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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unbekannte Schätze Holt die Romantiker aus dem Keller!

 ·  Frankfurt, Hauptstadt der Romantik: Im Freien Deutschen Hochstift ist eine bedeutende Sammlung von Handschriften, Briefen und Gemälden herangewachsen. Jetzt muss das Museum gebaut werden, in dem die Schätze gezeigt werden können.

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Im Jahr 1800 beginnt Ludwig Tieck ein Versdrama mit einem eindeutigen Titel: „Anti-Faust“. Wie bei den Romantikern häufig der Fall, bleibt das Stück Fragment, nur der erste Akt wird fertig. Der geborene Ironiker Tieck legt sich spielerisch mit dem Klassiker Goethe an: In einer Leihbibliothek sitzen lauter Nachwuchsteufelchen und lesen „Faust“-Bearbeitungen. Dass missfällt Satan sehr. Er ohrfeigt gar einen der Unterteufel, denn für ihn kann es nur einen „Faust“ geben - den von Goethe.

Seit zweihundert Jahren ragt Goethe als turmhoher Klassiker mit weltweiter Ausstrahlung auf. In seiner Vaterstadt gilt das nur bedingt. Denn hier ist zwar mit dem zum Museum gewordenen Goethe-Geburtshaus und dem Trägerverein Freies Deutsches Hochstift eine Institution ansässig, deren Rang als Museum wie als Forschungs- und Sammlungsstätte unbestritten ist, aber unter Wert verkauft wird. Dass die Frankfurter mit ihrem größten Sohn nie mehr als lauwarm geworden sind, kann man auch daran ablesen, dass es bis heute im Stadtmarketing keine Strategie für die globale Marke Goethe gibt. Man denke nur an die Kunst der Österreicher, aus Mozart Umwegrentabilitäten zu generieren, die in Afrika ganze Volkswirtschaften ernährten.

Das Rheintal als romantische Sagenlandschaft entdeckt

Das 1859 gegründete Hochstift ist sowohl der demokratischen Geistesbildung als auch der Wahrung des Goethe-Schatzes verpflichtet. Aber eben nicht nur. 1911 kamen erste Bestände von Romantikern ins Haus, 1929 ersteigerte der damalige Hochstifts-Direktor Ernst Beutler einen bedeutenden Teil des Nachlasses vom Dichterpaar Achim und Bettine von Arnim, in den dreißiger Jahren folgte Handschriften von Novalis. Den größeren Teil des Nachlasses, der damals zunächst nach Israel gegangen war, holte sich Beutler 1960 in einer Auktion wieder, für 450 000 Mark, obwohl er nur 150 000 zur Verfügung hatte - der Rest war Improvisation und Leidenschaft. Das sind bis heute die Antriebskräfte geblieben: Im Hochstift mischen sich Philologie, Bibliophilie und Bürgersinn in dem Bemühen, ein Erbe zu bewahren. Darüber droht immer wieder in Vergessenheit zu geraten, wie einzigartig und bedeutend dieses Erbe ist.

Frankfurter Museumspläne: Holt die Romantiker aus dem Keller!

Die Dichter der romantischen Bewegung waren über das ganze Land verteilt. in Jena, Heidelberg, Wien, München, Dresden, Berlin - und in der Schnittstelle Frankfurt, wo es der aus Italien stammende Familie Brentano Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gelungen war, als Katholiken Bürgerrechte zu erwerben und eine Handelsdynastie aufzubauen, die eine bedeutende Rolle in Wirtschaft, Recht und Künsten spielte. Pietro Antonio Brentano zeugte mit drei Frauen zwanzig Kinder; darunter Clemens und Bettine, von denen die Initiative zur Neuentdeckung des Rheintals als romantische Sagen- und Kernlandschaft ausging. Deren Mutter Maximiliane war die Tochter von Sophie von La Roche, der ersten hauptberuflichen Schriftstellerin des Landes. Und Goethe und die Brüder Grimm verkehrten im Haus Franz von Brentanos in Winkel am Rhein.

