http://www.faz.net/-gr0-6yny3

Unsere Romanhelden : Robinson Crusoe

  • -Aktualisiert am

Es ist ein zweifelhaftes Abenteuerleben, das Robinson Crusoe und sein Autor Daniel Defoe da vor uns ausbreiten. Zu unserem Alltagshelden macht ihn, dass trotzdem alles irgendwie weitergeht.

          Besonders angenehm, gar sympathisch ist er wirklich nicht. Ein Sklavenhändler und knallharter Profiteur ist er, der nicht davor zurückschreckt, als er aus maurischer Gefangenschaft entkommt, seinen schwarzen Fluchtgefährten für 80 Pesos einem fremden Kapitän zu überlassen.

          Zwar mag die Abenteuerlust für ihn einnehmen, sein Drang, den vertrauten Horizont des Alltags zu durchbrechen und dafür alle Ratschläge in den Wind zu schlagen, doch dieser übermütig-jugendliche Aufbruch in die Welt reut ihn später lebenslang. Ständig beißt ihn das Gewissen, ständig härmt und sorgt und plagt er sich.

          Es ist daher tief ironisch, dass uns sein Name heute ausgerechnet dann begegnet, wenn von exotisch-exklusiver Urlaubsträumerei die Rede ist. Denn die einsame Insel, auf der Robinson nach seiner Schiffbruchkatastrophe 28 Jahre ausharrt, ist ein öder Ort, ein Paradies nach dem Sündenfall, wo er im Schweiße seines Angesichts das Überleben üben muss, wo ihn Fieberfröste schütteln und Albträume plagen und wo er schließlich einen Papagei zum Sprechen bringt, um so etwas wie Kommunikation wenigstens zu simulieren.

          Ein dauernder Simulant

          Überhaupt ist er ein großer Simulator, und vielleicht ist das der Grund, warum dieser träumende Geschäftsmann zum ersten Helden und Selbsterzähler eines bürgerlichen Romans werden konnte. Denn die Kunst des Romans liegt ja darin, keine Kunst sein zu wollen, sondern so zu tun, als ob es ein Stück Leben wäre, das uns darin begegnet, ein Leben, das unser eigenes sein könnte und es gottlob dann doch nicht wirklich ist.

          Deshalb können wir die Offenherzigkeit, mit der Robinson sein zweifelhaftes Abenteuerleben vor uns ausbreitet, ganz ungeniert genießen, und deshalb mochte sich sein Autor Daniel Defoe, dessen Name auf dem Titel 1719 gar nicht steht, hinter dieser Maske so perfekt verstecken: weil das Simulieren eigene Wirklichkeiten schafft.

          Robinson ist weniger Schöpfer als Bastler, weniger Erfinder als Sucher. Sein Schiffbruch ist das Ende der Geborgenheit, doch kein Neuanfang, eher Fortsetzung des zukunftsoffenen, ungeplanten, wandlungsreichen Lebens.

          Vielleicht ist Robinson Crusoe, dessen eigentlicher Name „Kreutzer“ übrigens deutschen Migrationshintergrund anzeigt, deshalb unser Alltagsheld geworden: weil er vorlebt, dass letztlich alles irgendwie weitergeht.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Auf Werner ist für Leipzig Verlass

          2:1 gegen Frankfurt : Auf Werner ist für Leipzig Verlass

          Erst zeigen die beiden Mannschaften einen Langweiler, dann wird die Partie doch noch zum Krimi. Beim Leipziger 2:1-Sieg über kratzbürstige Frankfurter ist der Nationalstürmer entscheidend.

          „Schloss aus Glas“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „Schloss aus Glas“

          „Schloss aus Glas“, 2017. Regie: Destin Daniel Cretton. Darsteller: Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts. Verleih: StudioCanal Deutschland. Kinostart: 21. September 2017

          Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Auf der B1 von West nach Ost Video-Seite öffnen

          Deutschlandreise : Auf der B1 von West nach Ost

          Kurz vor der Bundestagswahl hat sich F.A.S.-Redakteurin Anna Steiner auf eine Reise quer durch Deutschland begeben, um herauszufinden, wie es den Menschen in unserem Land geht.

          Topmeldungen

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.
          Selfie mit dem Popstar der Politik: Lindner mit junger Anhängerin

          Nähe und Ferne zur CDU : Das Dilemma der FDP

          Bei seinem Wahlkampfabschluss zeigt sich die Zwickmühle für Christian Lindner und seine FDP: Vielleicht können die Liberalen bald mitregieren. Doch, ob das auch gut für sie wäre, weiß nicht einmal der Vorsitzende.
          Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf

          Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

          Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

          Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.