ihm einiges abverlangt: Einerseits ist da die Verantwortung für den Mann, dessen unausgesprochene Drohung, ihn zu verlassen, immer noch im Raum steht - gleichzeitig erwächst ihm im wiederauflebenden Vater ein Rivale um die Zuneigung von Ada, der jungen Haushälterin, die Philipp selbst eingestellt hatte.

„Vielleicht hatte ich damals ein falsches Bild von meinem Vater, aber als ich begann, darüber nachzudenken, war es für uns beide zu spät“, sagt Philipp und hat bei seiner Erkundung immerhin den Vorteil der täglichen Begegnung. Wie mühselig diese Suche sein kann, erfährt etwa Frank Goosens Held, der nach einem zufälligen Zusammentreffen den totgeglaubten Vater sofort wieder verliert (und dann ein ganzes Buch lang nicht mehr wiederfindet), der Filmhändler Viggen in „Ruin“, als er bei der Beerdigung des Vaters auf eine Halbschwester trifft, von der niemand etwas wissen sollte, oder der Verleger Georg von Heuken in „Die geheimen Stunden der Nacht“, der sich in das verborgene Doppelleben des ernsthaft erkrankten Vaters fast bis zur Mimikry einfühlt: Die Söhne suchen, und was sie finden, wenn es noch nicht zu spät ist, sind oft schwache, hinfällige, frühvergreiste Väter, mit denen jeder Streit ins Leere laufen muß oder die sich der ganzen Sache lieber gleich entziehen: Es ist die völlige Umkehrung dessen, was noch im neunzehnten Jahrhundert den literarischen Vater-Sohn-Diskurs prägte, als - wie beispielsweise oft in den Novellen Theodor Storms - besorgte Väter erfolglos versuchten, ihre Söhne davor zu bewahren, sich aufzugeben.

Haltlos und arbeitslos

Die aktuelle Disposition ist freilich nicht auf die Literatur beschränkt; auch der junge deutsche Film kennt solche Väter zur Genüge, und wenn sich, wie im letztjährigen Max-Ophüls-Wettbewerb, in gleich drei Filmen patente Söhne um ihre haltlosen, trinkenden, arbeitslosen Väter kümmern müssen, bis ihnen fast die Kraft ausgeht, so fragt sich, was dabei erstaunlicher ist: die Häufung solcher Themen (zumal zwei der Väter auch noch vom selben Schauspieler dargestellt wurden) oder die Gleichmut, mit der die Söhne das häusliche Elend so lange ertragen.

Denn die wütende Abrechnung mit dem Vater, von der in den Siebzigern, so scheint es, eine ganze Schriftstellergeneration leben konnte, findet da keinen Raum: nicht im Film, nicht im Roman. Doch Vorbilder sind dort ebenfalls kaum zu haben. Das ist um so gravierender, als sich nicht wenige der Söhne gleichzeitig auch mit der eigenen Vaterschaft auseinandersetzen müssen, wie etwa Ortheils von Heuken, der am Ende des Romans die Rolle des Vaters im familieneigenen Konzern übernimmt: Im Urlaub mit seiner Assistentin Jana, der früheren Geliebten des Vaters (was die beiden dann folgerichtig zum Hotel führt, in der einst auch Heukens Eltern ihre Flitterwochen verbrachten), will der Erbe entscheiden, ob er danach seine Familie verlassen wird. Und Viggen, der in „Ruin“ so sehr an seinem Vater irre wird (der seine Erwartungen dann auch tatsächlich noch auf den allerletzten Seiten enttäuscht), hat sich ebenfalls längst von seinem eigenen Sohn entfremdet.

Doppelter Blick auf die Vaterschaft

Dieser doppelte Blick auf die Vaterschaft begegnet einem recht häufig, die Frage nach der familiären Kontinuität auch, und gerade Männer, die plötzlich von einem Sohn oder einer Tochter erfahren, haben damit zu tun. Etwa Martin Amis, der unverhofft einer erwachsenen Tochter begegnet, von der er nichts wußte, oder der Erzähler in Thommie Bayers „Singvogel“, der sich für kinderlos hält und eines Abends einer Studentin gegenübersitzt, die sich hartnäckig für ihn interessiert: „Ihre Zehen waren ständig in Bewegung. Diese Marotte kannte ich von mir selbst. Immer wenn ich lag, mußte ich die Füße drehen, kippen, biegen“, und spätestens hier weiß der Leser, anders als der immer noch völlig ahnungslose Erzähler, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die beiden zueinander stehen.

Denn so sehr alle Autoren die Distanz betonen, die Ratlosigkeit, irgend etwas miteinander anzufangen, so sehr suchen sie auch das Verbindende und schildern, mehr als ihren Figuren manchmal lieb ist, wie Marotten und kleine Gesten die Generationen überdauern können, das Familiengefühl durch die Hintertür.

Eine neue Gelassenheit

Am Ziel dieser Vatersuche steht jedenfalls meist der neue Blick auf die eigene Person: auf das Ererbte wie das Individuelle, das Übernommene wie das Erworbene, und nicht selten ist diese Perspektive der erste Vorbote einer neuen Gelassenheit im Umgang mit dem Vater. Man macht seinen Frieden.

Am Ende seines Buchs schildert Amis einen Traum. Sein Vater, der einige Monate zuvor gestorben war, kommt ihn besuchen. Er schweigt, gibt dem Sohn aber mit Blicken und Gesten zu verstehen, „daß er mir voll und ganz vertraue - sowohl bei der Ausführung seiner Wünsche als auch bei allem anderen“. Dann verschwindet die Erscheinung, und Amis ergänzt: „Es hat mich ungeheuer gefreut, dich zu sehen, Dad. Aber die Rückversicherung wegen deiner Wünsche wäre wirklich nicht nötig gewesen. Denn meine Wünsche sind die deinen, und ich bin du, und du bist ich.“

Quelle: F.A.Z., 10.03.2006, Nr. 59 / Seite 35
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