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Unsere Romanhelden Peter Schlemihl

Ja, wo hat dieser Peter Schlemihl, das Geschöpf des Autors Adelbert von Chamisso, denn nun seinen Schatten gelassen? So fragen alle. Dieser Held aber hält noch ganz andere Antworten parat.

© Archiv Peter Schlemihl, Illustration von Emil Preetorius

Kein höflicherer Versucher ist denkbar als jener graue Mann, mit dem sich der arme Peter Schlemihl auf einen fatalen Handel einlässt. „Mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit sah ich ihn meinen Schatten, vom Kopf bis zu den Füßen, leise von dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten und zuletzt einstecken.“ Was folgt, macht Chamissos Erzählung zwar zum vorhersehbaren Schulstoff: der Außenseiter in der Literatur. Aber damit wird man ihrem anrührenden Helden nicht gerecht.

Dabei scheint zunächst tatsächlich alles ganz einfach: Der Pakt mit dem Teufel stößt Schlemihl, wie die Märchendramaturgie es verlangt, in die Einsamkeit. „Wo hat der Herr seinen Schatten gelassen?“, fragt schon die Schildwache am Stadttor, und so fragen von nun an alle.

Ein Leben in der Nacht beginnt, in umständlich ausgeleuchteten Räumen und mit angstvollen Spaziergängen im Schattenwurf des treuen Dieners. Als zuletzt auch die Liebste verlangt, dass er ihr seinen Schatten präsentiere, lässt Schlemihl sich auf einen Kampf mit dem Teufel ein, der ihn doppelt einsam zurücklässt, ohne Liebe und ohne die Börse, die bis dahin unendlich Goldstücke ausspuckte.

Leerer und einsamer denn je

Einzig ein neues Zauberutensil lässt ihm, wie zum Hohn, der freundlich-unbarmherzige Teufel: Siebenmeilenstiefel bringen den armen Schlemihl von nun an mit einem Schritt ins Eis der Pole und mit dem nächsten in die Wüsten Ägyptens, die ganze Welt steht ihm offen, und sie ist ihm leerer und einsamer denn je.

Doch im Moment ihrer größten Trostlosigkeit nimmt die „wunderliche Geschichte“ eine überraschende Wendung, für deren Verständnis man wissen muss, dass Schlemihl ebenso und ebenso sowenig wie einen Schatten auch einen Autor hat, und dass dieser ihm wie jener folgt. Ihm erzählt die Figur ihre Geschichte, und dabei begreift man, dass Schlemihl weniger in die Märcheneinsamkeit verbannt ist als aus dem höchst konkreten Kreis des intellektuellen Berlin um 1800, zu dem außer Chamisso auch Fouqué, Hitzig und E.T.A. Hoffmann gehörten.

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Und es rührt auch den heutigen Leser die Volte, wie Schlemihl seine schattenlose Einsamkeit schließlich annimmt und nutzt, um wie ein märchenhafter Humboldt mit Siebenmeilenstiefeln die Welt zu durcheilen und zu vermessen und zu beschreiben. „Und so, mein lieber Chamisso, leb’ ich noch heute.“ Selbst wenn die Liebe, die wir in uns haben, keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt mehr findet, bleibt uns die Gemeinschaft der Texte. Das ist nicht märchenhaft, das ist utopisch. Schlemihls letzter Wunsch an seinen Autor lautet, „daß vor meinem Tode meine Manuskripte bei der Berliner Universität niedergelegt werden“.

Der Schriftsteller Thomas Hettche veröffentlichte zuletzt den Roman „Die Liebe der Väter“.

Quelle: F.A.Z.

 
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