Home
http://www.faz.net/-hbu-6x807
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unsere Romanhelden Ahab

28.01.2012 ·  Wer nach der Sonne schlüge, hätte sie ihn gekränkt, der macht auch vor dem Leviathan nicht halt: Der Waljäger Ahab aus Herman Melvilles „Moby-Dick“ ist ein Besessener.

Von Freddy Langer
Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Besessenheit wird man kaum eine Tugend nennen wollen, ist aber nicht die schlechteste Eigenschaft für eine Romanfigur. Und wer auf Teufel komm raus erfahren will, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, wer das Unerforschliche hasst und deshalb meint, sein Weg müsse zwangsläufig durch Mauern führen, der darf nicht halbherzig zu Werke gehen. Die Mauer aber heißt Moby Dick, ist dieser vermaledeite weiße Wal, der Ahab einst entmastet hat und dem er nun seinen Stelzfuß verdankt.

Tapp, tapp hallt es des Nachts von den Planken der „Pequod“ wider, wenn Ahab getrieben über das Schiff spaziert. Und tapp, tapp klopft ihm der Gedanke an die Jagd von innen an die Schädeldecke, wie das Küken an die Schale seines Eis. Bis ihm der Kopf zu platzen droht. Und so kommen die hellen Momente des Zweifelns zu selten, dass hinter der Mauer vielleicht nur das Nichts auf ihn wartete. „But ’tis enough“, sagt er dann: Gleichwohl! Und bald darauf die Frage: „Wer steht denn über mir?“ Wer nach der Sonne schlüge, hätte sie ihn gekränkt, der macht auch vor dem Leviathan nicht halt. Da ahnt man den Blitz, der in seinen Augen züngelt, während er auf dem Achterdeck die Mannschaft auf den großen Fischfang einschwört - eine Unze spanischen Golds für den, der das Tier als Erster erspäht.

Einmal kehrt er doch zurück

„Moby-Dick“ ist kein Leitfaden für Hobbyangler. Es ist eine Reflexion des Lebens, mit der sich Herman Melville weit entfernt hat vom Glauben der Zeitgenossen an eine tröstende Natur, deren Zeichen man nur richtig deuten müsse. Der Weltsicht der Transzendentalisten stellt er sein Bild vom Desinteresse des Universums am Schicksal des Menschen entgegen. Bei ihm bedeutet nichts etwas anderes als das, was es ist. Und so geht Ahab letztlich am Irrglauben zugrunde, dass alle sichtbaren Dinge gleichsam nur Masken aus Pappe seien und man diese Masken nur zerschlagen müsse, um an die Wahrheit zu gelangen. Die Deutungshoheit über die Welt zu reklamieren aber, mag Ishmael notieren, Ahabs skeptischer Chronist, der nur die Möglichkeitsform kennt, ist Blasphemie.

So wirkt Ahab wie der Leibhaftige selbst, wenn er am Schluss der dreitägigen Jagd mit dem Wal in die Tiefen des Ozeans taucht, im verknäulten Tauwerk der Harpunen an dessen Leib gefesselt, und sein Arm aus einer Schlinge heraus den anderen zuwinkt, sie sollten ihm folgen. Aber da mag sich die Erinnerung an Gregory Peck über die der Lektüre geschoben haben. Und doch, einmal, im Jahre 1934, kehrt Ahab in einer für die Jugend bearbeiteten Fassung nach Hause zurück. „Ahab, o Ahab, so lang habe ich gewartet“, sagt Faith, seine Frau, die ihn am Gartenzaun erwartet und ihn in ihre Arme schließt. „Er durfte seine Rache nehmen und erhielt dafür die Belohnung“, endet das Buch. Frei von Herman Melville.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

Jüngste Beiträge