Wer wandert, landet irgendwann in der Literatur. Das war schon immer so. Ob Odysseus, Sindbad, Parsifal, der Grüne Heinrich oder Wilhelm Meister - sie alle sind ständig auf Achse und kreuzen in ihren Romanen und Epen Raum und Zeit. Leopold Bloom, der Held des „Ulysses“ von James Joyce, marschiert zwar nicht mehr ein halbes Leben, sondern nur noch einen einzigen Tag, neunzehn Stunden sind es genau, und er kreuzt auch keine Ozeane, sondern nur eine Stadt, Dublin. Dennoch zählt er zu den großen Rastlosen der Literatur. Denn schließlich, und das ist das Irrwitzige am Roman „Ulysses“, der den homerischen Helden gleich im Titel führt: Erst die wild assoziierenden Gedanken des jüdischen Anzeigenaquisiteurs Bloom erweitern den räumlich und zeitlich so knappen Raum ins Unendliche.
Auch deshalb ist der „Ulysses“ wahrscheinlich das berühmteste ungelesene Buch der Welt. Dass so viele, auch furchtlose Leser vor dem 1922 in kleiner Auflage in Paris erschienenen Werk zurückschrecken, liegt indes nicht nur an den gut tausend sprachlich hochkomplex und experimentell angelegten Romanseiten, die weniger eine Handlung erzählen als einen riesigen Monolog zur Zeit darstellen. Der irische Schriftsteller war selbst daran beteiligt, der Erzählung den Ruf zu verpassen, schwer zugänglich zu sein: Er habe, schrieb Joyce einmal, so viele Rätsel und Geheimnisse in das Buch hineingesteckt, „dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe“. Und: „Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.“
Die erste Hörspielbearbeitung
Tatsächlich, die Menge der theoretischen Schriften zum „Ulysses“ lässt sich längst nicht mehr überblicken. Kaum ein Roman hat die Literaturwissenschaft so ausdauernd zu Deutung und Analyse herausgefordert. Für normale Leser folgt daraus allerdings nicht unbedingt gesteigertes Verständnis. Im Gegenteil verstellt der riesige Bücherberg, der um diesen Säulenheiligen der Avantgarde aufgeschichtet wurde, den Blick. Wer bislang die Lektüre gemieden hat, dem eröffnet sich aber dieser Tage eine zweite Chance. Man sollte sie ergreifen, denn es lohnt sich: Auch ich war inzwischen mit Leopold Bloom auf den Straßen von Dublin unterwegs - doch nicht mit dem Buch in der Hand, sondern mit Kopfhörern auf den Ohren.
Der große Schweizer Joyce-Experte Fritz Senn rät schon seit je, sich den „Ulysses“ vorlesen zu lassen. Das hat der Südwestrundfunk beherzigt und ist sogar noch einen Schritt weitergegangen. In zweieinhalb Jahren mühevoller Arbeit und mit Hilfe der renommiertesten Schauspieler des Landes, darunter Manfred Zapatka, Dietmar Bär, Corinna Harfouch, Thomas Thieme, Birgit Minichmayr, Anna Thalbach, Josef Bierbichler und Ernst Stötzner, hat der Sender die erste Hörspielbearbeitung des kanonischen Werks vorgelegt.
Nach 22 Stunden Hörerlebnis lässt sich sagen: Dem Regisseur Klaus Buhlert, der auch den Text bearbeitet und die Musik komponiert hat, ist ein akustisches Glanzstück geglückt, das durch viel mehr als nur monumentale Größe besticht. Dieser dem Hörfunk ureigenen Kunstform gelingt es hier tatsächlich, das bisweilen schwer greifbare Buch mit all seiner brodelnden Innenwelt durch Inszenierung lebendig werden zu lassen. Man muss den „Ulysses“ vielleicht nicht lesen, aber man sollte ihn unbedingt hören.
Die verschiedenen Stimmlagen der Schauspieler, der wohldosierte Einsatz von Musik und die Geräuschkulisse, das Quietschen einer Kutsche, das Kreischen von Möwen, ein Tenor, der in der Ferne singt, sind die wirksamen Mittel, die die vielen Ebenen des Romans zum Panorama öffnen. Dabei widersteht Buhlert der Versuchung, über die Akustik eine realistische Szenerie heraufzubeschwören. Zwar geht der Regisseur nicht mit weihevoller Ehrfurcht ans Werk. Doch folgt sein Hörspiel stets dem Original.
Kein Geld für Milch
Kein Wort ist hier zu hören, das nicht von Joyce stammt. Und selbst beim Einsatz der Musik bezieht Buhlert sich noch auf ihn, wenn er Stücke einspielt, die der Schriftsteller, der ein begabter Tenor war, selbst gesungen hat. Buhlert, der mit großen Hörspielproduktionen wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Melvilles „Moby Dick“ bereits von sich reden machte, kommt im „Ulysses“ zugute, dass er Musk studiert und etwa für George Tabori Bühnenmusik geschrieben hat. So arbeitet seine Lesart neben der Poesie und dem Rhythmus vor allem die musikalische Textur dieser Prosa heraus.
„Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte: - Introibo ad altare Dei.“ Während die Glocken läuten, entführt uns der Erzähler Manfred Zapatka in den Tag des 16.Juni 1904, der damit beginnt, dass die Bewohner des Marcello Towers, Stephen Dedalus, der junge Dichter und das Alter Ego von Joyce, den wir schon aus dem „Porträt des Künstlers als junger Mann“ kennen, sowie zwei Studenten zusammen frühstücken und feststellen, dass sie so pleite sind, dass sie sogar der alten Milchfrau etwas schuldig bleiben.
