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Über das wissenschaftliche Sachbuch Denken zwischen Mülltrennung und Notaufnahme

 ·  Tausend Titel und dahinter keine Welt: Mit der Qualitätsdichte wissenschaftlicher Sachbücher unserer Epoche ist es nicht gut bestellt. Überlegungen zum Strukturwandel des geistigen Lebens.

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Vor fünfzig Jahren, im Jahr 1962, erschien von Claude Lévi-Strauss „Das wilde Denken“, in dem der französische Ethnologe seine Kritik am historischen Bewusstsein von Gesellschaften formulierte, die an den Fortschritt glauben. Im selben Jahr brachte Theodor W. Adorno seine „Einleitung in die Musiksoziologie“ heraus, damals in der Reihe „rowohlt enzyklopädie“, mithin als populäres Sachbuch. Ebenfalls 1962 legte Umberto Eco seine Studie über „Das offene Kunstwerk“ vor, Thomas S. Kuhn seine „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ und Karl Popper seine „Vermutungen und Widerlegungen“. Aus dem Nachlass des Philosophen John Austin wurden die epochemachenden Vorlesungen „How to do Things with Words“ herausgegeben. Jürgen Habermas veröffentlichte den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

Aus der Sicht des Buchmarktes war das die Produktion einer einzigen Saison. Man muss die Auflagenzahlen dieser Titel dabei gar nicht anführen, es ist auch so klar, dass es sich um bleibende Beiträge zu ihren Fächern und zu dem handelte, was man später den „intellektuellen Diskurs“ nennen würde.

Ein annus mirabilis

Zieht man jahrweise Stichproben aus der Folgezeit, dann liest sich eine fast willkürlich und nur unter Berücksichtigung weniger Disziplinen zusammengestellte Liste für die halbe Dekade so: 1963 erschienen Michel Foucault, „Die Geburt der Klinik“; Carl Schmitt, „Theorie des Partisanen“; Leo Strauss/Alexandre Kojève, „Über Tyrannis“; Peter Szondi, „Der andere Pfeil“; 1964: Niklas Luhmann, „Funktion und Folgen formaler Organisation“; Jean-Paul Sartre, „Die Wörter“; Pierre Bourdieu/Jean-Claude Passeron, „Die Illusion der Chancengleichheit“; Peter Blau, „Exchange and Power in Social Life“; 1965: Noam Chomsky, „Aspekte der Syntax-Theorie“; Peter Laslett, „The World We Have Lost“; Ralf Dahrendorf, „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“.

1966, in einem annus mirabilis: Michel Foucault, „Die Ordnung der Dinge“; Theodor W. Adorno, „Negative Dialektik“; Louis Dumont, „Homo hierarchicus“; Algirdas Greimas, „Sémantique structurale“; Hans Blumenberg, „Die Legitimität der Neuzeit“; Mary Douglas, „Purity and Danger“; und 1967 dann noch: Jacques Derrida, „Grammatologie“; Erving Goffman, „Interaktionsrituale“; Roland Barthes, „Die Sprache der Mode“; Dieter Henrich, „Fichtes ursprüngliche Einsicht“.

Die Kritik lobt, was bald vergessen ist

Wir wollen nicht mit Listen bedeutender Bücher langweilen. Wir wollen nur auf eine Frage aufmerksam machen, die sich angesichts dieser dichten Abfolge folgenreicher Texte aufdrängt. Dies Frage lautet: „Und wir?“ Denn es unterliegt ja keinem Zweifel, dass irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten die Frequenz des Vorbildlichen stark abgenommen hat. Wer heute die wissenschaftlichen Bücher einer Saison in den Blick nimmt, kommt nicht um diese Einsicht herum. Oder auf welche zwanzig, dreißig Werke aus den zurückliegenden fünf Jahren sollten wir wetten, dass sie in fünfzig Jahren noch erinnert werden? Die Kritik lobt - hier wie auch in der Literatur - bestenfalls im Bewusstsein, dass bald vergessen sein wird, was sie lobt. Schlimmstenfalls lobt sie, ohne daran zu denken.

Bevor sich die Frage nach den Gründen für die unterschiedliche epochale Qualitätsdichte der wissenschaftlich-intellektuellen Werke stellen lässt, sind ein paar mögliche Missverständnisse und naheliegende Einwände gegen den Befund auszuräumen. Gewiss hat auch damals nicht jeder gesehen, dass Luhmanns Organisationsbuch ein Klassiker seines Faches werden und nach fünfzig Jahren immer noch greifbar sein würde. Gewiss auch kennen viele, die um die Bedeutung von Chomskys Linguistik wissen, Peter Laslett nicht, von Louis Dumont ganz zu schweigen. Für die allermeisten der zitierten Titel gilt jedoch, dass sie nicht erst von einer Nachwelt entdeckt wurden. Und für viele davon gilt außerdem, dass sie nicht nur in ihren Disziplinen Epoche machten.

