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Unsere Romanhelden Emanuel

Lebensgier angesichts des Todes: Mit zwanzig Jahren lässt M. Blecher seine Figur Emanuel an Tuberkulose erkranken und greift mit „Vernarbte Herzen“ schonungslos und ohne Ironie nach dem Leser.

© Universitätsklinikum Frankfurt Vergrößern Keine Spur von einer Verletzung: auch das Herz Emanuels wäre auf dem CT-Bild unverletzt. Seine Erkrankung sitzt im Rückenmark. Unversehrt ist sein Organ trotzdem nicht

Emanuel, von dessen Schicksal der Roman „Vernarbte Herzen“ handelt, bekommt auf den ersten Seiten sein Todesurteil verkündet: Tuberkulose in der Wirbelsäule. Er muss in ein Sanatorium an die französische Kanalküste, sein gesamter Oberkörper wird eingegipst und er mit knapp zwanzig zum hinfälligen Krüppel unter lauter anderen Todgeweihten. Wie fühlt sich das an? „Emanuel spürte, dass ein Teil seines freien und essentiellen Lebens, wahrscheinlich für immer, aus ihm verschwunden war. An seiner Stelle hatte sich eine ruhige, schmerzende Bitterkeit eingenistet, wie ein neues, inneres Licht, angefüllt mit Traurigkeiten.“

M. Blecher, der uns Emanuels Martyrium im Sanatorium von Berck-sur-Mer ebenso nüchtern wie sensibel erzählt, spricht von sich selbst. Als der jüdische Rumäne 1938 mit noch nicht einmal dreißig Jahren starb, hatte er Berck und andere Sanatorien hinter sich, hatte sein letztes (und einziges erwachsenes) Lebensjahrzehnt im Liegen und Leiden verbracht. Wie Blecher fährt auch Emanuel auf einem Pritschenwagen, von einem Pony gezogen, durch die Dünen, verliebt sich in die geheilte Patientin Solange, bis er von dem demütigenden Verrenkungssex im Gips und ihrer Fürsorge genug hat und sich in einem halbverlassenen Haus am Strand einsam pflegen lässt.

Keine Spur von Ironie, kein bisschen Phantasie

Anders als in Thomas Manns „Zauberberg“, gleichfalls einem Schwindsüchtigen im Sanatorium gewidmet, oder in Kafkas „Verwandlung“, wo ebenfalls ein Mensch hilflos im Insektenpanzer landet, führt Emanuel in „Vernarbte Herzen“ keine Gedankenexperimente eines Dichters aus. Keine Spur Ironie, kein bisschen Phantasie. Hier wird konkret gelitten und gestorben. Durch seine nüchterne Körperchronik des langen Abschieds, durch seine naive Beobachtung des eigenen Verschimmelns und der eigenen Zersetzung wird Emanuel zum Helden aller - und jenseits aller Literatur.

Sein sterbender Freund Quitonce schenkt ihm ein Stück Rückenmark, ein blutend amputiertes Bein einer Zimmernachbarin wirkt ihm wie ein „wunderbarer Rosenstrauß“, die Kranken zocken beim Kartenspiel um Überlebenstage. Nichts davon ist dekadente Phantasie, alles echte, hoffnungslose Lebensgier. Wohl wegen dieses niederschmetternden Realitätsgehaltes ist der geniale Rumäne M. Blecher, den wahrscheinlich im Falle seiner Gesundung kurz darauf die Nationalsozialisten ermordet hätten, anders als Kafka und Mann heute bei uns so gut wie unbekannt. Dabei lässt Blecher seinen Emanuel den eigenen Tod nicht nur empfinden, sondern beinahe von innen beschreiben: „Gewiss, die Welt existiert weiter, aber jemand hat mit einem Schwamm die Bedeutung von den Dingen gewischt.“ Mehr kann keiner sagen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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