http://www.faz.net/-gqz-74yp8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.12.2012, 17:02 Uhr

Unseld-Berkéwicz abberufen Suhrkamputt: Haus ohne Hüterin

Das Berliner Landgericht sprach am Montag zwei für Suhrkamp fatale Urteile. Der Verlag zeigt sich schockiert und geht in Revision. Ist er schon jetzt sturmreif geschossen?

von
© Andreas Pein Berlin-Nikolassee, Gerkrathstraße 6, am Montagnachmittag: Um diese Villa ging es im Berliner Suhrkamp-Prozess

Das Urteil des Berliner Landgerichts im Prozess der Medienholding Winterthur gegen die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags ist eindeutig: Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hat die Räume ihrer Privatvilla im Berliner Stadtteil Nikolassee (unser Bild oben) rechtswidrig an ihren eigenen Verlag für Veranstaltungen und Übernachtungen vermietet. Deshalb müssen Frau Unseld-Berkéwicz und ihre Mitgeschäftsführer Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe dem Verlag zusammen 282.486 Euro Schadenersatz zahlen sowie alle Kosten ersetzen, die im laufenden Jahr durch die Anmietung des größten Teils der Villa für monatlich 6600 Euro entstanden sind.

Andreas  Kilb Folgen:

Entscheidungen, die am Montag in Berlin verkündet wurden. Im zweiten Verfahren ging es um die Klage der Medienholding Winterthur auf Ablösung der jetzigen, durch die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung berufenen Geschäftsführung - und in dieser Sache erging ein Urteil, das für den zwischen Minder- und Mehrheitsgesellschaftern zerrissenen Suhrkamp Verlag noch fataler ist. Das Gericht erklärte nämlich sämtliche Beschlüsse für nichtig, mit denen die Gesellschafterversammlung im November 2011 die Abberufungsanträge der durch den Bildhauer-Enkel Hans Barlach vertretenen Medienholding abgewiesen hatte, und stellte statt dessen die Rechtsgültigkeit ebenjener Anträge fest.

Ulla Berkéwicz © dpa Vergrößern Ulla Unseld-Berkéwicz

Das bedeutet, dass die drei Geschäftsführer Landgrebe, Sparr und Unseld-Berkéwicz nicht nur zahlen müssen, sondern auch seit Ende 2011 nicht mehr im Amt sind. Allerdings nur, wenn das Urteil rechtskräftig wird, und dagegen will sich die Verlagsleitung, die laut Pressesprecherin Tanja Postpischil „im Augenblick schockiert“ ist, mit allen Mitteln wehren. Der Streit geht also in Revision zum Berliner Kammergericht, und von dort wird er, wenn nicht alles täuscht, zum Bundesgerichtshof weitergereicht.

Aber auch ohne eine endgültige Entscheidung, sei es in diesem, sei es im parallel laufenden Frankfurter Prozess, ist das Haus Suhrkamp schon jetzt sturmreif geschossen. Denn wer wollte Autoren- und andere Verträge mit einer Geschäftsführung abschließen, die nur noch auf Abruf bis zum nächsten Prozesstermin amtiert? Und wer vertraute einem Unternehmen, dessen Gesellschafter einander bekriegen? Hans Barlach, der Antagonist in diesem Drama, kann jetzt wie Shakespeares rächender Antonius sagen: „Unheil, du bist im Zuge: Nimm, welchen Lauf du willst!“ Wir aber wissen, wie der Lauf des Unheils enden wird: mit dem Untergang eines Verlags, wie es ihn in der deutschen Geistesgeschichte kein zweites Mal geben wird.

Mehr zum Thema

Alexander Kluge zum Urteil

Das ist jetzt eine reine Nervensache, denn der Vorgang ist ja noch nicht rechtskräftig und wird nun in die nächste Instanz gehen. So etwas kann sich zwei oder auch drei Jahre hinziehen. Die Berliner Justiz macht ja manchmal überraschende Sachen. Ich finde dieses Urteil juristisch spitzfindig. Als Autor denke ich, dass man so mit einem Verlag nicht umgehen kann. Das gilt für den Minderheitsgesellschafter, aber auch für das Landgericht. Was hier stattfindet, ist ein bitterer Krieg, und als Autor fühle ich mich vor allem als Patriot des Verlages, der gute Arbeit leistet. Das gilt vor allem für das Lektorat, das hier versammelt ist. Ein Verlag wie Suhrkamp ist ein Lebewesen wie ein Korallenriff: wunderschön, aber immer bedroht.

Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller, Filmemacher, Jurist und Autor des Suhrkamp Verlages seit 1972.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fünf Verletzte Junge nach illegalem Autorennen in Lebensgefahr

Gefährliches Kräftemessen: Wieder sind Unbeteiligte bei einem illegalen Autorennen verletzt worden. Ein sechsjähriger Junge kämpft um sein Leben. Mehr Von Reiner Burger

20.05.2016, 15:49 Uhr | Gesellschaft
Costa Concordia Das gestrandete Ungetüm

Als die Costa Concordia noch im Hafen von Genua lag, hat Jonathan Danko Kielkowski etwas Ungeheuerliches unternommen: Er ist zum Wrack geschwommen. Von seinem Blitzbesuch brachte er schauerlich-schöne Fotos mit, die es nun als Bildband gibt. Mehr

22.05.2016, 10:01 Uhr | Reise
Nürnberg-Trainer René Weiler Ich bin frustriert, ich bin schockiert

Die Aufregung um die Aussagen des Nürnberger Trainers im Fall des schwer erkrankten Marco Russ ist groß. Nun äußert sich René Weiler wieder – und übt scharfe Kritik. Mehr Von Jörg Daniels

22.05.2016, 14:50 Uhr | Sport
Istanbul Anschlag auf Angeklagten in türkischem Journalisten-Prozess

Ein Attentäter hat am Freitag vor dem Istanbuler Gerichtsgebäude kurz vor der Urteilsverkündung im Prozess gegen regierungskritische Journalisten auf den Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, Can Dündar, geschossen. Zuvor rief der Angreifer offenbar Verräter. Dündar blieb unverletzt. Mehr

06.05.2016, 23:18 Uhr | Politik
Nigerias Zwiespalt Wo die Scharia optional ist

Mit über 180 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen Christen und Muslimen. Dabei geht es meist aber nicht um einen Konflikt zwischen Religionen. Mehr Von Thomas Scheen, Nairobi

21.05.2016, 16:13 Uhr | Politik
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 45

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“