Nicht jedes Buch muss dauern

Das wäre auch gegen den Einwand zu sagen, in solchen Klassikerlisten dokumentierten sich nur die Lesegewohnheiten der Generation dessen, der sie zusammenstellt und der irgendwann aufgehört hat zu lesen, was neu erscheint, oder aufgehört hat, für Bewunderung offen zu sein. Nein, natürlich sind auch später noch Bücher erschienen, die uns die Augen geöffnet haben. John Pococks „Machiavellian Moment“ hat 1975 die politische Ideengeschichtsschreibung revolutioniert, Svetlana Alpers’ Buch über die holländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts, „The Art of Describing“, 1983 die Kunstgeschichte. Und mancher mag auch Hans Blumenbergs „Höhlenausgänge“ von 1989 bedeutender finden als die „Legitimität der Neuzeit“.

Doch auch diese späteren Bücher verdanken sich noch den intellektuellen Umständen der Nachkriegszeit zwischen Ende der fünfziger und Mitte der siebziger Jahre. Welche Umstände waren das? Man kann sie anhand eines weiteren Einwands beschreiben, der geltend machen könnte, dass ja nicht jedes Buch mit der Absicht geschrieben wird, das Jahrzehnt seines Erscheinens zu überdauern. Gerade Wissenschaft lebt von der Bereitschaft ihrer Beiträger, in den Erkenntnisstand der Disziplinen einzugehen, um dann überholt, revidiert, widerlegt zu werden.

Probleme in neuem Licht zeigen

Tatsächlich kennzeichnet es jene Bücher, die als solche erinnert werden, dass dies nicht einfach aufgrund er in ihnen ausgebreiteten Erkenntnisse geschieht. Von T. S. Eliot stammt die gute Formulierung: „Wir kennen mehr als die Klassiker, denn wir kennen die Klassiker.“ Klassiker sind Werke, die man mindestens zweimal mit Gewinn liest, also nicht nur um ihrer Forschungsergebnisse oder Argumente willen. Die hat man ja schon durch die erste Lektüre kennengelernt.

Es ist vielmehr ihre Art, wie sie Probleme stellen, die ihre eigenen Lösungen dieser Probleme überdauern kann. Michael Theunissen hat einmal von der „Verwiesenheit der Philosophie auf die Fachwissenschaften“ gesprochen, um im Blick auf Karl Marx, der zehn Jahre im Britischen Museum klassische Ökonomie studierte, das Pensum geistesgegenwärtigen Denkens zu bezeichnen. Alle relevante Philosophie beziehe sich seitdem, so seine These, rezeptiv wie kritisch auf Forschung: linguistische etwa, psychologische, philologische, historische oder soziologische.

Als Bücher getarnte Aufsätze

Beim Überfliegen der jährlichen Klassikerlisten aus jenen Jahren könnte der Gedanke aufkommen, dass ein Grund für ihr Schrumpfen im begrenzten Bedarf an Klassikern liegt. Wenn es so viele bedeutende Bücher gibt, dann, so die Überlegung, wird es eben ganz unwahrscheinlich, dass noch viele dazukommen. Doch die Werke, welche die Revision ihrer Erkenntnisgewinne überdauern, belegen, dass auch die Umkehrung des von Theunissen Festgestellten gilt: Nicht nur ist gute Philosophie auf spezialisierte Forschung angewiesen, sondern auch diese und die Fachwissenschaften auf Fragen eines allgemeinen, nicht nur fachwissenschaftlichen Interesses.

Auf solche Fragen ist jedenfalls die Buchform verwiesen, um die es hier geht. Alles andere, die reine Wissenschaft mit ihren gut abgesicherten einzelnen Erkenntnisgewinnen und ihrer Präsentation von Tatsachen, passt sehr gut in Aufsätze. Heute aber haben wir es in Hunderten von Fällen bei der Buchproduktion einer Saison mit Aufsätzen zu tun, die als Bücher getarnt sind, was sie selbst dadurch beweisen, dass sie kurz zuvor oder kurz danach auch noch einmal in Aufsatzform erscheinen.

Keine breite Leserschaft

Die Länge von Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften ist in den zurückliegenden Jahrzehnten ihrerseits ebenso stetig gewachsen wie ihre bibliographischen Listen angeblich vom Autor gelesener Literatur. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Schreibcomputer ein gemischter Segen für das wissenschaftliche Publizieren und die rhetorischen Fähigkeiten der Forscher ist. Der Abbau der Lektorate, die nicht mehr dazu kommen, an Texten zu arbeiten, sie gar zu kürzen, tut ein Übriges. Zuletzt kam uns die tausendseitige Studie eines einzigen Hexenprozesses unter sowie die eintausendsechshundertseitige Darstellung der deutschen Besatzungspolitik in Litauen. Rechnen solche Autoren, solche Verlage noch mit Lesern, oder genügen ihnen, zusammen mit den Druckkostenzuschüssen, einerseits universitäre Kommissionen und andererseits Bibliotheken, die bestellen? Wenn die Gewinnzone vor dem ersten Leser erreicht wird, stimmt etwas nicht mit dem Markt.

