Home
http://www.faz.net/-gr0-74wbw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.12.2012, 15:52 Uhr

Unsere Romanhelden General Stumm von Bordwehr

Kontortrottel, Beamtengenie, Staatsphilosoph und der militärfernste General der Literaturgeschichte: Es ist unmöglich, Stumm von Bordwehr aus Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nicht zu lieben.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Schöpfer des militärfernsten Generals der Literaturgeschichte: Robert Musil, der von 1880 bis 1942 lebte.

Der Waffenrock ist „vergissmeinnichtfarben“. Getragen wird er von einem „rundlichen kleinen Mann mit schwänzelnden Augen und Goldknöpfen am Bauch“. Dieser Mann, heißt es, „hatte ursprünglich bei der Kavallerie gedient, aber er war ein untauglicher Reiter, und es fehlte ihm auch der befehlshaberische Sinn“. Voilà, General Stumm von Bordwehr in vollendeter Bonhomie.

Jochen Hieber Folgen:

Seine militärische Sternstunde schlägt, als er den Sattel gegen den Schreibtisch tauscht. Nun, im Sommer 1913, ist er „Leiter der Abteilung für Militär-Bildungs- und Erziehungswesen“ im Wiener Kriegsministerium des Kaisers Franz Joseph - und er ist in Robert Musils grandiosem Erzählkosmos „Der Mann ohne Eigenschaften“ die einzige rundum sympathische Figur. Kontortrottel, Beamtengenie und Staatsphilosoph zugleich, bringt General Stumm die Hauptfigur des Romans, den mathematischen Mystiker Ulrich, immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und versorgt ihn überdies mit der neuesten Sorte „Kommissbrot“, die bereits das Zukunfts-Etikett „1914“ trägt.

Mehr zum Thema

Dass dann wirklich Krieg sein wird, ahnt im Roman niemand. Im Gegenteil, man ist im Sommer und Herbst 1913 bereits damit beschäftigt, für das 1918 bevorstehende siebzigste Regierungsjahr des Kaisers eine „Vaterländische Aktion“ vorzubereiten. Gesucht wird dafür die tragende Idee. Auf der Jagd nach ihr begibt sich Stumm von Bordwehr in die Wiener Hofbibliothek, wo „dreieinhalb Millionen Bände“ seiner harren: Als Beauftragter, als „Fachbeirat für zivile Geistesfragen“ will er sofort für „Ordnung“ im Chaos der „großen Menschheitsgedanken“ sorgen. Was Wunder, wenn wir ihm in Musils nachgelassenen Schlusskapiteln dann beim Besuch der Wiener Irrenanstalt wiederbegegnen.

Zuvor aber darf dieser militärfernste General der Literaturgeschichte in aller Leutseligkeit den prophetischen Schlüsselsatz des Romans verkünden: „Irgendwie“, lautet er, „geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über.“ Auch dieser Sentenz wegen ist es ganz und gar unmöglich, General Stumm von Bordwehr nicht zu lieben.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wintergärten Alle wollen im Glashaus sitzen

Mehr Licht, mehr Raum und neue Blickachsen: Wintergärten liegen im Trend. Besonders Konstruktionen aus Aluminium sind gefragt. Mehr Von Peter Thomas

28.01.2016, 10:58 Uhr | Stil
Wien Vorhang auf für den Eurovision Song Contest

In der Wiener Stadthalle startete Dienstag der ESC mit dem ersten Halbfinale. Das große Finale findet am Samstag statt. Mehr

01.02.2016, 13:43 Uhr | Gesellschaft
ZDF verfilmt Ken Follett Säulenheilige sind sie alle nicht

Tragendes Element ist die Ausstattung: Das ZDF verfilmt Ken Folletts Die Pfeiler der Macht – und plaziert sie in einem opulenten Zweiteiler zwischen Downton Abbey und Rosamunde Pilcher. Mehr Von Michael Hanfeld

25.01.2016, 17:54 Uhr | Feuilleton
Ehevertrag von 1804 Napoleon als Trauzeuge

In den Vereinigten Staaten steht bald ein Ehevertrag zum Verkauf, der die Unterschrift Napoleons und seiner Ehefrau Josephine trägt. Es ist eines der ersten Dokumente, die Napoleon als französischer Kaiser Anfang des 19. Jahrhunderts unterzeichnet hat. Mehr

22.01.2016, 08:19 Uhr | Feuilleton
Flüchtlingsroman Vom Warten wird man immer blöder

Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider hat einen Roman über einen Asylbewerber geschrieben. Mal wieder das Buch der Stunde? Oder ein sehr guter Roman? Mehr Von Julia Encke

30.01.2016, 22:41 Uhr | Feuilleton
Glosse

Zahlen wir bald nur noch 17,20 Euro?

Von Michael Hanfeld

Ja, wo gibt es denn sowas? Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff verrät als erster, dass die berühmte Gebührenkommission KEF vorschlägt, den Rundfunkbeitrag zu senken. Das klingt unglaublich. Und die sächsische Regierung ist auch schon dagegen. Mehr 52 79

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“