07.01.2012 · Auf ihren ersten Auftritt lässt uns Leo Tolstoi fast hundert Seiten lang warten. Dann begegnen wir Anna Karenina, und auch Wronski begegnet ihr, der dem Mut und der Gradlinigkeit seiner späteren Geliebten so wenig gewachsen ist wie ihrer Liebe.
Von Felicitas von LovenbergSo, wie sie aus dem Leben scheidet, kommt sie in jenem des Lesers an: mit dem Zug. Fast hundert Seiten lässt uns Leo Tolstoi auf das erste Erscheinen einer der unvergesslichsten Frauenfiguren der Weltliteratur warten. Aber dann: Funkelnde Augen und ein Lächeln unterstreichen die „verhaltene Lebhaftigkeit“ ihrer Erscheinung, doch der kurze Blick, den sie mit Graf Wronski auf dem Perron wechselt, fährt dem jungen Offizier ins Mark.
Anna Karenina mit ihren schönen, klaren Gesichtszügen, den grauen Augen und dem lockigen dunklen Haar, den kleinen Händen und der anmutig fülligen Gestalt verströmt eine zeitlos anziehende Weiblichkeit. Immer wieder stellt Tolstoi die Herzlichkeit ihres ungekünstelten Wesens heraus, jene Einfachheit nicht des Intellekts, sondern des Herzens. Anna Arkadjewna ist hingebungsvolle Mutter eines achtjährigen Sohnes und umsichtige Gattin eines Petersburger Staatsmannes - und doch ist sie unausgefüllt, bleibt ein Abstand zwischen ihr und der Gesellschaft, in der sie sich so souverän bewegt. Wie der Leser spürt ihre junge Freundin Kitty sofort, „dass Anna eine andere, höhere Welt in sich trug, komplizierte und poetische Interessen“. Vor der Belagerung durch Wronski stillt sie ihr Bedürfnis nach seelischem Austausch nicht zuletzt als eifrige Leserin.
Wronskis Verehrung für Anna Karenina ist so plakativ wie ausdauernd, und seine Hartnäckigkeit ist es, die sie von der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle überzeugt und ihre Skepsis, Selbstzweifel und Lebenserfahrung schließlich niederringt. Sie bekennt sich zu Wronski und ist bereit, die Folgen in Kauf zu nehmen. Ihre Tragödie liegt darin, dass Wronski dem Mut und der Gradlinigkeit seiner Geliebten so wenig gewachsen ist wie ihrer Liebe. In ihrer Enttäuschung ist auch Anna Karenina nicht frei von kleinlichen Rachegedanken. So erscheint ihr am Ende der Tod als „einziges Mittel, um seine Liebe zu ihr wiederherzustellen, ihn zu bestrafen und den Sieg zu erringen in dem Kampf, den der böse Geist, der sich in ihrem Herzen eingenistet hatte, gegen ihn führte“. Aber ebenso schwer wie die Erkenntnis, dass Wronskis Gefühl erlischt, wiegt die Strafe ihres Mannes, nämlich die Trennung von ihrem Sohn.
Das Fesselnde am Schicksal dieser Glückssucherin ist das Unausweichliche ihres Weges. Wir teilen jede ihrer Regungen, verstehen all ihre Entscheidungen und begreifen, dass gegen eine Leidenschaft wie die ihre keine Familie, keine Ordnung, kein Charakter standhält. Aber um als Warnung zu dienen, kommt Anna Karenina uns zu nah.
Wer in unserem literarischen Paralleluniversum lebt
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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