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Ulrich Plenzdorf VEB Fensterbau

26.10.2004 ·  Er machte in „Die neuen Leiden des jungen W.“ Jugendsprache in der DDR literaturfähig und schrieb das Buch zum Film „Paul und Paula“: Am heutigen Dienstag wird der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf siebzig.

Von Wolfgang Schneider
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1971 öffnete Erich Honecker die Ventile. Auf dem VIII. Parteitag der SED verkündete er so paradox wie möglich: Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgehe, könne es in Kunst und Literatur keine Tabus geben. Ulrich Plenzdorf gehörte zu jenen, die die zweite Hälfte des Satzes für die entscheidende hielten. Nichts spiegelt die Aufbruchsstimmung jener Jahre so nachdrücklich wie seine beiden legendären Werke, die damals fast gleichzeitig entstanden.

Auf den Spuren Salingers machte er in "Die neuen Leiden des jungen W." coole Jugendsprache in der DDR literaturfähig. Held der 1972 in erster Fassung erschienenen Erzählung ist Edgar Wibeau, der Aussteiger in der Laube, dem das Individuelle wichtiger ist als das Kollektive. Am Ende wird er - soviel Zugeständnis an die Partei mußte freilich sein - Opfer der eigenen Querköpfigkeit. Die Theaterversion der Geschichte, an der bald auch kein Schüler der Bundesrepublik mehr vorbeikam, war 1973/74 das meistgespielte Stück auf ost- und westdeutschen Bühnen.

Laß deinen Drachen steigen

1973 folgte "Die Legende von Paul und Paula", der neben "Spur der Steine" berühmteste Film der DDR, dessen Drehbuch von Plenzdorf stammt. Nach der ersten Vorführung vor geladener DDR-Prominenz kontrastierte das eisige Schweigen der Nomenklatura mit dem frenetischen Beifall der übrigen Anwesenden. "Halt sie fest, und laß deinen Drachen steigen" - was die Puhdys im Film sangen, wurde zur Kult-Zeile, auch wenn westdeutsche Feministinnen das Werk gerade wegen solcher libidinösen Momente als "frauenfeindliche Schnulze aus der DDR" abqualifizierten.

Der vierzigjährige Plenzdorf war nun ein Star mit Reisefreiheiten; er hatte drei Kinder und hörte die Stones laut bei offenen Fenstern. Mick Jagger ist denn auch eine Sehnsuchtsfigur für den Hilfsschüler Fleischmann in der Erzählung "kein runter kein fern", die 1978 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde.

Plenzdorfs literarische Arbeiten waren meist Nebenprodukte des Drehbuchschreibens. Er gehörte zum Filmbetrieb der DDR, und dennoch haftete ihm das Image des Nonkonformisten an. 1976 trat er wegen der Biermann-Ausbürgerung aus der SED aus; als 1979 die Bühnenfassung von "Paul und Paula" vor der Premiere abgesetzt wurde, schrieb er einen Protestbrief an Honecker. Aus dessen Sicht sprach jedoch immer die mustergültige Arbeiterkindbiographie für diesen Autor. Plenzdorfs Eltern waren Herzenskommunisten gewesen und hatten sich im antifaschistischen Widerstand betätigt; die Mutter kam für ein Jahr ins KZ Mohringen.

Bis heute ein „Ostmensch“

Als "Ostmensch" versteht Ulrich Plenzdorf sich bis heute. Aber er gehört nicht zu jenen Kulturschaffenden, die nach dem Ende der staatlich zugesicherten Bedeutung in Wehleidigkeit vergingen. Eher glücklos operierte er allerdings als Nachfolger von Jurek Becker bei "Liebling Kreuzberg". Die komödiantischen Qualitäten der Serie, die nun ins Ost-Berlin der ersten Nachwendejahre versetzt wurde, wichen unter seiner Federführung einer allzu angestrengten Verarbeitung von Ost-West-Diskrepanzen. "Schwerfällige Defa-Drehbuchschreiberei" wurde beklagt. Der schluffige Anwalt Liebling ist ein Charakterkopf; Plenzdorf versteht sich besser auf die Darstellung von Durchschnittsmenschen. Zum großen Erfolg wurde dagegen 1998 die Verfilmung von Erwin Strittmatters "Laden". Gemeinsam mit Regisseur Jo Baier schrieb Plenzdorf das Drehbuch des Dreiteilers.

Im Äußeren mehr so der Hippietyp, ist Plenzdorf seit je ein disziplinierter Arbeiter. Das Fernsehen bleibt bei ihm meist ausgeschaltet. Es habe, so kritisiert er, das Interesse an "gesellschaftsrelevanten" Themen weitgehend zugunsten bloßer Melodramatik verloren. Man müßte beides so schön verbinden können wie in "Paul und Paula" - das war relevant und romantisch zugleich. Noch bis vor kurzem lief der Film fast täglich in einem Ost-Berliner Kino. Und es kam zum großen Teil Westpublikum; Ostdeutsche kennen die alltagsgesättigte Romanze ja sowieso in- und auswendig. Ohne es darauf anzulegen, hat sich Ulrich Plenzdorf, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert, um die brüchige Einheit des Landes verdient gemacht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2004, Nr. 250 / Seite 41
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