Dass nicht mehr mit einer breiten Leserschaft gerechnet wird, hängt noch mit einer anderen Eigenschaft insbesondere der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammen: mit dem, was Niklas Luhmann einmal die „multiple Paradigmatase“ genannt hat, unter der sie leiden. Jede momentane Gesichtspunktsmenge innerhalb einer Disziplin wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten zum „Paradigma“, zur „Theorie“ oder zum „turn“ stilisiert.

Texte werden nicht ernsthaft diskutiert

Wer abweicht, und sei es noch so bescheiden, gründete, anstatt die Konkurrenz oder sogar den Konflikt mit denen zu suchen, die es anders sehen, lieber ein eigenes Journal für seine Abweichungsgemeinschaft und organisierte für sie Tagungen samt anschließender Sammelbände und subventionierter Buchreihen. Den „Stand der Forschung“ eines Faches formulieren zu können, wird unter diesen Umständen als naive Erwartung abgetan.

Diese zunächst nur innerakademische Gepflogenheit schlägt auf das Sachbuch durch, indem der begabte Nachwuchs in einem Milieu sozialisiert wird, das keine Prämien mehr für Texte kennt, die sich ernsthaft einer Diskussion stellen. Weil es gar keine Diskussionen gibt.

Folgen der Tagungskultur

Das Rezensionswesen in den meisten Disziplinen ist ein Witz, auf Tagungen widerspricht niemand, in den Sammelbänden wird gedruckt, was eingereicht wurde - und das steht schon fest, bevor es überhaupt eingereicht wurde -, die Redaktionen der Zeitschriften wiederum teilen hinter vorgehaltener Hand mit, dass ihre Basisoperationen die „Mülltrennung“ und die „Notaufnahme“ sind.

Der Kontrast zu einer Epoche, in der Autoren in ganz unterschiedlichen Disziplinen voneinander wussten und ihre eigenen Bücher im Bewusstsein schrieben, nicht mit irgendetwas durchzukommen, ist deutlich. Das treffende Bonmot Dieter Henrichs, an einer Universität sei es weniger wichtig, dass die Professoren miteinander sprächen als dass die Studierenden über die Professoren sprächen, stammt aus der Erfahrung einer solchen Zeit, in der intellektuelle Vergleiche noch üblicher waren.

Das Ende einer Epoche

Der entsprechende Überbietungswille - in Paris und an manchen prominent besetzten Universitäten gesteigert noch durch soziale Verdichtung - führte mit zu jener im Rückblick so erstaunlichen Produktion. Wollte man es etwas pathetisch ausdrücken, dann könnte man vom allmählichen Ende einer Epoche sprechen, in der noch vorstellbar war, dass Denken zu Ruhm führt. „Opus magnum“ ist heute ein Zuwendungstitel der VW-Stiftung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft wiederum hat Sondertöpfe für Vorhaben, die besonders riskant sind, weil man nicht schon vorher weiß, was dabei herauskommt.

Wer die Gegenwart auf diese Weise mit der Vergangenheit vergleicht und dabei zu dem Urteil kommt, früher sei, salopp formuliert, ohne viel Anschubfinanzierung intellektuell mehr los gewesen, gilt schnell als Kulturpessimist. Doch auch wenn wir durchaus ein paar Merkmale unserer Kultur zu nennen wüssten, die uns missfallen, zum Beispiel die reflexhafte Vergabe solcher Etiketten ohne vorherige Sachverhaltsprüfung, wären Verfallsdia-gnosen in der Tat wohlfeil.

Ein nutzloser Reichtum

Bedenklich ist weniger, dass 2012 nicht annähernd so viele Werke von Rang und Folgenreichtum vorgelegt werden wie 1962, als dass der Betrieb keine Begriffe und Maßstäbe dafür hat. Er misst in verausgabten Forschungsmitteln, in amtlich bestätigter Exzellenz und in Titelzahlen. Und er verweist, auf den Mangel an Ideen angesprochen, lächelnd darauf, dass wir bekanntlich nach dem „Ende der großen Erzählungen“ leben, was man denn also wolle. Dass die subventionierte Harmlosigkeit im Denken als das erscheint, was sie ist - vertane Zeit, Involution, drittmittelfinanzierter Manierismus -, wird wohl erst dann geschehen, wenn das große Sparen auch die ungelesen bleibenden Bücher betrifft, die sie hervorbringt. Denn wir haben keinen Verfall zu beklagen, sondern nutzlosen Reichtum.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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