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Veröffentlicht: 14.01.2012, 09:30 Uhr

Unsere Romanhelden Scarlett O'Hara

Es scheint, als vereine sie sämtliche negativen Eigenschaften auf sich. Sie hebt „Vom Winde verweht“, Margret Mitchells Südstaaten-Epos von 1936 aus den Angeln der Genregrenzen: Scarlett ist ein Miststück, und doch schließen wir sie ins Herz.

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© Ullstein

Sie war nicht eigentlich schön zu nennen, heißt es gleich zu Beginn über Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“. Ihr Antlitz mit dem spitzen Kinn und den starken Kiefern „machte stutzen“. Doch damit nicht genug, scheinen bei der jungen Amerikanerin von Anfang an charakterliche Defizite auf. Und die bekommt die Heldin auch nach elfhundert Romanseiten, die vollgepackt sind mit allerlei empfindsamen Irrungen und Wirrungen, einem blutigen Bürgerkrieg und der Neuordnung eines ganzen Landes, nicht in den Griff - und will es auch gar nicht.

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Im Gegenteil vereint die Tochter des irischen Einwanderers Gerald und der klassischen Southern Belle Ellen sämtliche negativen Eigenschaften auf sich: Ihre Egomanie, Herrschsucht und Gefühlskälte sind beispiellos. Scarlett schreckt in der Tat vor nichts zurück. Bestenfalls halbgebildet und politisch desinteressiert, ist sie mit einem irrwitzigen Geschäftssinn gesegnet, dem sie alle Gefühle unterordnet. Sie ist abweisend gegenüber ihren drei Kindern, die von drei verschiedenen Männern stammen, ihrer Schwester schnappt sie den Bräutigam weg, und der sanften Schwägerin Melanie wünscht sie in der schwersten Stunde den Tod. Nach einer ähnlich schonungslosen Darstellung einer Romanheldin muss man lange suchen. Und doch, es ist seltsam, bleibt man gefesselt von dieser Kind gebliebenen Frau. Scarlett ist ein Miststück, und doch schließen wir sie ins Herz.

Aufgegeben wird nicht

All die guten, ehrlichen und wahrhaftigen Menschen in Scarletts Umgebung, seien dies Mammy, Ellen oder Melanie, lassen uns kalt. Wir stehen auf der Seite des grünäugigen Monsters und bangen, zittern und kämpfen mit ihr. „Die Mütter all ihrer Freundinnen“, sinniert Scarlett an einer Stelle, „prägen ihren Töchtern die Notwendigkeit ein, vor der Welt schmiegsame, hilflose Geschöpfe mit sanften Rehaugen zu sein.“ Dass sie dagegen aufbegehrt, macht sie freilich auch zur Nachfahrin Emma Bovarys und Jane Eyres. Es ist nicht zuletzt diese ungeahnte Komplexität im Wesen der Scarlett O’Hara, die Margret Mitchells Südstaaten-Epos von 1936 aus den Angeln der Genregrenzen hebt.

Zur wahrhaft modernen Figur aber wird Scarlett, die in den entscheidenden Momenten nie ein Taschentuch dabeihat, in ihrem nicht enden wollenden Beziehungskrieg mit Rhett Butler. Unter all den Reifröcken, Korsagen, Gehröcken und Zylindern geben die beiden zwei hinreißende Vertreter des modernen Geschlechterkampfs ab. Und aufgegeben wird nicht. Denn wie bietet Scarlett zuletzt, als sie vor dem Nichts steht, trotzig dem Schicksal die Stirn? „Morgen auf Tara will ich darüber nachdenken. Dann werde ich es ertragen. Morgen wird mir schon einfallen, wie ich ihn mir wieder erobere. Schließlich, morgen ist auch noch ein Tag.“

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 4

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