Es wird ernst und immer ernster. Die Aberkennung des Literaturnobelpreises für Günter Grass durch den israelischen Innenminister sollte, damit die Kräfteverhältnisse auf der Welt nicht kippen, sofort mit dem Einkassieren des Friedensnobelpreises für Obama durch den Protokollchef des evangelischen Sing- und Friedensgebetskreises Tuttlingen und umgekehrt der Verleihung des MTV Video Music Awards an Wladimir Putin (weil alle in Russland wieder nach seiner Pfeife tanzen) beantwortet werden; auf das in der Sache und vom Strafmaß her völlig korrekterweise geforderte Einreiseverbot für „verdrehte und lügnerische Werke“ in Israel muss eine bei den Vereinten Nationen auszuhandelnde Neufassung des internationalen Seerechts folgen, wonach „klabauterhaftes Flunkern und Grimassenschneiden durch reimunfähige Dichter“ mit Schifffahrts- und Flugverkehrsaussperrung auf Lebenszeit geahndet wird. Und wer in Zukunft beleidigte Parolenprosa als Poesie verzollen will, kommt sofort in Abschreibehaft und muss neunstündige Kabarettprogramme absitzen, in denen backenbärtige Wortspielteufel in Wollpullis von „heillosem Aktionismus“ grummeln.
Die politisch-juridische Verhältnismäßigkeit bleibt, wie schon Carl Schmitt in seinem leider vergessenen Aufsatz „Die unbedachte Greisenäußerung als völkerrechtlicher Ausnahmezustandsauslöser“ erläutert hat, beim Beschießen von Spatzen mit schwerer Artillerie gewahrt, „solange jeweils nicht nur die tatverdächtigen Spatzen, sondern auch die sie bekanntlich meist zu ihrem Treiben anstiftenden Meisen und Vollmeisen unter sofortiges Sperrfeuer genommen werden“.
Was hingegen überhaupt nicht in Frage kommt, ist, dass die Literatur ihre Grenzverletzungen mit sich selbst ausmacht und etwa Louis Begley oder sonst eine Zuständige oder ein Zuständiger dem deutschen Kollegen ein paar abkühlende Sätze sagt. Schreiben ist schließlich unmittelbar Weltdiplomatie, Haupt- und Staatsaktion, Kampf der Kulturen, waffenstarrender Universalienstreit um Sein oder Nichtsein, da kommt es auf Sprache zuallerletzt an. Wenn die iranische Regierung jetzt noch einen Knut-Hamsun-Preis für katastrophal unbequemen Rabatz stiftet und ihn Günter Grass augenblicklich um die Ohren haut (die sehr ambivalente und extrem ironische Preisrede hält Christian Kracht, in akzentfreiem Farsi per Webcam aus Zürich eingespielt), dann ist der Mann erledigt und der Lyrikfrühling kann anfangen.
Freie Meinungsäußerung
Reiner Schmidt (rschmidt41)
- 09.04.2012, 17:33 Uhr
Ich hab' geschmunzelt,
Claus-Peter Leonhardt (leon_top)
- 09.04.2012, 16:43 Uhr