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Unsere Romanhelden Wilhelm Meister

Zwischen den Stimmungen und Tönen pendelnd: Vor seinen Lehrjahren und den Wanderjahren steht „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ - hier lernt  Wilhelm seine Grenzen kennen.

Er muss nun endlich vorkommen. Nicht unbedingt als der Protagonist der „Lehrjahre“ und noch weniger der „Wanderjahre“, die man sich für später aufheben kann - aber wer sich ein besonderes Vergnügen machen will, der sollte „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ lesen, den lange verloren geglaubten „Ur-Meister“.

Ein Künstler-, ein Bildungsroman. Aber der Zauber liegt im Wechsel der Töne. Mit dem Puppenspiel des Knaben beginnt es. Dann eine frühe Liebe, der Anschluss an die reisende Theatergruppe, nachdem Wilhelm es erst mit einer „Gesellschaft von Seiltänzern, Springern, Gauklern“ zu tun bekommen hatte. Die rätselhafte Mignon tritt auf und der ebenso rätselhafte, aber verdüsterte Harfner. Unvergesslich bleibt Philine, die lockere Schöne, schon fast ein Wesen aus unserer Zeit mit ihrer ebenso schnippischen wie tiefsinnigen Antwort an Wilhelm: „Wenn ich Dich liebe, was geht’s dich an.“ Martin Mosebach hat hier auf die schöne Stelle hingewiesen.

Zwischen Zauber und Entzauberung

Aber allenthalben stößt Wilhelm an die Grenzen seiner Bestrebungen; fehlt hier das Geld und er muss es vorschießen, so ist dort die Unterkunft, auf die man die Schauspieler verweist, feucht und kalt. Dann wird unser Held, wie es öfter heißt, „verdrießlich“. Keine der vielen Stimmungen dieses Romans hält sich über ein Kapitel hinaus; wird sie einmal zu idealisch, so trifft man ihn mit Sicherheit demnächst dabei, wie er mit Schwierigkeiten der bürgerlichen Existenz hadert, und dann kommt wieder etwas ganz Phantastisch-Abenteuerliches.

An dieser Stelle hilft der Vergleich mit den anderen Künstlerromanen der Zeit. Nehmen wir „Franz Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Tieck. 1798 erschienen, als der Autor 25 Jahre alt war. Bei Tieck gibt es eine übermäßige Identifizierung mit seinem malenden Künstler-Helden, zugleich aber ist dieser Autor auch ein Mann des Literaturbetriebs, der sich auf gemachte Effekte versteht, und so wird dem Leser bei der ganzen plakatierten Kunstfrömmigkeit nicht wohl.

Auch Novalis schreibt seinen „Heinrich von Ofterdingen“ mit Ende zwanzig. Goethe aber ließ sich Zeit. Die „Theatralische Sendung“ beginnt auch er zwar mit 26 Jahren, aber erst 1785, mit Mitte dreißig, schließt er sie ab. So eröffnet die schiere Dauer dem Roman Schicht um Schicht; Zauber und Entzauberung bilden ein wunderbares Wechselspiel, von dem die Romantiker nichts ahnten. Auch eine gute Torte darf nicht einfach nur süß schmecken.

Quelle: F.A.Z.

 
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