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Ulla Hahn zum Sechzigsten : Nirgends seßhaft außer im Wort

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So offen die Welt: Die Dichterin Ulla Hahn wird sechzig Bild: dpa/dpaweb

Nach ihrem sensationellen Debüt glaubten manche Kritiker, Ulla Hahn sei ein Komet, der rasch verlöschen werde. 25 Jahre später glüht sie noch immer. An diesem Sonntag feiert die Dichterin ihren sechzigsten Geburtstag.

          Das Debüt, mit dem Gedichtband „Herz über Kopf“ (1981), war geradezu sensationell. Wer als Kritiker glaubte, Ulla Hahn sei ein Komet, der rasch verlöschen werde, war endgültig widerlegt, als die Autorin gut zwanzig Jahre später für ihren Roman „Das verborgene Wort“ den Deutschen Bücherpreis 2002 erhielt.

          Gewiß, sie startete in der literarischen Öffentlichkeit unter besten Bedingungen; Marcel Reich-Ranickis schwungvolles Lob katapultierte sie empor. Luden deshalb manche Kritiker ihren Unmut über den Entdecker auf die Entdeckte ab? Überhörten sie den ungemein frischen, an Detlev von Liliencrons Elan erinnernden Ton, mit dem diese Lyrikerin die trübe Ich-Beschau und „neue Weinerlichkeit“ in der Lyrik der siebziger Jahre hinwegfegte? Übersahen sie das artistische Furioso im Spiel mit der literarischen Tradition? Nun ja, ein bißchen Jugendstil, auch ein bißchen Tandaradei war wohl dabei. Aber wer ihre klugen und geschliffenen Heidelberger Poetikvorlesungen kennt, weiß auch, warum. Hier liest sie am Schluß vom bewunderten Walther von der Vogelweide das unsterbliche Liebeslied „Under der linden“ mit seinem Refrainwort „tandaradei“.

          Voller Lebnzerschmissn

          Auch wenn ein Stilzug Hahnscher Lyrik, die Gegenläufigkeit des Lese- und Sprechrhythmus zum Schriftbild der Verse, überdauert, erschöpfte sich der Übermut, mit dem die frische Empfindung über Zeilen- und Strophenende und über die Haltesignale der Punkte hinwegsprang, nach „Spielende“ (1983) und „Freudenfeuer“(1986).

          Schon in „Unerhörte Nähe“ (1983) sickert Vergänglichkeitswehmut ein, und das Auftaktgedicht aus „Galilei und zwei Frauen“ (1997) setzt die Erkennungszeichen einer Nichtseßhaften: „Immer in fremden Häusern gewohnt/und in Wörtern. Angst/etwas könnte mir einmal ganz gehören/Bloß keine Bilder aufhängen/bloß keinen Herd um das Feuer/ Flüssig halten die Zeit und dazwischen/ Schlaf mit dem Kopf auf dem Koffer/voller Lebnzerschmissn.“ Die grammatische Implosion im letzten Wort, das Herausbrechen unbetonter Vokale, versinnlicht sprachlich das Motiv der Schiffbrüche. Aber „Flüssig halten“ ist die Devise dessen, der offenbleibt für neue Erfahrungen. Der Titel des nächsten Gedichtbandes, „So offen die Welt“ (2004), bekräftigt sie.

          Die Kunst der erzählerischen Differenzierung

          Neue Erfahrungen drängen auch zu einer anderen, zur erzählerischen Form des Schreibens. Der Durchbruch gelang, nach einem wenig glücklichen Übergangsversuch, mit dem autobiographischen Roman „Das verborgene Wort“ (2001). In atmosphärisch dichter Darstellung ersteht hier wieder die Kindheit in einer rechtsrheinisch-katholischen Arbeiterfamilie, deren Sprache das „Kölsche“ ist. Das Hineinwachsen in die deutsche Sprache ereignet sich zugleich als Hineinwachsen in die Welt, die reale und die poetische. Insofern wird das „verborgene Wort“ zum „entbergenden Wort“.

          Das Folgewerk, „Unscharfe Bilder“, kann man analog zum analytischen Drama des „Ödipus“-Musters einen analytischen Roman nennen. Wie eine Psychoanalytikerin, hartnäckiger noch, fast inquisitorisch zwingt eine Tochter den Vater, einen pensionierten Gymnasiallehrer, zum Offenlegen der Vergangenheit, des Verdrängten. Dunkle Kriegsereignisse in Rußland und die Verstrickung in Schuld sollen geklärt werden. In der Aufhellung einer widerspruchsvollen Biographie zeigt sich Ulla Hahns Kunst der erzählerischen Differenzierung. Aber diese minutiöse Enthüllung eines Einzelfalls enthüllt auch den Kollektivschuldgedanken als Fehlschluß.

          Ein weiteres Terrain der Erzählerin entdecken

          Als Herausgeberin von Lyrik-Anthologien, als Anwältin der im Vernichtungslager verschollenen jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar oder als Kommentatorin eigenen Schreibens ist Ulla Hahn längst bekannt. Jetzt gibt sie erstmals Einblick in das Ganze ihres essayistischen Werks, im soeben erschienenen Band „Dichter in der Welt. Mein Schreiben und Lesen“. Darin enthalten sind auch die Heidelberger Poetikvorlesungen, die durch ihre Kenntnis europäischer Lyrik und Lyrik-Theorie bestechen.

          Profilierter im Zusammenhang wirken nun die fünf Beiträge zu russischen Dichterinnen und Autoren der Moderne, die Lob- und Dankreden bei Preisverleihungen oder Ulla Hahns Abstecher in die Literaturkritik. Fertig geworden ist gerade eine Sammlung von Erzählungen. So seien die Glückwünsche zum sechzigsten Geburtstag, den sie an diesem Sonntag feiert, begleitet von der Hoffnung, daß demnächst ein weiteres Terrain der Erzählerin Ulla Hahn zu entdecken ist.

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