03.02.2006 · Alle Handelnden sind von fragwürdigem, wenn nicht miesem Charakter, und die einzige positive Gefühlsregung im ganzen Märchen wird der Titelfigur zum Verhängnis: Die Lyrikerin Ulla Hahn über „Rumpelstilzchen“.
Nichts ist wie im Märchen. Alle Handelnden sind von fragwürdigem, wenn nicht miesem Charakter. Der Vater, ein lebensgefährlicher Aufschneider, überläßt seine Tochter ungerührt einem habgierigen König, der dem Mädchen den Tod verheißt, so sie nicht die Worte des Vaters durch Taten bezeugen kann: Stroh zu Gold.
Verzweifelt weint sie in die Ballen, da taucht „ein kleines Männchen“ auf. Doch vom Guten im Männchen keine Spur, nur Zweideutigkeit, Gerissenheit. Hilfe ja, aber nicht für lau. Halsband und Ring für zweimal Goldspinnen, zweimal Überleben: Das ist angemessen. Schließlich stellt der König Heirat in Aussicht. Ist er in Liebe entbrannt? Keineswegs. Bares lockt. Noch einmal also Stroh zu Gold.
Alle tricksen herum
Und nun entpuppt sich das Männlein: Von Anfang an war es auf „Lebendiges“ aus. Und die Noch-Müllerstochter? Die ist blank. Versetzt ihr zukünftiges Erstgeborenes: für ihr Leben - und ihren sozialen Aufstieg. Alle tricksen irgendwie herum, sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Aufschneiderei, Geldgier, Erpressung und falsche Versprechen zahlen sich aus. Mit der Heirat könnte das Märchen enden. Doch eine zweite Geschichte beginnt. Das Männchen fordert das Versprochene ein. Die Königin weint, und der Kleine bekommt „Mitleid“.
Diese einzige positive Gefühlsregung im ganzen Märchen wird ihm zum Verhängnis. Er verspricht Verzicht unter der berühmten Bedingung, sein Name müsse erraten werden. Damit steuert das Geschehen dem Höhepunkt zu, der mich als Kind immer wieder in Ekstase versetzte. Namen geben! Namen raten! Namen, die verderben, Namen, die erlösen. Wissen ist Macht. Sprache All-Macht. Wie verrückt hüpfte ich umher, murmelte die vier magischen Zeilen des Männchens, drehte und wendete sie, erfand neue. Abwehrzauber gegen alle, die nicht glaubten, daß ich Stroh zu Gold spinnen konnte.
Im Märchen geht es höchst realistisch weiter. Die Königin greift weder zu Gebet noch Zauberspruch. Sie startet einen großen Lauschangriff. Das Männchen, enttarnt als „Rumpelstilzchen“, ist ein miserabler, unbeherrschter Verlierer. Seinem akrobatischen Kabinettstück der Selbstentzweiung eiferten wir als Kinder nach bis zur Leistenzerrung.
Und die Royals? Was aus denen geworden ist, erfahren wir nicht. Aber daß sie nicht gestorben sind, sondern, unter anderen Namen natürlich, noch heute leben, und zwar herrlich und in Freuden: Das ist kein Märchen.
Deutschland - ein Rumpelstilzchen-Märchenland
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)
- 07.02.2006, 23:15 Uhr