Home
http://www.faz.net/-gr0-704r6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Unsere Romanhelden Pnin

Er geht in schlechte Restaurants aus „Solidarität mit der Erfolglosigkeit“, liebt die falsche Frau und spielt leidenschaftlich mittelmäßig Schach. Tragikomischer ist kaum ein Romanheld: Pnin von Vladimir Nabokov.

© Verlag Vergrößern

Dean H., britischer Germanist in Deutschland, hatte ein einfaches Kriterium für gute Literatur. Wenn er dreimal an den Rand eines Buches „Wow!“ schreibe, so warf er in eine recht akademische Kneipendiskussion ein, sei es gut. Da mussten wir herzlich lachen. Anschließend hatten wir Mühe, ihm seinen Lieblingsschriftsteller aus der Nase zu ziehen: Charles Dickens, den wir zuletzt in Kindertagen gelesen hatten. Zweite Lachsalve. Dickens? Weil er es verstehe, einfache Leute trefflich zu schildern. Betretenes Schweigen über so viel existentiellen Ernst.

Uwe Ebbinghaus Folgen:

Am liebsten kaufte Dean gebrauchte Bücher, weil er den Geruch und den Gedanken an frühere Lektüren mochte. Sonst war er eher ein harter Knochen, ständig blank, Ovo-Vegetarier und immun gegen die Wirkung von Alkohol. Nur in einer Situation habe ich ihn nervös und laut werden sehen: Jedes Mal, wenn er - zurück in England - die Mitstudentin traf, die ihn während seines Deutschland-Aufenthaltes verlassen hatte, die Liebe seines damaligen Lebens.

Dreifaches Ausrufezeichen

Was hat das alles mit Romanhelden zu tun? Beim Nachdenken über meine Favoriten fiel mir auf, dass ich echte Menschen sehr viel lieber mag als Romanmenschen, was wohl daran liegt, dass man mit echten Menschen interagieren kann. Während der unnachahmliche Reiz von Romanen letztlich doch in der Position des Autors zu seinen Figuren und nicht in den Figuren selbst liegt. Der Autor interagiert statt unserer mit seinen Figuren, und wenn uns das Spiel gefällt, mögen wir sein Buch. Trotzdem mögen wir natürlich auch Romanfiguren unterschiedlich gerne, wofür es nur subjektive Gründe gibt.

Mehr zum Thema

Als ich kürzlich zum ersten Mal „Pnin“ von Vladimir Nabokov gelesen habe, ein unfassbar gutes Buch, kam mir alles bekannt vor. Gleich habe ich den Titelhelden, einen kahlen Russen mit breiten Schultern, liebenswürdigem Akzent und der Bereitschaft zur unglücklichen Liebe ins Herz geschlossen. Dreimal und noch öfter habe ich an den Rand des Buchs nicht „Wow!“, aber doch ein dreifaches Ausrufezeichen gesetzt.

Ohne die Bekanntschaft mit Dean H. wäre das wohl nicht möglich gewesen. Diese heimatlose, tragikomische Würde muss man erlebt haben, um sie auch im Kleinsten zu verstehen. Drei an sich unbedeutende Nebenszenen haben mich besonders beeindruckt: Pnin, der in ein schlechtes Restaurant geht aus „Solidarität mit der Erfolglosigkeit“, Pnin, der leidenschaftlich mittelmäßig Schach spielt, und Pnin, der uralte Leihbücher liest. Näher muss man dem wahren Leben in seiner ganzen Komik erst einmal kommen. Das kann man von Dean und Pnin lernen: Bei guten Büchern braucht man das Leben zum Vergleich, um zu erkennen, wie literarisch es ist.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Extremsportler Dean Potter Der Mann, der mit dem Tod flirtete

So beharrlich wie kaum ein anderer ging Dean Potter immer wieder an seine Grenzen. Dabei ignorierte der Extremsportler auch schonmal die Regeln. Nun wurde ihm seine Leidenschaft zum Verhängnis: Potter und ein Mitstreiter starben bei einem Sprung mit dem Wingsuit. Mehr Von Bernd Steinle

18.05.2015, 11:18 Uhr | Gesellschaft
Partnerschaft Was hält die Liebe frisch?

Eine Liebe fürs Leben: Das klingt romantisch, doch die Hürden des Alltags lassen viele Paare scheitern. Psychologe Eric Hegmann erklärt, wie Sie die Liebe frisch halten können. Mehr

05.01.2015, 16:48 Uhr | Gesellschaft
Wer sind wir noch? Neueste Nachrichten von der Ich-Front

Wie viele Identitäten bekommen wir zusammen – abseits von sozialen Netzwerken und mittendrin? Über die Erfindung des einheitlichen Bewusstseins im europäischen Roman und über sein Ende in den Zeiten des Internets. Mehr Von Klaus Theweleit

26.05.2015, 16:39 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Anthologie Charles Simic: Romantisches Sonett

Romantisches Sonett von Charles Simic, gelesen von Thomas Huber. Mehr

23.01.2015, 17:39 Uhr | Feuilleton
Zum Tod von Dieter Bartetzko Wohnt ein Lied in allen Steinen

Er war zuständig für Architektur und Archäologie, für Schlagersänger, Musicals und Kabarett. Er war ein leidenschaftlicher Journalist und ein großer Liebender. Zum Tod unseres Kollegen Dieter Bartetzko. Mehr Von Jürgen Kaube

19.05.2015, 17:27 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.05.2012, 13:40 Uhr