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Veröffentlicht: 24.03.2012, 15:13 Uhr

Unsere Romanhelden Robinson Crusoe

Es ist ein zweifelhaftes Abenteuerleben, das Robinson Crusoe und sein Autor Daniel Defoe da vor uns ausbreiten. Zu unserem Alltagshelden macht ihn, dass trotzdem alles irgendwie weitergeht.

Besonders angenehm, gar sympathisch ist er wirklich nicht. Ein Sklavenhändler und knallharter Profiteur ist er, der nicht davor zurückschreckt, als er aus maurischer Gefangenschaft entkommt, seinen schwarzen Fluchtgefährten für 80 Pesos einem fremden Kapitän zu überlassen.

Zwar mag die Abenteuerlust für ihn einnehmen, sein Drang, den vertrauten Horizont des Alltags zu durchbrechen und dafür alle Ratschläge in den Wind zu schlagen, doch dieser übermütig-jugendliche Aufbruch in die Welt reut ihn später lebenslang. Ständig beißt ihn das Gewissen, ständig härmt und sorgt und plagt er sich.

Es ist daher tief ironisch, dass uns sein Name heute ausgerechnet dann begegnet, wenn von exotisch-exklusiver Urlaubsträumerei die Rede ist. Denn die einsame Insel, auf der Robinson nach seiner Schiffbruchkatastrophe 28 Jahre ausharrt, ist ein öder Ort, ein Paradies nach dem Sündenfall, wo er im Schweiße seines Angesichts das Überleben üben muss, wo ihn Fieberfröste schütteln und Albträume plagen und wo er schließlich einen Papagei zum Sprechen bringt, um so etwas wie Kommunikation wenigstens zu simulieren.

Ein dauernder Simulant

Überhaupt ist er ein großer Simulator, und vielleicht ist das der Grund, warum dieser träumende Geschäftsmann zum ersten Helden und Selbsterzähler eines bürgerlichen Romans werden konnte. Denn die Kunst des Romans liegt ja darin, keine Kunst sein zu wollen, sondern so zu tun, als ob es ein Stück Leben wäre, das uns darin begegnet, ein Leben, das unser eigenes sein könnte und es gottlob dann doch nicht wirklich ist.

Deshalb können wir die Offenherzigkeit, mit der Robinson sein zweifelhaftes Abenteuerleben vor uns ausbreitet, ganz ungeniert genießen, und deshalb mochte sich sein Autor Daniel Defoe, dessen Name auf dem Titel 1719 gar nicht steht, hinter dieser Maske so perfekt verstecken: weil das Simulieren eigene Wirklichkeiten schafft.

Robinson ist weniger Schöpfer als Bastler, weniger Erfinder als Sucher. Sein Schiffbruch ist das Ende der Geborgenheit, doch kein Neuanfang, eher Fortsetzung des zukunftsoffenen, ungeplanten, wandlungsreichen Lebens.

Vielleicht ist Robinson Crusoe, dessen eigentlicher Name „Kreutzer“ übrigens deutschen Migrationshintergrund anzeigt, deshalb unser Alltagsheld geworden: weil er vorlebt, dass letztlich alles irgendwie weitergeht.

Quelle: F.A.Z.

 

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