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Unsere Romanhelden : Herr Sommer

Bild: Diogenes

Er ist einer der größten Sonderlinge der deutschen Literatur, ein Eigenbrötler erster Güte: Herr Sommer, dem Patrick Süskind eine schmale Erzählung widmete.

          Von Herrn Sommer weiß man so gut wie nichts. Man weiß nicht, woher er kommt, und vor allem nicht, wohin er geht, und das, obwohl Herr Sommer den lieben langen Tag nichts anderes tut: „Von früh morgens bis spät abends lief Herr Sommer durch die Gegend. Kein Tag im Jahr verging, an dem Herr Sommer nicht auf den Beinen war. Es mochte schneien oder hageln, es mochte stürmen oder wie aus Kübeln gießen, die Sonne mochte brennen, ein Orkan im Anzug sein - Herr Sommer war auf Wanderschaft.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          So taucht er auf in der schmalen Erzählung „Die Geschichte von Herrn Sommer“, die Patrick Süskind ihm 1991 gewidmet hat. Seinen Nußbaumstecken schwingend, einen Strohhut auf dem Kopf, läuft, ach was, eilt er um den namenlosen See herum, durchpflügt die Landschaft bis zur Kreisstadt und zurück und antwortet jedem, der ihn fragt, wohin er denn so schnell unterwegs sei mit einem unverständlichen „sehreiligsehrgradimmomentgarkeinezeit“.

          Nur einmal, als ein gewaltiges Unwetter über das Land hereinbricht und der Erzähler, der damals noch ein Kind und mit seinem Vater im Auto unterwegs ist, ihn dringend bittet, sich doch nach Hause fahren zu lassen, artikuliert er den klaren und jede Widerrede sofort erstickenden Ausruf: „Ja so lasst mich doch endlich in Frieden!“ Und ein anderes Mal, als er sich im Wald gerade unbeobachtet fühlt, in Wahrheit aber doch von dem Jungen beobachtet wird, der hoch auf einen Baum geklettert ist, da legt sich Herr Sommer ins Gras. Doch augenblicklich entfährt seiner Brust ein so markerschütterndes Stöhnen, dass das Kind von den Selbstmordphantasien, denen es sich gerade hingegeben hatte, schnell wieder ablässt. Tatsächlich wird es Herr Sommer sein, der seinem Dasein schließlich ein Ende setzt. An einem Herbstabend geht er in den See.

          Sein Geheimnis behält er für sich. Und doch ist Herr Sommer nicht nur einer der größten Sonderlinge der deutschen Literatur, ein Eigenbrötler erster Güte, der von der Kritik seinerzeit völlig unterschätzt wurde. Er ist der Archetyp des Menschen, der sich im Leben nicht zurechtfindet - wobei es keinerlei Rolle spielt, was dieses Leben im Besonderen ausmacht. Das Leben will gelebt werden, auch wenn und obwohl und gerade weil es irgendwann endet. Das ist alles. Für den bemerkenswerten Herrn Sommer aber ist das alles schon zu viel.

          Quelle: F.A.Z.

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