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Unsere Romanhelden : Meursault

  • -Aktualisiert am

Manche halten ihn für kalt und unmenschlich, diesen Meursault aus Albert Camus’ „Der Fremde“. Dabei ist er nur verordneten Gefühlen gegenüber gleichgültig.

          „L’Étranger“ ist seit seinem Erscheinen 1942 das meistverkaufte Buch im Programm der Editions Gallimard. Die Lakonie, in der Albert Camus seinen vornamenlosen Ich-Erzähler reden lässt, scheint für immer zur Identifikation einzuladen. Die Anlässe, sich fremd in dieser Welt zu fühlen, scheinen zudem nicht eben weniger geworden zu sein.

          Dennoch wurde „Der Fremde“ von manch einem als stumpfsinnig, medioker und unfähig empfunden, er sei ohne Empathie, etwas mythisch Unmenschliches gar habe er an sich. Das ist aber nicht richtig. Er bemerkt selbst eine leichte Verstimmung seines Chefs im maritimen Frachtbüro, wo seine Arbeit wie seine Person offensichtlich geschätzt werden. Er scheint überhaupt recht beliebt zu sein, seine Freundin Marie möchte ihn schon nach kurzer Bekanntschaft heiraten. Ihr sieht er an, wenn sie traurig oder enttäuscht ist, er merkt sogar, wenn er sie schlecht küsst. Gleichgültig ist er nur verordneten Gefühlen gegenüber, die fällige Trauer beim Tod seiner Mutter will sich nicht einstellen, auch Liebe oder Ehe scheinen ihm Begriffe ohne Bedeutung. Er empfindet aber Freude beim Schwimmen mit Marie und Lust an ihrem Körper. Er mag es, wenn sie lacht und ihre Augen glänzen, und überhaupt weiß er beim Sonnenbaden, Essen und Trinken und beim Liebesspiel den Augenblick zu genießen.

          Unvergesslich

          In Zwischenzeiten aber widerfährt ihm die Untätigkeit und schmerzhaft verschärfte Wahrnehmung der Melancholie oder doch die ihrer kleinen Schwester Langeweile. Diese Leere überbrückt er durch zahllose Zigaretten. Intensiv erfährt er dagegen das Elementare der mediterranen Landschaft, das salzige Wasser, den warmen Sand, den kühlenden Hauch der Abendluft, das brennende Licht der Sonne.

          Sein Verhängnis besteht darin, dass er sich in gedankenloser Hilfsbereitschaft in einen gewaltförmigen Zusammenhang ziehen lässt. Die fatalen Schüsse auf den Araber gibt er offenbar nur ab, weil er um sein Augenlicht fürchtet. Im Blitzen eines Messers erblickt er die mythische Strafe der Blendung. In tragischer Dialektik erkennt er rückblickend, dass er glücklich gewesen war, wie spiegelbildlich verfällt er in dem Moment dem willkürlichen Schuldzusammenhang verblendeter Gesellschaftlichkeit. Ein kathartischer Wutausbruch gegen den Gefängnisgeistlichen, der mit dem Satz beginnt, dass „keine seiner Gewissheiten das Haar einer Frau wert“ sei, führt ihn kurz vor seiner Hinrichtung zur Befreiung von allem verordneten Sinn in der glückhaften Erkenntnis des Absurden der menschlichen Existenz. Gerüche von „Nacht, Erde und Salz“ steigen zu ihm herauf, und „angesichts der Zeichen und Sterne“ öffnet er sich in einer unvergesslichen Formulierung „der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“ (la tendre indifférence du monde).

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