Die Frankfurter und ihr größter Sohn

Neben hochkarätiger Wissenschaft in Sachen Goethe ist am Hochstift die Kritische Ausgabe der Werke Hugo von Hofmannsthals entstanden, sind derzeit die Frankfurter Brentano-Ausgabe und die Digitale Faust-Edition in Arbeit. Über die Jahre ist durch eigene Sammlungspolitik, Schenkungen und Leihgaben eine Sammlung von Romantikerhandschriften und Nachlässen zusammengekommen, die ihresgleichen vergeblich sucht. Allein die Handschriften füllen 175 Archivkartons, darunter Autographen von Bettine, Clemens und Ludwig Achim von Brentano, Adelbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff, Novalis, Fouqué, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck und Karoline von Günderrode. Dazu fünfhundert Gemälde, noch mehr Zeichnungen, Radierungen, aber auch Möbel, Kleider, Instrumente.

Gleichwohl führt das Goethe-Haus am Großen Hirschgraben in der Frankfurter Innenstadt ein verschattetes Dasein im Vergleich zu den Hochburgen am Museumsufer. Als größter Sohn der Stadt wird Goethe bei offiziellen Anlässen gern beschworen, im Bewusstsein überlagern aber seine langen Weimarer Jahre jene sechsundzwanzig, die er hier verbrachte. Am Main war er der Dichter des Sturm und Drang, hier schrieb er den „Werther“, den „Götz“. Freilich hat er sich nicht immer freundlich über die Stadt geäußert. Die Frankfurter vergelten es bis heute mit dem Witz vom Sterbenden, der schwört: „Liewer Gott, lass misch noch leewe - isch geh derr aach ins Geede-Haus!“

Die Stadt allein kann es nicht stemmen

Die Wissenschaft weiß um das Pfund, mit dem hier zu wuchern wäre, die Öffentlichkeit nicht. Das Bürgertum sollte die Signale hören, denn die Gelegenheit ist günstig: Im Nachbarhaus zieht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Ende 2011 aus. Die Immobilie gehört der Stadt, die noch nicht über deren Schicksal entschieden hat. Für das Goethe-Haus böte sich die Gelegenheit, endlich Platz für das lange ersehnte Romantik-Museum zu gewinnen. Anne Bohnenkamp-Renken, seit 2003 Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, will diese Chance nutzen: „Wir sind der Ort, der sich in um die Romantik kümmern kann und muss.“ Ihr Vorgänger Ernst Beutler träumte schon vor dem Zweiten Weltkrieg von einer solchen Institution. Er wollte es im Stammhaus derer von Brentano, im „Haus zum Goldenen Kopf“ in der Großen Sandgasse, einrichten. Das aber wurde im Krieg zerstört. Beutler war es auch, der früh Bildende Kunst sammelte. Eine wegweisende Entscheidung.

Kulturdezernent Felix Semmelroth, Herr über neun städtische Museum und jede Menge mehr Beteiligungen, steht einem Romantik-Museum aufgeschlossen gegenüber, auch wenn er zunächst abwinkt: „Frankfurt allein kann das niemals stemmen.“ In der Tat hat Semmelroth mehrere teure Reparaturen laufen. Das Museum für Angewandte Kunst (MAK) muss nach nur fünfundzwanzig Jahren bereits generalsaniert werden; das Jüdische Museum soll erweitert werden, das Museum für Weltkulturen endlich Gestalt annehmen.

Begeisterung für die Romantiker wecken

Das Museumsufer ist eine Erfolgsgeschichte mit internationaler Ausstrahlung. Die Gewichte neigen sich aber stark nach Südwesten, in Richtung Städel, wo es Max Hollein wie kein Zweiter versteht, Kunst und kommerziellen Erfolg aufs Prächtigste zu verbinden. Davon profitiert der Standort Frankfurt, darunter leiden manche Museumsleute, die nicht über Holleins Talent und Energie verfügen. Magnet Nummer eins bleibt das Senckenberg-Museum, das doppelt so viele Menschen anlockt wie das Städel mit zuletzt 329 000 Besuchern. Auch wenn man die Häuser nicht vergleichen kann - das Goethe-Museum steht mit seinen hunderttausend Besuchern im Jahr nicht schlecht da.

