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„Unendlicher Spaß“ als Hörbuch : Der Schwarm

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Farce und Finesse: der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace (1962 bis 2008) Bild: B. Cannarsa/Opale/Leemage/laif

Lässt sich das exzessive Sprachkunstwerk „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace überhaupt vertonen? Für ein neues Hörspiel hat der WDR 1400 Sprecher, Laien und Liebhaber vors Mikro gebeten – mit ungeahnten Folgen.

          Es geht um Tennis, Drogen und Depressionen, um die entfesselte Bespaßungsindustrie und die Jagd nach einem mysteriösen Film, der als Terrorwaffe einzustufen ist: Die Leute fallen beim Anschauen ins dauergrinsende Wachkoma. David Foster Wallace war ein manischer Sammler von Zivilisationsschutt, ein Spezialist für dysfunktionale Existenzen und deformierte Biographien. Sein Amerika gleicht einer Freakshow. Intelligenter ist die allgemeine Verblödung nie beschrieben worden als in seinem Mammutroman „Unendlicher Spaß“. 1996 erschienen, spielt er in einer Zukunft, die inzwischen schon wieder Vergangenheit ist. Unsere Zeitrechnung, so will es der Roman, wurde um die Jahrtausendwende abgelöst von der „Sponsorenzeit“. Konzerne verschaffen der Regierung zusätzliche Einnahmen, indem sie Jahre kaufen und nach ihren Produkten benennen. So lassen sich die Abschnitte des Romans einordnen, je nachdem, ob sie etwa im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“, im „Jahr des Glad-Müllsacks“ oder im „Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas“ stattfinden.

          Zu den zentralen Figuren gehört James O. Incandenza. Bevor er Selbstmord begeht, hat er zahllose, größtenteils aber unveröffentlichte Experimentalfilme gedreht, die in einer ausufernden Fußnote als riesiger Projektefriedhof aufgelistet werden. Und er hat die Enfield-Tennisakademie gegründet, ein Drill-Internat für die Stars von morgen. Geleitet von seiner Witwe Avril, gehören zu den Schülern die Söhne der Incandenzas, darunter die autobiographisch angelegte Hauptfigur Hal. „Unendlicher Spaß“ ist – neben hundert anderen Handlungs- und Verschwörungssträngen – auch der Roman einer exzentrischen Familie.

          Was da alles drinsteckt!

          Unterhalb der Tennisschule befindet sich der zweite und gegenbildliche Hauptschauplatz des Romans, die Entzugsklinik Ennet House. Hier wird nicht der Erfolg gezüchtet, sondern das Versagen betreut. Es gibt keinen anderen Roman, der das Thema Sucht so facettenreich darstellt wie „Unendlicher Spaß“. Dass er damit noch an Aktualität gewonnen hat, beweisen die mehr als fünfzigtausend Drogentoten, die die amerikanische Suchtgesellschaft allein 2016 zu beklagen hatte. Der Roman schildert eine Welt, die sich zwischen den Schrecken der Zerstreuung und den Versuchungen zur Intensivierung verliert. Alle denkbaren Berauschungstechniken und Suchtmittel werden durchdekliniert, Sport, Sex und Toblerone-Schokolade und natürlich auch sonst so alles, was geschluckt, getrunken, gespritzt, geraucht oder geschnupft werden kann, um die Neurorezeptoren zu stimulieren und die körpereigene Biochemie der Belohnung auszutricksen, die eigentlich Anstrengungen in der Außenwelt prämiert. Substanzenmissbrauch aber ist absolut selbstreferentiell (abgesehen vom nervenzerfetzenden Warten auf den Drogenkurier) und damit ein postmoderner Zustand par excellence. Skurrile Komik macht sich geltend, wenn der Exganove Don Gately die Meetings der Anonymen Alkoholiker besucht oder von den Superhelden des Entzugs die Rede ist: „kompromisslos genesenden Menschen, die Fluchtmöglichkeit auf Fluchtmöglichkeit nihilieren“, bis sie passiv nur noch auf einem blanken Stuhl sitzen.

          In „Unendlicher Spaß“ verbindet sich bohrender existentieller Ernst mit einer abgründigen Ironie, die der Roman auch gegen sich selbst richtet – gegen alle Routinen des Literarischen, gegen die postmodernen Tricks ebenso wie gegen die herkömmliche Einfühlungspsychologie. Das hat Konsequenzen für eine Hörbuchfassung. Man kann sich kaum vorstellen, dass Meister des identifikatorischen, eindringlich-empathischen Vortrags wie zum Beispiel Christian Brückner oder Ulrich Noethen dieses Werk überzeugend umsetzen würden. Seiner durchdringenden Ironie lässt sich nur gerecht werden, wenn man Signale der Ironie und Distanzierung in die Lesung selbst einbaut, ihr eine Art Brechtschen Verfremdungseffekt implementiert. Von Brecht ist tatsächlich gegen Ende des Romans einmal die Rede, wenn es über die Schauspielervorlieben des James O. Incandenza heißt, er habe geglaubt, „allein durch die gestelzte, hölzerne Qualität von Amateuren könne er sich der schädlichen Realismusillusion entledigen“.

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