Die ideale Besetzung für Bloom
Schon der Romanauftakt ist eigenartig, hat er doch gleich zwei Anfänge. In Kapitel vier ist es nämlich schon wieder acht Uhr morgens, und diesmal begegnen wir Leopold Bloom in der Küche seines Hauses in der Eccles Street7, in der er für Molly, seine Frau, Frühstück macht. Gleichzeitig hängt er in Gedanken seiner Lieblingsspeise nach (Innereien), und schon bald macht sich Bloom auf, um beim Metzger Nierchen zu kaufen, wobei er sich aufs Neue in Tagträumen verliert, die von der Faszination des Fernen Ostens über die weibliche Untreue und dem Leid der Juden bis zur Ödnis der Wüste mäandern.
Dietmar Bär ist eine ideale Besetzung für Bloom. Die Sorge, mit dieser Stimme stets einen Kölner Polizisten vor Augen zu haben, verfliegt rasch, wenn wir ihn auf seiner Odyssee durch seinen trivialen Alltag begleiten. Der gemächliche Duktus von Bärs Rede fügt sich nämlich bestens in den Charakter dieses Dubliner Jedermanns. Zwar geht der mit wachen Sinnen durch seine Stadt, und er macht sich auch zu allem Möglichen Gedanken, aber das Talent zu sprachlicher Gewandtheit geht ihm ab. Dass dieser Leopold Bloom mitnichten ein Held homerischer Dimension ist, das macht Dietmar Bär uns klar, ohne seine Figur dabei je zu denunzieren.
Im Halbschlaf vorbeigleitenden Gedanken
Während Bär uns führt, erläutert uns Zapatka mit seiner metallisch aufgerauten Stimme als Erzähler, wohin uns die äußeren und inneren Wanderungen in diesem Roman führen. Wir betreten mit Bloom die Redaktion des „Freeman’s Journal“, wo der Anzeigenverkäufer vergeblich versucht, eine Annonce für einen Getränkehändler zu schalten. Wir sitzen mit ihm und seinen Bekannten in der Kutsche, die dem Sarg des verstorbenen Paddy Dingham durch die Stadt zum Friedhof folgt, was Bloom an seinen frühverstorbenen Sohn Rudy denken lässt. Wir kehren in Kneipen und Hotelbars ein, landen in der Kirche und im Bordell. Dass er seine Rückkehr ein ums andere Mal verzögert, hat einen Grund: Bloom will nicht wahrhaben, dass seine Frau eine Affäre hat. Gleichzeitig aber macht er das Rendezvous durch sein Fernbleiben erst möglich.
Als Bloom schließlich spät in der Nacht wieder in der Eccles Street landet, muss er durchs Fenster einsteigen, weil er den Schlüssel verloren hat. Am Ende eines langen Tages Reise in die Nacht sitzt er bei einer Tasse Kakao wieder in seiner Küche. So sieht kein Herrscher aus, der heimkehrt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen und die Freier vom Hof zu jagen. Dieser Mann akzeptiert den Lauf des Schicksals und also auch die Untreue seiner Frau. Ihr gebührt mit dem berühmten Monolog ohne Punkt und Komma der Schlussakkord des „Ulysses“. Dunkel-lasziv spricht Birgit Minichmayr die im Halbschlaf vorbeigleitenden Gedanken.
Mollys Kapitel ist „Penelope“ überschrieben. Damit übernimmt das Hörspiel die Struktur des Romans, der in seinem Aufbau Homer folgt. Joyce hatte ursprünglich jedem der achtzehn Kapitel eine Figur und einen Gesang aus der „Odyssee“ zugeordnet, zudem eine Uhrzeit, einen Ort, eine Kunstrichtung, eine Farbe, ein Symbol und eine Erzähltechnik. Alle diese Kapitel sind nicht zuletzt achtzehn verschiedene Betrachtungen der Welt. Das Hörspiel lässt sich am morgigen Bloomsday an einem Stück hören: SWR 2 strahlt es in einer Marathonsendung von morgens um acht bis Sonntag früh um sechs aus, lediglich von den Nachrichten unterbrochen. Jedes Kapitel ermöglicht mit seinem Thema und seinem Stil zugleich aber auch den Quereinstieg für sich allein.
Joyce verließ Dublin 1904 und rekonstruierte seine Heimatstadt aus der Erinnerung, wobei er hoffte, dass man die Stadt im Falle ihrer Zerstörung anhand des „Ulysses“ wieder aufbauen könnte. Als er schließlich seinen müden Helden spätnachts in die Eccles Street7 zurückkehren lässt, hat sich in dessen Kopf mehr abgespielt, als die Biographie eines noch so bedeutenden Lebens je ergeben könnte. Das ist, bei aller Erschöpfung auch beim Zuhörer, eine Entdeckung, die gleichfalls am 16.Juni 2012 gefällt.
Am "Ulysses" zu verzweifeln ist keine Schande
Roland Magiera (Roland_M)
- 15.06.2012, 17:35 Uhr
Das berühmteste ungelesene Buch der Welt
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 15.06.2012, 15:37 Uhr
Bloomsday
Christian Marschall (Bloomsday)
- 15.06.2012, 10:51 Uhr