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Ulf von Rauchhaupt Scherben bringen Unglück: „Die Schneekönigin“

06.03.2006 ·  „Er wollte sein Vaterunser beten, aber konnte sich nur an das große Einmaleins erinnern.“ Bei der Schneekönigin wird der von Eisscherben erfaßte Kay zum Mathematiker und vergißt seine Gerda. Die aber findet ihn und erweicht sein gefrorenes Herz mit heißen Tränen.

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Als Kind hatte ich Schwierigkeiten mit dem Einmaleins - und mit so manchen anderen Anforderungen des Schulbetriebes auch. Die Art, wie so manche meiner Lehrer damit umgingen, war mir lästig, aber im Lichte von Andersens „Schneekönigin“ leicht zu interpretieren. Die Leute hatten vermutlich Splitter des dort erwähnten Zerrspiegels eines bösen Trolls im Auge.

In dem Märchen gleitet dieser Spiegel - der allen Mangel so sehr herausvergrößert, daß das Gute und Schöne so gut wie unsichtbar wird - dem Troll aus der Hand, als dieser versucht, Gott darin zu spiegeln, um ihn lächerlich zu machen. Der Spiegel fällt zur Erde und zerbirst zu Myriaden von Splittern. Zwei davon treffen den kleinen Kay - einer im Herzen, einer im Auge - und verwandeln den fröhlichen Jungen in einen Vernunftbolzen, der mit seinem neuen, kritischen Blick auf alle Dinge seine liebe Spielgefährtin Gerda kränkt. Als dann die Schneekönigin Kay in ihr Eisschloß in der Hocharktis entführt, hat er nur vorübergehend Angst: „Er wollte sein Vaterunser beten, aber konnte sich nur an das große Einmaleins erinnern.“

Träne heilt Scherbe

Im Reich der Schneekönigin reicht das auch völlig. Dort vergißt Kay seine kleine Gerda und ist in den eisigen Hallen mit rationaler Welterklärung beschäftigt. Mit großem Geschick legt er aus regelmäßig geformten Eisscherben Worte und Figuren, die in seinen Augen „von allerhöchster Wichtigkeit“ sind. Nur eines will ihm nicht gelingen: Die Schneekönigin hat Kay die Welt versprochen (plus ein Paar neue Schlittschuhe), wenn er es schafft, mit den Eisscherben das Wort „Ewigkeit“ auszulegen. Aber er kann es nicht.

Unterdessen hat Gerda ihren Kay nicht vergessen. Sie macht sich auf, ihn zu suchen, und erreicht nach manchen Abenteuern das Schloß der Schneekönigin. Als sie Kay dort kalt und steif antrifft, beginnt sie zu weinen, aber ihre Tränen tauen sein Herz auf. Nun weint auch er und verliert dadurch den Splitter in seinem Auge. Beide freuen sich und mit ihnen alles ringsherum, einschließlich der Eisscherben, die einen Tanz aufführen und, nachdem sie müde geworden, in genau der gesuchten Konstellation zu liegen kommen, für die der Verstand allein nie ausgereicht hatte.

Seit ich mit dem Einmaleins nicht mehr auf Kriegsfuß stehe, bin ich großer Freund von Eisscherbenspielen, vor allem sehe ich anderen gerne dabei zu. Aber vielleicht etwas gelassener, als wenn ich nie von Kay und Gerda gehört hätte.

Hans Christian Andersens „Sämtliche Märchen“ gibt es als zweibändige Ausgabe, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Heinrich Detering, bei Artemis & Winkler für 78,- Euro.

Quelle: F.A.Z., 06.03.2006, Nr. 55 / Seite 37
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