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Unseld-Berkéwicz abberufen Suhrkamputt: Haus ohne Hüterin

 ·  Das Berliner Landgericht sprach am Montag zwei für Suhrkamp fatale Urteile. Der Verlag zeigt sich schockiert und geht in Revision. Ist er schon jetzt sturmreif geschossen?

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© Andreas Pein Vergrößern Berlin-Nikolassee, Gerkrathstraße 6, am Montagnachmittag: Um diese Villa ging es im Berliner Suhrkamp-Prozess

Das Urteil des Berliner Landgerichts im Prozess der Medienholding Winterthur gegen die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags ist eindeutig: Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hat die Räume ihrer Privatvilla im Berliner Stadtteil Nikolassee (unser Bild oben) rechtswidrig an ihren eigenen Verlag für Veranstaltungen und Übernachtungen vermietet. Deshalb müssen Frau Unseld-Berkéwicz und ihre Mitgeschäftsführer Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe dem Verlag zusammen 282.486 Euro Schadenersatz zahlen sowie alle Kosten ersetzen, die im laufenden Jahr durch die Anmietung des größten Teils der Villa für monatlich 6600 Euro entstanden sind.

Entscheidungen, die am Montag in Berlin verkündet wurden. Im zweiten Verfahren ging es um die Klage der Medienholding Winterthur auf Ablösung der jetzigen, durch die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung berufenen Geschäftsführung - und in dieser Sache erging ein Urteil, das für den zwischen Minder- und Mehrheitsgesellschaftern zerrissenen Suhrkamp Verlag noch fataler ist. Das Gericht erklärte nämlich sämtliche Beschlüsse für nichtig, mit denen die Gesellschafterversammlung im November 2011 die Abberufungsanträge der durch den Bildhauer-Enkel Hans Barlach vertretenen Medienholding abgewiesen hatte, und stellte statt dessen die Rechtsgültigkeit ebenjener Anträge fest.

Das bedeutet, dass die drei Geschäftsführer Landgrebe, Sparr und Unseld-Berkéwicz nicht nur zahlen müssen, sondern auch seit Ende 2011 nicht mehr im Amt sind. Allerdings nur, wenn das Urteil rechtskräftig wird, und dagegen will sich die Verlagsleitung, die laut Pressesprecherin Tanja Postpischil „im Augenblick schockiert“ ist, mit allen Mitteln wehren. Der Streit geht also in Revision zum Berliner Kammergericht, und von dort wird er, wenn nicht alles täuscht, zum Bundesgerichtshof weitergereicht.

Aber auch ohne eine endgültige Entscheidung, sei es in diesem, sei es im parallel laufenden Frankfurter Prozess, ist das Haus Suhrkamp schon jetzt sturmreif geschossen. Denn wer wollte Autoren- und andere Verträge mit einer Geschäftsführung abschließen, die nur noch auf Abruf bis zum nächsten Prozesstermin amtiert? Und wer vertraute einem Unternehmen, dessen Gesellschafter einander bekriegen? Hans Barlach, der Antagonist in diesem Drama, kann jetzt wie Shakespeares rächender Antonius sagen: „Unheil, du bist im Zuge: Nimm, welchen Lauf du willst!“ Wir aber wissen, wie der Lauf des Unheils enden wird: mit dem Untergang eines Verlags, wie es ihn in der deutschen Geistesgeschichte kein zweites Mal geben wird.

Alexander Kluge zum Urteil

Das ist jetzt eine reine Nervensache, denn der Vorgang ist ja noch nicht rechtskräftig und wird nun in die nächste Instanz gehen. So etwas kann sich zwei oder auch drei Jahre hinziehen. Die Berliner Justiz macht ja manchmal überraschende Sachen. Ich finde dieses Urteil juristisch spitzfindig. Als Autor denke ich, dass man so mit einem Verlag nicht umgehen kann. Das gilt für den Minderheitsgesellschafter, aber auch für das Landgericht. Was hier stattfindet, ist ein bitterer Krieg, und als Autor fühle ich mich vor allem als Patriot des Verlages, der gute Arbeit leistet. Das gilt vor allem für das Lektorat, das hier versammelt ist. Ein Verlag wie Suhrkamp ist ein Lebewesen wie ein Korallenriff: wunderschön, aber immer bedroht.

Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller, Filmemacher, Jurist und Autor des Suhrkamp Verlages seit 1972.

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