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Veröffentlicht: 04.05.2012, 14:09 Uhr

Unsere Romanhelden Long John Silver

Das Abenteuer um Jim Hawkins wird unendlich oft erzählt. Neben der Angst vor Seemännern, einer Schatzkarte und väterlichen Freunden, ist es vor allem einer, der die Geschichte von der „Schatzinsel“ nährt: Long John.

von Heinrich Detering

Es ist eine atemberaubende Geschichte, die der leider erwachsen gewordene Jim Hawkins uns immer von neuem erzählt: von dem trunksüchtigen Seemann Bill Bones, der sich im abgelegenen Wirtshaus seiner Eltern einmietet und sich rasch als Pirat erweist, aus der Mannschaft des toten Kapitäns Flint; von seiner Angst vor dem Seemann mit dem einen Bein, der Jim fortan durch seine Albträume verfolgt; von den Unheilsboten aus der Welt der Piraten, die den alten Bill aufgestöbert haben und den Überfall einer ganzen Bande ankündigen; von der Schatzkarte Flints, die Jim, den Piraten zuvorkommend, gerade noch rechtzeitig an sich genommen hat; von der Fahrt nach der Insel und der Suche nach den Schätzen, die er nun gemeinsam mit seinen väterlichen Freunden, einem aufgeklärten Arzt, einem braven Kapitän und einem Landedelmann, auf der Suche nach jenen Schätzen unternimmt; von der fabelhaften Mannschaft, die sich erst auf hoher See, von Jim nächtlich belauscht, als Verschwörerbande aus der alten Mannschaft Flints erweist; vom scheinbar treuherzigen, in Wahrheit aber verführerisch-bösen Schiffskoch Long John Silver, dem gefürchteten Einbeinigen, der die Verschwörung anführt und dann die Kontrolle über seine Bande verliert; vom Bürgerkrieg, der sich auf der Insel zwischen den loyalen Untertanen des Königs und Silvers Piraten entwickelt, und von Jims zwielichtiger Rolle in diesem Kampf, in dem er aus Abenteuerlust beinahe zum Verräter seiner Freunde geworden wäre und in dem er sich dann doch als souveräner Retter erweist, der mit dieser Rettung vollends zum Mann geworden ist und zum Helden der britischen Seefahrt.

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Long John aber bleibt der wahre, der unvergessliche Held von Jims Geschichte. Mit diesem Teufel fährt er zur Hölle, dank seiner Hilfe kehrt er gereift aus ihr zurück. Dieser mit den Wassern aller sieben Meere gewaschene Trickster, der nach dem Tod des Gastwirts Hawkins Jims neuer Vater geworden ist, erweist sich immer deutlicher als der böse Wiedergänger überhaupt aller braven Vertreter Großbritanniens: ein „Gentleman of Fortune“, der vom Gangster zum Captain wird und nicht ganz grundlos von einer Zukunft im Oberhaus träumt.

Eben darum aber muss er noch als Teufel zum Erzieher werden in dieser so romantischen wie aufgeklärten Romanwelt. Und weil auch dieser Mephisto stets das Böse will und unvermeidlich doch das Gute schafft, darum lässt der Roman ihn am Ende laufen – in jene Mythenferne, in der alle wirklichen Helden, weil sie nicht gestorben sind, noch heute leben.

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