19.03.2007 · Der Troja-Entdecker reitet, schießt und prügelt, übersteht Anschläge und Malaria-Attacken - nur bei den Frauen wird er schwach. Der Sat.1-Film mit Heino Ferch als Schliemann ist eine Räuberpistole mit Herz-Schmerz-Einlagen.
Von Dieter BartetzkoHeinrich Schliemanns Lebensgeschichte klingt wie ein Märchen: Ein Dorfjunge in Mecklenburg verträumt die Tage über Homers Epen. Aus dem versponnenen Buben wird ein kühl rechnender Großkaufmann, der fünfzehn Sprachen beherrscht, als deutscher Generalkonsul in Sankt Petersburg amtiert und ein riesiges Vermögen anhäuft. Auf der Höhe des Erfolgs besinnt er sich der Kindheitsträume, entdeckt 1870 Troja, gräbt später, von deutschen und europäischen Gelehrten fortwährend verspottet, Agamemnons Mykene aus und Tyrins, den legendären Fürstensitz des Nestor. In zweiter Ehe heiratet er eine schöne junge Griechin, die ihm bei seiner Arbeit zur Seite steht. Die Krönung ihrer Mühen sind Goldschätze, die sie in Troja und Mykene finden. Schliemann schenkt Trojas Gold dem Deutschen Reich und wird endlich anerkannt.
Schliemanns Biographie liest sich nicht nur wie ein Märchen. Sie ist es teilweise auch, erfunden und niedergeschrieben von ihm selbst. Diese ruhmsüchtige Fabulierlust war gekoppelt an die verbissene Buchstabengläubigkeit des Mannes, der - oft wider besseres Wissen - jede Zeile der Ilias beim Wort nahm und so die Wirklichkeit zwang, ihm zu Willen zu sein. Was nicht in sein Bild der homerischen Epoche und nicht in sein Selbstbild passte, blendete er aus. Welch eine Vorlage also für einen Film, was für eine Chance, über die Kraft und die Gefahr von Lebensillusionen zu erzählen. Und was für eine Gelegenheit zu opulenten Bildern, die von stickigen Kaufmannskontoren bis zu den sonnendurchglühten Hügeln Anatoliens reichen.
Empfindsamkeit und Härte
Der größte Reiz aber für einen Regisseur und Drehbuchautor dürfte sein, dass Heinrich Schliemann in seinem romantischen Fanatismus ein für jene Ära typischer Deutscher war, ein faszinierendes Gemisch aus Empfindsamkeit und Härte. Das haben Don Bohlinger (Buch) und Dror Zahavi (Regie) bei den Vorarbeiten ihrer Schliemann-Saga nach eigenem Bekunden sehr wohl erkannt. Trotzdem haben sie einen - man kann es nicht höflicher formulieren - bodenlos dummen Film gemacht. „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“ heißt der Zweiteiler, an dem geheimnisvoll nur ist, wie derart viele Klischees sich auf einen Haufen türmen können, der so hoch wächst, wie die Mauern von Troja gewesen sein sollen.
Das Dilemma beginnt bei der Besetzung: Heino Ferch als Schliemann wirkt, als wolle Harrison Ford den Hamlet üben. Ferch ist ein ausgezeichneter Schauspieler. Ihm wäre zuzutrauen gewesen, trotz seiner athletisch virilen Erscheinung - historische Fotografien zeigen Schliemann als ausgemergelten und vorzeitig gealterten Mann, der in seinen russischen Pelzmänteln steckte wie ein Kind in der Kleidung eines Riesen - die Besessenheit darzustellen, dank derer dieser zartgliedrige Mann über sich selbst hinauswuchs. Doch für Sat.1 mimt Heino Frech eine Art deutschen Indiana Jones mit Homer-Spleen, der plötzlich noch (kostenloses Verteilen von Chinin an malariakranke Dörfler rings um Troja) zum Vorläufer Albert Schweitzers mutiert.
