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Unsere Romanhelden : Anselm Kristlein

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Anselm Kristlein ist ein Künstler der Adaption: Anpassung, Dabeisein, Mitmachen. Das bietet der Figur Martin Walsers keinen Schutz, auch nicht im letzten Akt - einem Höllentrip.

          Am Anfang, eine Auferstehung, aber was für eine bei einem Kristlein. Da liegt einer im Bett und kann sich nicht entscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit. So beginnt „Halbzeit“ (1960), der erste Band der Anselm-Kristlein-Trilogie. Das liegt nicht nur am damaligen Proust-Rausch seines Autors Martin Walser, sondern bleibt ein Kennzeichen des Helden über die Folgeromane „Das Einhorn“ (1966) und „Der Sturz“ (1973) hinweg. Kristlein wird nie ganz wach, bleibt ein Traumwandler, der sich an seine Umgebung schmiegt, ohne sie zu verstehen. Er steckt immer mittendrin, es gibt kein „jenseits der Gesellschaft“. Darum ist Kristlein auch kein Außenseiterheld. Aber es gibt ein Oben und Unten. Walser erzählt die Nachkriegsgesellschaft als Naturgeschichte, soziale Unterschiede sind Existenzweisen, fast Gattungsunterschiede. Nicht dass Kristlein keine Karriere machen würde, er hangelt sich vom Vertreter zum Werbetexter, dann zum Schriftsteller, bevor der Abstieg zum Heimleiter beginnt. Aber das Wirtschaftswunder ändert nichts daran, dass einer zur Gattung der Abhängigen und Ohnmächtigen gehört.

          Die Evolution hat ihnen eine Möglichkeit gelassen: Mimikry. Anselm Kristlein ist ein Künstler der Adaption, der genau dies noch zu tarnen weiß. „Anpassung, Dabeisein, Mitmachen“. So geht das und exakt in dieser Reihenfolge. Aber im Verlauf der Romane geht Anselm die Kraft aus, er wird immer durchlässiger, empfänglicher, berührbarer. „Ich bin ein Anpasser. Aber wer bin dann ich?“ Der letzte Akt „Sturz“ ist ein Höllentrip, die Trilogie Dantes umgekehrt: (ein bescheidenes) Paradies, Fegefeuer, Inferno. Der Träumer wird zum Albträumer. Zwischen „Halbzeit“ und „Sturz“ hat Walser sein Sprachvertrauen verloren, taugt die Sprache im ersten Roman zur Mimikry, scheitert sie im zweiten auf der Suche nach dem Geheimnis der Liebe. Im letzten ist sie bodenlos und ohne Antwort. Die Scheherazade Anselm Kristlein, die redet, um zu überleben, um dazuzugehören: Am Ende ist sie nur erschöpft.

          Ein entropischer Held ist nicht bildungsromantauglich, die Evolution kennt kein Ziel. Darum sind die Kristlein-Romane so gegenwartsbesessen, über 1500 Seiten Alltag. Genauigkeit sprengt die Form, es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Hoffnung auf eine wiedergefundene Zeit. Alles könnte so weitergehen, wenn Kristlein nicht müde geworden wäre. Irgendwo träumt er vielleicht immer noch, am Bodensee oder anderswo.

          PS: Der lustigste Friseurbesuch der Weltliteratur steht in „Halbzeit“ auf Seite 48.

          Quelle: F.A.Z.

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