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Veröffentlicht: 24.07.2012, 16:40 Uhr

Trend zum Selbstverlag Ich heißt die Marktmacht

Auf dem schrumpfenden Buchmarkt ist jeder Strohhalm willkommen: Das Self-Publishing hat zwar auch hierzulande Erfolgsgeschichten vorzuweisen, bleibt aber ein Randmarkt.

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© AP Viele Bücher im Selbstverlag werden zwar elektronisch angeboten, neunzig Prozent des Umsatzes wird aber mit gedruckten Büchern erzielt.

Individualisierung ist heutzutage alles, auch im Buchgeschäft. An die persönlichen Empfehlungen bei Amazon hat man sich längst gewöhnt, auch wenn sie noch immer nicht durchgehend zu überzeugen vermögen. Wie aber finden Kunden, was ihnen die Verlage vorenthalten, indem sie Manuskripte ablehnen und damit ihrer vornehmsten Aufgabe nachkommen - der Auswahl? