http://www.faz.net/-gr0-74wbw

Unsere Romanhelden : General Stumm von Bordwehr

Schöpfer des militärfernsten Generals der Literaturgeschichte: Robert Musil, der von 1880 bis 1942 lebte. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kontortrottel, Beamtengenie, Staatsphilosoph und der militärfernste General der Literaturgeschichte: Es ist unmöglich, Stumm von Bordwehr aus Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nicht zu lieben.

          Der Waffenrock ist „vergissmeinnichtfarben“. Getragen wird er von einem „rundlichen kleinen Mann mit schwänzelnden Augen und Goldknöpfen am Bauch“. Dieser Mann, heißt es, „hatte ursprünglich bei der Kavallerie gedient, aber er war ein untauglicher Reiter, und es fehlte ihm auch der befehlshaberische Sinn“. Voilà, General Stumm von Bordwehr in vollendeter Bonhomie.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine militärische Sternstunde schlägt, als er den Sattel gegen den Schreibtisch tauscht. Nun, im Sommer 1913, ist er „Leiter der Abteilung für Militär-Bildungs- und Erziehungswesen“ im Wiener Kriegsministerium des Kaisers Franz Joseph - und er ist in Robert Musils grandiosem Erzählkosmos „Der Mann ohne Eigenschaften“ die einzige rundum sympathische Figur. Kontortrottel, Beamtengenie und Staatsphilosoph zugleich, bringt General Stumm die Hauptfigur des Romans, den mathematischen Mystiker Ulrich, immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und versorgt ihn überdies mit der neuesten Sorte „Kommissbrot“, die bereits das Zukunfts-Etikett „1914“ trägt.

          Dass dann wirklich Krieg sein wird, ahnt im Roman niemand. Im Gegenteil, man ist im Sommer und Herbst 1913 bereits damit beschäftigt, für das 1918 bevorstehende siebzigste Regierungsjahr des Kaisers eine „Vaterländische Aktion“ vorzubereiten. Gesucht wird dafür die tragende Idee. Auf der Jagd nach ihr begibt sich Stumm von Bordwehr in die Wiener Hofbibliothek, wo „dreieinhalb Millionen Bände“ seiner harren: Als Beauftragter, als „Fachbeirat für zivile Geistesfragen“ will er sofort für „Ordnung“ im Chaos der „großen Menschheitsgedanken“ sorgen. Was Wunder, wenn wir ihm in Musils nachgelassenen Schlusskapiteln dann beim Besuch der Wiener Irrenanstalt wiederbegegnen.

          Zuvor aber darf dieser militärfernste General der Literaturgeschichte in aller Leutseligkeit den prophetischen Schlüsselsatz des Romans verkünden: „Irgendwie“, lautet er, „geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über.“ Auch dieser Sentenz wegen ist es ganz und gar unmöglich, General Stumm von Bordwehr nicht zu lieben.

          Weitere Themen

          Wir Untertanen

          Deutscher Sonderweg? : Wir Untertanen

          Das deutsche Kaiserreich war um 1900 ein Laboratorium des demokratischen Aufbruchs. Trotzdem hält sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Legende vom deutschen Sonderweg, einem Land unter der Pickelhaube.

          Picasso mäht Rasen Video-Seite öffnen

          Vor New Yorks Skyline : Picasso mäht Rasen

          Das Kunstwerk über den Künstler steht im Stadtteil Brooklyn, ist rund drei Meter hoch, und der Künstler Elliott Arkin sagt, wenn Picasso heute lebte, müsste er vielleicht auch Rasen mähen, da sich die Kunstwelt verändert habe.

          Mit Polen im Schaufenster

          Robert Lewandowski : Mit Polen im Schaufenster

          Polen selbstlos dienen und sich selbst ins Rampenlicht stellen: Robert Lewandowski steht bei der WM vor einem Spagat. Gegen Senegal hat er erstmals die Chance, auf der größten Bühne des Fußballs sein Können zu beweisen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.