Home
http://www.faz.net/-gqz-xxa6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Unbekannte Schätze Holt die Romantiker aus dem Keller!

Frankfurt, Hauptstadt der Romantik: Im Freien Deutschen Hochstift ist eine bedeutende Sammlung von Handschriften, Briefen und Gemälden herangewachsen. Jetzt muss das Museum gebaut werden, in dem die Schätze gezeigt werden können.

© David Hall / Frankfurter Goethe-Haus - Freies Deutsches Hochstift Auch dieser Inbegriff romantischer Malerei ist im Besitz des Hochstifts: Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Abendstern” (um 1830)

Im Jahr 1800 beginnt Ludwig Tieck ein Versdrama mit einem eindeutigen Titel: „Anti-Faust“. Wie bei den Romantikern häufig der Fall, bleibt das Stück Fragment, nur der erste Akt wird fertig. Der geborene Ironiker Tieck legt sich spielerisch mit dem Klassiker Goethe an: In einer Leihbibliothek sitzen lauter Nachwuchsteufelchen und lesen „Faust“-Bearbeitungen. Dass missfällt Satan sehr. Er ohrfeigt gar einen der Unterteufel, denn für ihn kann es nur einen „Faust“ geben - den von Goethe.

Hannes Hintermeier Folgen:

Seit zweihundert Jahren ragt Goethe als turmhoher Klassiker mit weltweiter Ausstrahlung auf. In seiner Vaterstadt gilt das nur bedingt. Denn hier ist zwar mit dem zum Museum gewordenen Goethe-Geburtshaus und dem Trägerverein Freies Deutsches Hochstift eine Institution ansässig, deren Rang als Museum wie als Forschungs- und Sammlungsstätte unbestritten ist, aber unter Wert verkauft wird. Dass die Frankfurter mit ihrem größten Sohn nie mehr als lauwarm geworden sind, kann man auch daran ablesen, dass es bis heute im Stadtmarketing keine Strategie für die globale Marke Goethe gibt. Man denke nur an die Kunst der Österreicher, aus Mozart Umwegrentabilitäten zu generieren, die in Afrika ganze Volkswirtschaften ernährten.

Mehr zum Thema

Das Rheintal als romantische Sagenlandschaft entdeckt

Das 1859 gegründete Hochstift ist sowohl der demokratischen Geistesbildung als auch der Wahrung des Goethe-Schatzes verpflichtet. Aber eben nicht nur. 1911 kamen erste Bestände von Romantikern ins Haus, 1929 ersteigerte der damalige Hochstifts-Direktor Ernst Beutler einen bedeutenden Teil des Nachlasses vom Dichterpaar Achim und Bettine von Arnim, in den dreißiger Jahren folgte Handschriften von Novalis. Den größeren Teil des Nachlasses, der damals zunächst nach Israel gegangen war, holte sich Beutler 1960 in einer Auktion wieder, für 450 000 Mark, obwohl er nur 150 000 zur Verfügung hatte - der Rest war Improvisation und Leidenschaft. Das sind bis heute die Antriebskräfte geblieben: Im Hochstift mischen sich Philologie, Bibliophilie und Bürgersinn in dem Bemühen, ein Erbe zu bewahren. Darüber droht immer wieder in Vergessenheit zu geraten, wie einzigartig und bedeutend dieses Erbe ist.

Holt die Romantiker aus dem Keller! Auch dieser Inbegriff romantischer Malerei ist im Besitz des Hochstifts: Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Abendstern” (um 1830) © David Hall / Frankfurter Goethe-Haus - Freies Deutsches Hochstift Bilderstrecke 

Die Dichter der romantischen Bewegung waren über das ganze Land verteilt. in Jena, Heidelberg, Wien, München, Dresden, Berlin - und in der Schnittstelle Frankfurt, wo es der aus Italien stammende Familie Brentano Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gelungen war, als Katholiken Bürgerrechte zu erwerben und eine Handelsdynastie aufzubauen, die eine bedeutende Rolle in Wirtschaft, Recht und Künsten spielte. Pietro Antonio Brentano zeugte mit drei Frauen zwanzig Kinder; darunter Clemens und Bettine, von denen die Initiative zur Neuentdeckung des Rheintals als romantische Sagen- und Kernlandschaft ausging. Deren Mutter Maximiliane war die Tochter von Sophie von La Roche, der ersten hauptberuflichen Schriftstellerin des Landes. Und Goethe und die Brüder Grimm verkehrten im Haus Franz von Brentanos in Winkel am Rhein.

Die Frankfurter und ihr größter Sohn

Neben hochkarätiger Wissenschaft in Sachen Goethe ist am Hochstift die Kritische Ausgabe der Werke Hugo von Hofmannsthals entstanden, sind derzeit die Frankfurter Brentano-Ausgabe und die Digitale Faust-Edition in Arbeit. Über die Jahre ist durch eigene Sammlungspolitik, Schenkungen und Leihgaben eine Sammlung von Romantikerhandschriften und Nachlässen zusammengekommen, die ihresgleichen vergeblich sucht. Allein die Handschriften füllen 175 Archivkartons, darunter Autographen von Bettine, Clemens und Ludwig Achim von Brentano, Adelbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff, Novalis, Fouqué, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck und Karoline von Günderrode. Dazu fünfhundert Gemälde, noch mehr Zeichnungen, Radierungen, aber auch Möbel, Kleider, Instrumente.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Romantik Emanzipiert im Roten Salon

Das Marburger Haus der Romantik macht die Kultur des 19. Jahrhunderts lebendig. Ein Rundgang erinnert an glückliche Momente der Frühromantik. Mehr Von Laurens Roolfs, Freie Waldorfschule, Marburg

27.07.2015, 15:16 Uhr | Gesellschaft
Meine Zeitung Klasse 7a des Goethe-Gymnasiums interviewt Peter Feldmann

Für das Projekt Meine Zeitung – Frankfurter Schüler lesen die F.A.Z. waren Schüler des Goethe-Gymnasiums im Frankfurter Römer zu Besuch. Die Klasse 7a interviewte Peter Feldmann, den Oberbürgermeister der Stadt. Mehr

03.07.2015, 14:34 Uhr | Aktuell
1200 Jahre Hildesheim Ein Museum im Namen der Rose

Hildesheim macht sich zum 1200. Geburtstag seines Bistums selbst das schönste Geschenk: Das neue Dommuseum bietet zu den grandiosen Objekten die richtige Architektur. So vereinen sich Moderne und Romantik. Mehr Von Andreas Platthaus

31.07.2015, 09:15 Uhr | Feuilleton
Sonderausstellung 200 Jahre Frankfurter Städel

Es ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen Deutschlands. Das Städel-Museum in Frankfurt am Main versammelt fast 3000 Gemälde vom Mittelalter bis in die Gegenwart und das seit genau 200 Jahren. Zur Feier dieses runden Jubiläum präsentiert das Museum nun eine Sonderausstellung Mehr

10.03.2015, 18:18 Uhr | Feuilleton
Kulturgutschutzgesetz Was ist national wertvoll?

Die Debatte um den Kulturgutschutz ist unnötig – meint Isabel Pfeiffer-Poensgen, Chefin der Länderkulturstiftung. Im Interview verteidigt sie, warum der Staat entscheiden darf, ob Bilder von Warhol oder Stücke von Beethoven wertvoller sind. Mehr Von Andreas Kilb und Julia Voss

28.07.2015, 22:56 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 15.01.2011, 14:07 Uhr