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Unsere Romanhelden : Siddhartha

Angeblich brachte er sogar die Beatles nach Indien: „Siddhartha“ von Hermann Hesse, hier das Cover der Suhrkamp-Ausgabe. Bild: Verlag

Hin zur lächelnden Vollkommenheit: Siddhartha kennt die Ekstase und die Askese, ist ein Spötter, Ausschweifender, Untröstlicher, bevor er die Erleuchtung erlangt. Daraus schöpft Hesses Entwicklungsroman seine Wahrhaftigkeit.

          So spricht Siddhartha zur berühmten Kurtisane Kamala, von der er wünscht, dass sie ihn die Liebe lehre zwischen Frau und Mann, auf ihre Frage, was er zu bieten habe: „Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.“ Am liebsten bliebe man gleich im hohen Ton, in diesem Hermann-Hesse-Sound, um über den Roman „Siddhartha“ zu handeln, den sein Autor „Eine indische Dichtung“ nannte.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Entstanden ist „Siddhartha“ in den Jahren 1919 bis 1922, in Montagnola im Tessin. Mit Asien war Hesse vertraut, auch aus eigener Reiseerfahrung. In „Siddhartha“ bündelt er die Erkenntnisse, die ihm aus Hinduismus und Buddhismus erwachsen sind. Er tut es in einem Helden, dem nichts Menschliches fremd gewesen sein wird, wenn er am Ende des Wegs zur Erleuchtung gelangt - nicht die Askese, nicht die Ekstase, nicht die Verkommenheit, nicht die Verzweiflung -, hin zur lächelnden Vollkommenheit.

          Auf der Suche nach Spiritualität

          Vielleicht hat die profanierte westliche Welt ihre, wie auch immer vage Sehnsucht danach, was „Nirwana“ sein könne, nicht zuletzt aus diesem kleinen Buch geschöpft: nämlich „Samsara“, jenen Kreislauf von Werden und Vergehen, verlassen zu dürfen, „nie mehr in den trüben Strom der Gestaltungen“ untertauchen zu müssen. Ende der sechziger Jahre entfaltete „Siddhartha“ seine volle Wirkung, angeblich brachte dieser eigentlich klassische Entwicklungsroman im Gewand östlicher Philosophie sogar die Beatles auf ihren Weg nach Indien. Eine ganze Kohorte machte sich auf die Suche nach Spiritualität.

          Siddhartha selbst wäre in diesem Zug wohl dabei gewesen (mit seinem dunklen Bruder Harry Haller, dem ebenfalls wirkungsmächtigen „Steppenwolf“, und am Ende auch dem Tito Designori des „Glasperlenspiels“). „Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren“, steht im Buch ganz früh, über die privilegierte Existenz als Sohn eines Brahmanen, dem Angehörigen der obersten Kaste. Es mag sein, dass „Siddhartha“ heute nicht mehr so leicht zu goutieren ist, in einer ersten Begegnung. Doch leicht ist es, zu ihm zurückzukehren. Denn von seiner Wahrhaftigkeit hat Siddhartha nichts verloren. Siddhartha ist, solange er Suchender ist, schlimm für die, die ihn lieben. Er ist einer, der vorübergeht und zurücklässt, der auch über Entzug agiert, auf dem Weg zu sich selbst.

          Finden heißt frei sein

          Hermann Hesse hat eben nicht die Vita des Buddha selbst, des Siddhartha Gotama, erzählt, sondern die eines an sich Zeitlosen gleichen Geburtsnamens, der dem Gotama zwar begegnet, aber dessen Lehre nicht ungelebt annehmen kann. „Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben“, wird er als „Vollendeter“ mit allen Sinnen erkannt haben. Siddhartha ist nicht everybody’s darling. Auch als ein Spötter, ein Ausschweifender, ein Untröstlicher hat er uns viel zu geben. Namaste, Hermann Hesse.

          Quelle: F.A.Z.

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