Nur nicht auf den Mund schauen
Vor allem aber ist Ferch Ferch, die Nickelbrille des Gelehrten sitzt ihm auf der Nase wie enge Armani-Slipper an den Breitfüßen eines Marathonläufers. Zur Seite steht ihm Mélanie Doutey als Sophia Schliemann, geborene Engastromenos. Sie spielt zwar so vorhersehbar wie die Diva einer daily soap. Aber wie sie ihre Kohleaugen rollt, die feuchten vollen Lippen schürzt und die schlanken Hände in die schmalen Hüften stützt, ist hübsch anzusehen. Nur auf den Mund sollte man ihr nicht schauen, sonst wird deutlich, dass sie englisch spricht. Was aber auch keine Rolle spielt, denn ihre wie alle anderen Texte bestehen größtenteils aus Platitüden.
Die Kamera konzentriert sich auf ihr Dekolleté und ihre blanken Arme. Nur wäre im wilhelminischen Deutschland, im prüden Griechenland und in der noch prüderen Türkei jede Frau für wahnsinnig oder zur Hure erklärt worden, hätte sie sich, wie diese Sophia Schliemann, in solchem Aufzug in die Öffentlichkeit gewagt.
Doch dergleichen Details interessieren Dror Zahavi und Don Bohlinger nicht. Sie hätten außer der Indiana-Jones-Serie und Dutzenden Western auch Viscontis „Tod in Venedig“ anschauen sollen, Stephen Frears' „Queen“, vor allem aber Karl Fruchtmanns „Schatz des Priamos“ von 1980, mit dem beeindruckend sensiblen Tilo Prückner als Schliemann, um zu sehen, wie fesselnd man leidenschaftliche Menschen darstellen kann, obwohl oder gerade weil sie in einem Panzer aus Etiketten leben. Das Duo aber lässt seinen Helden in einer öffentlichen Disputation an der Berliner Universität seinen Widersacher Oskar Neuman (Justus von Dohnany gibt ihn als „Marienhof“-Knallcharge eines intriganten Schurken und Speichelleckers) lautstark einen Idioten nennen, was, wäre es wirklich geschehen, die Relegation Schliemanns und womöglich die Forderung zum Duell bedeutet hätte.
Alle Süßspeisen untersagt
Alle deutschen Professoren in diesem Zweiteiler sind dünkelhaft, die türkische Obrigkeit ist korrupt, die Landbevölkerung treuherzig, die weiblichen Hauptfiguren gefühlstief, die männlichen tapfer, und Schliemann boxt, reitet, schießt und prügelt, übersteht Verwundungen, Anschläge, Himmelsstürze und Malaria-Attacken. Nur wenn es um das weibliche Geschlecht geht, wird er schwach. Wie herrlich schwach, zeigt das Schlussbild, in dem er auf der Bühne der Berliner Oper vor den Honoratioren des Kaiserreichs erst seinen goldenen und dann seinen erheirateten Schatz präsentiert, welchen Letzteren er mit einem schmelzenden Kuss vor aller Augen belohnt - was zu Schliemanns Lebzeiten eine Wirkung hervorgerufen hätte wie heute etwa der öffentliche Beischlaf eines Präsidenten und seiner Gattin vor den laufenden Kameras eines Staatsempfangs.
Drehbuch und Regie liefern ein ironiefreie, peinlich pathetische und naive Räuberpistole mit Herz-Schmerz-Einlagen ab. Dem Schliemann-Paar, seinen archäologischen und erotischen Verwicklungen trieft in jeder Sekunde der mühsame Drang, das Publikum bei der Stange zu halten, aus allen Poren. Die Beteiligten hätten auf eine der wenigen klugen Bemerkungen des Films hören sollen. Sie stammt von Kaiser Wilhelm I. (Thomas Thiemes diszipliniertes Spiel ist ein Lichtblick), der dem scharwenzelnden Schuft Neumann Folgendes an den Kopf wirft: „Mein Arzt hat mir alle Süßspeisen streng untersagt. Auch die, die man mir um den Bart schmiert.“