Home
http://www.faz.net/-gr0-72iil
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Unsere Romanhelden Anselm Kristlein

Anselm Kristlein ist ein Künstler der Adaption: Anpassung, Dabeisein, Mitmachen. Das bietet der Figur Martin Walsers keinen Schutz, auch nicht im letzten Akt - einem Höllentrip.

Am Anfang, eine Auferstehung, aber was für eine bei einem Kristlein. Da liegt einer im Bett und kann sich nicht entscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit. So beginnt „Halbzeit“ (1960), der erste Band der Anselm-Kristlein-Trilogie. Das liegt nicht nur am damaligen Proust-Rausch seines Autors Martin Walser, sondern bleibt ein Kennzeichen des Helden über die Folgeromane „Das Einhorn“ (1966) und „Der Sturz“ (1973) hinweg. Kristlein wird nie ganz wach, bleibt ein Traumwandler, der sich an seine Umgebung schmiegt, ohne sie zu verstehen. Er steckt immer mittendrin, es gibt kein „jenseits der Gesellschaft“. Darum ist Kristlein auch kein Außenseiterheld. Aber es gibt ein Oben und Unten. Walser erzählt die Nachkriegsgesellschaft als Naturgeschichte, soziale Unterschiede sind Existenzweisen, fast Gattungsunterschiede. Nicht dass Kristlein keine Karriere machen würde, er hangelt sich vom Vertreter zum Werbetexter, dann zum Schriftsteller, bevor der Abstieg zum Heimleiter beginnt. Aber das Wirtschaftswunder ändert nichts daran, dass einer zur Gattung der Abhängigen und Ohnmächtigen gehört.

Die Evolution hat ihnen eine Möglichkeit gelassen: Mimikry. Anselm Kristlein ist ein Künstler der Adaption, der genau dies noch zu tarnen weiß. „Anpassung, Dabeisein, Mitmachen“. So geht das und exakt in dieser Reihenfolge. Aber im Verlauf der Romane geht Anselm die Kraft aus, er wird immer durchlässiger, empfänglicher, berührbarer. „Ich bin ein Anpasser. Aber wer bin dann ich?“ Der letzte Akt „Sturz“ ist ein Höllentrip, die Trilogie Dantes umgekehrt: (ein bescheidenes) Paradies, Fegefeuer, Inferno. Der Träumer wird zum Albträumer. Zwischen „Halbzeit“ und „Sturz“ hat Walser sein Sprachvertrauen verloren, taugt die Sprache im ersten Roman zur Mimikry, scheitert sie im zweiten auf der Suche nach dem Geheimnis der Liebe. Im letzten ist sie bodenlos und ohne Antwort. Die Scheherazade Anselm Kristlein, die redet, um zu überleben, um dazuzugehören: Am Ende ist sie nur erschöpft.

Mehr zum Thema

Ein entropischer Held ist nicht bildungsromantauglich, die Evolution kennt kein Ziel. Darum sind die Kristlein-Romane so gegenwartsbesessen, über 1500 Seiten Alltag. Genauigkeit sprengt die Form, es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Hoffnung auf eine wiedergefundene Zeit. Alles könnte so weitergehen, wenn Kristlein nicht müde geworden wäre. Irgendwo träumt er vielleicht immer noch, am Bodensee oder anderswo.

PS: Der lustigste Friseurbesuch der Weltliteratur steht in „Halbzeit“ auf Seite 48.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Facebook und Journalismus Bitte benutzen Sie den Lieferanteneingang

Spiegel und Bild servieren ihre Artikel jetzt direkt Facebook. Geld bekommen sie dafür nicht. Es gibt nicht einmal einen Link zum Urheber. Warum macht die Presse so etwas mit? Mehr Von Michael Hanfeld

15.05.2015, 11:28 Uhr | Feuilleton
Stereoscope Ukraine Roman Dubasevych stellt sich vor

Der Kulturwissenschaftler Roman Dubasevych arbeitet an der Universität Greifswald und ist enttäuscht darüber, dass es in der Ukraine nicht gelungen ist, Gegensätze friedlich zu überwinden. Mehr

20.02.2015, 11:15 Uhr | Politik
Zweite Bundesliga Ingolstadt feiert - und der Aufstiegskampf geht weiter

Der FC Ingolstadt ist der 54. Verein der Bundesligageschichte. Darmstadt 98 verpasst derweil die Chance zum Aufstieg - hat aber weiter die besten Karten im Kampf um Rang zwei. Im Abstiegskampf fällt die Entscheidung in der Fremde - alle gefährdeten Klubs müssen auswärts antreten. Mehr

17.05.2015, 17:29 Uhr | Sport
Paketdienste im Test Ein Sturz aus zwei Meter Höhe

Rund drei Mal so viele Pakete wie sonst sind vor Weihnachten unterwegs. Doch nicht immer kommt die Ware unbeschädigt beim Empfänger an. Wie sicher sind Pakete? Ein Test zeigt, wie mit der Ware umgegangen wird. Mehr

08.12.2014, 15:41 Uhr | Wirtschaft
Luz von Charlie Hebdo Er lehrt die Mörder das Zeichnen

Ein Mann zeichnet sich frei: Der Karikaturist Luz hat den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebt. In seinem Buch Catharsis dokumentiert er seine Trauer um die ermordeten Freunde. Mehr Von Jürg Altwegg

23.05.2015, 14:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.09.2012, 12:16 Uhr