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Unsere Romanhelden Lene Nimptsch

Unaufdringlich und doch unvergänglich: Lene Nimptsch zeigt Charakter. Mit seiner Figur zieht Theodor Fontane in „Irrungen, Wirrungen“ alle Register.

© Archiv Vergrößern Worte einer Heldin: So spricht „Lene“ Nimptsch in Fontanes „Irrungen, Wirrungen“

Der Name der Berliner Weißzeugnäherin Magdalene ,Lene’ Nimptsch ist uns nicht so vertraut wie Effi Briest oder Jenny Treibel. Lenes Romanheimat, Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“, ist die Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen Baron und Arbeiterin. Diese Überschreitung von Standesgrenzen geht selbstverständlich schlecht aus. Doch Lene muss für ihre Romanze mit Botho von Rienäcker nicht zugrunde gehen, sich weder zu Tode husten wie Stine noch sich vergiften wie Cécile oder im Park der Eltern eingegraben werden wie Effi.

Ihr Schmerz über den Verlust einer einzigartigen Liebe ist darum nicht weniger tief und ihr Mut umso größer, wenn sie dem Baron den Abschied gibt, als jenes Ende kommt, das sie auch in Glücksmomenten beschworen und gefürchtet hat: „Man muß allem ehrlich ins Gesicht sehen und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen.“ Lene stickt auch als Verlassene Muster in die Wäsche von Prinzessinnen, versorgt ihre alte Mutter und heiratet schließlich sogar. Aus ihrem Mund kommt einer der weisesten Sätze Fontanes: „Dann lebt man ohne Glück.“ So lebt sie weiter und schickt sich drein, eine Heldin.

Eine Liebesidylle von hinreißender Diskretion

Das Berliner Sommermärchen zwischen Näherin und adligem Offizier hat einen eigenen Reiz. Mit der Gärtnersfrau Susel Dörr hat der Autor den Liebenden ein naives Sprachrohr für alle Leidenschaften beigesellt, die Lene erröten machen. Die schräg gegenüber dem ,Zoologischen’ gelegene Gärtnerei Dörr genügt Fontane als Schauplatz, um die erotische Verzauberung zu vergegenwärtigen. „Drinnen im Garten war alles Duft und Frische, denn den ganzen Hauptweg hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, standen Levkojen und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren der Thymianbeete mischte.“ Die Daseinsfeier von Lene und Botho steht in vollster Blüte und durchwächst den Text bis zum Schluss, von Spaziergängen durch Spargel- und Erdbeerbeete über das mit einem aschblonden Haar Lenes gebundene Wildblumenbukett, das Botho später in seiner Wohnung verbrennt, bis zum Immortellenkranz, den Rienäcker der alten Mutter Nimptsch aufs Grab legt.

Keine Frauenfigur bei Fontane ist offener und leidenschaftlicher als Lene. Der Meister der Verhüllung arbeitet hier mit sämtlichen Kniffen, die ihm zu Gebote stehen. Höhepunkt ist eine der großen Liebesidyllen der Weltliteratur, hinreißend gerade in ihrer Diskretion: der Ausflug zu „Hankels Ablage“, der gestohlene Tag am Spreeufer, eine Flucht, die keine sein darf und gestört wird von Bothos adligen Freunden und ihren Mätressen. Mit Bowle und derben Berlinereien treten hier Paare auf den Plan, die nur noch Karikaturen sind: Männer und Frauen als augenzwinkernde Geschäftspartner.

Von Anna-Katharina Hahn, geboren 1970, erschien soeben der Roman „Am Schwarzen Berg“.

Quelle: F.A.Z.

 
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