Das Haus wird mit jeweils 525 000 Euro im Drittelmix finanziert von Stadt, Land und Bund. Das Land Hessen hat zuletzt im Rahmen des Konjunkturpakets II 1,6 Millionen Euro für Gebäudesanierung bereitgestellt - die Kellerarchive erhalten derzeit eine neue Klimaanlage. Erträge aus dem Vereinsvermögen des Hochstifts fließen in die laufende Arbeit. Externe Zuspender wären also willkommen und nötig. Aber selbst in Frankfurt - mit 460 Stiftungen und einem Einlagevermögen von knapp sechs Milliarden Euro - sind die Möglichkeiten endlich. Die Häuser am Museumsufer binden bereits eine breite Front von Zustifter- und Freundeskreisen. Es wird darauf ankommen, für die Romantiker Begeisterung zu wecken.

Als Bettine persönlich erschien

Die Kosten für einen Museumsbau lägen nach Schätzungen des Kulturdezernenten „im niedrigen zweistelligen Millionenbereich“. Der Architekt Christoph Mäckler, Mitglied im Verwaltungsausschuss des Hochstifts, sitzt an Planungsskizzen, auch die Museumskonzeption ist schon herangereift. Anne Bohnenkamp-Renken will Goethe im europäischen Kontext zeigen und die Romantik sinnlich erfahrbar machen als Geistesbewegung, die wie keine andere bis in die Gegenwart wirkt. Anders als in Deutschland, wo sich zwei Autorengenerationen an Goethes Klassik rieben, hat Europa stets bewundernd auf Goethe geblickt, ihn aber zugleich als Romantiker verstanden. Seine Empathie für Weltliteratur, die einherging mit der Erfindung der Philologie, zeitigte vielfältige Reaktionen. Lord Byrons Versdichtung „Manfred“ ist nur ein Beispiel für eine Variation des Faust-Stoffs. Und Goethe wiederum reagierte im „Faust II“ auf das europäische Gespräch über sein Drama.

„Die Romantiker hatten Lust an Paradoxien, sie favorisierten in ihrer Arbeit den Prozesscharakter“, erklärt Wolfgang Bunzel, Leiter der Brentano-Redaktion und damit auch Hüter wundersamer Kostbarkeiten. Ganz wie die amerikanische Postmoderne liebten sie „Paratexte, Fiktionsbrechungen, das Spiel im Spiel“. Bettine von Arnim etwa schrieb dem Grafen von Pückler-Muskau, mit dem sie einen - im Sinn des Rollenspiels - offenherzigen Briefwechsel pflegte, nicht nur aufgeheizte Intimitäten: Sie erschien auch noch in persona, was dem Grafen dann aber doch zu bunt wurde. „Heraufgeschraubte Gehirnsinnlichkeit“, empörte er sich.

Von der schwarzen Romantik zur Vampir-Mode

Und was könnte man zum Beispiel aus den 18 000 Blättern machen, die Clemens Brentano über die stigmatisierte Nonne Anna Katherina Emmerick verfasste! Der Stoff kehrte im späten zwanzigsten Jahrhundert als Unterhaltungsroman von Kai Meyer („Das Gelübde“) und als Verfilmung von Dominik Graf (2006) wieder. Da ließen sich, wissenschaftlich seriös aber mit künftiger Museumspädagogik wie sie zuletzt im Hochstift gezeigt wurde (Das Frankfurter Goethe-Haus zeigt einen Roman: Mein Namne ist Meister, Wilhelm Meister), Verbindungen von der schwarzen Romantik bis hin zum aktuellen Vampir-Trend in Literatur und Film ziehen.

Weder in Deutschland noch in den Nachbarländern gibt es ein Romantik-Musem, das diesen Namen verdiente. Ins Frankfurter Museumsufer-Konzept würde sich ein solches Haus bestens einfügen - um nicht das Wort „Alleinstellungsmerkmal“ zu verwenden. Was steht dagegen? Vermutlich der Teil der mehr als tausend Hochstift-Mitglieder, bei dem die Konzentration auf Goethe Vorrang genießt. 1983 schrieb Günther Rühle im Feuilleton dieser Zeitung zum Thema Hochstift: „Das Haus, heute ein Wallfahrtsort für Touristen aus Japan und Amerika und Andachtsplatz für Goethe-Feunde, sollte Wirkung haben in das geistige Leben der Bundesrepublik. Das heißt: es braucht ein neues Selbstverständnis.“ Die Bundesrepublik existiert nicht mehr, aber das damals eingeforderte neue Selbstverständnis gibt es längst. Nun sollte das Bürgertum dem Haus helfen, den nächsten Schritt zu tun.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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