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Unsere Romanhelden Alice

Kein Zufall, dass ihr Werk von Wissenschaftlern geplündert wird, wenn sie die Abgründe der Logik oder der Quantenwelt verdeutlichen wollen: Mit Alice beginnt die Reise in die Unerklärlichkeit der modernen Welt.

© Insel Verlag Vergrößern

Als die Achtzigjährige 1932 in New York von Bord stieg, flammte ein Blitzlichtgewitter auf. Alle wollten Alice sehen, jene kleine Alice, die seit einem halben Jahrhundert in den Kinderstuben heimisch geworden war. Alice ist eine der wenigen Romanfiguren, die sich über das Werk äußern konnten, in dem der Autor sie wie einen Flaschengeist gefangengehalten hatte. Nein, sie war nicht identisch mit der Alice im Wunderland, und des Rummels war sie überdrüssig, auch wenn sie vor der Abfahrt nach New York einem Mädchen ein Autogramm geben sollte, der künftigen Königin von Großbritannien.

Lewis Carroll, der eigentlich Charles Lutwidge Dodgson hieß, Mathematiker und Theologe in Oxford, war eng befreundet mit der Familie von Alice Liddell. Ihr Vater war Präsident des College und empfing hochgestellte Persönlichkeiten in seinem Haus. Mit Geschichten, Geschenken und seiner Fotoapparatur war der scheue, stotternde Dozent ein gerngesehener Gast im Haus. Als er mit den Kindern und einem Freund wieder einmal auf der Themse ruderte, nötigte ihn Alice, eine Geschichte zu erzählen, die so lang wie die Bootsfahrt dauern sollte. Und so begann ihr zweites Leben in einer Kaninchenhöhle, in der sie sich einer absurden Welt erwehren muss durch common sense, Altklugheit und einen Hang zu klitzekleinen Grausamkeiten. Mit ihr beginnt die Reise in die Unerklärlichkeit der modernen Welt - kein Zufall, dass ihr Werk von Wissenschaftlern geplündert wird, wenn sie die Abgründe der Logik oder der Quantenwelt verdeutlichen wollen.

Wer besser als die Katze, die nur von ihrem Grinsen überlebt wird (wie Kafkas Josef K. von seiner Schuld), wer anders als die verrückte Teerunde kann das Rätsel des menschlichen Bewusstseins und der Zeit genauer auf den Punkt bringen? Anders als K. aber kann Alice sich befreien. Sie wächst wörtlich über sich hinaus, bis der Gerichtssaal samt Geschworenen und König nur noch Karten sind, ein Spiel, nichts weiter. Das gefällt uns, wie dieses Mädchen die Welt der tierischen Erwachsenen durchschaut hat.

Übrigens entfremdeten sich Autor und Romanfigur, als Alice älter wurde. Das Manuskript „Alice’s Adventures Underground“, das der Autor ihr geschenkt hatte, musste sie aus Geldnot verkaufen. Heute steht es als Reliquie in der British Library in einem Glaskasten, das Herz eines imaginären Wesens.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.04.2012, 09:40 Uhr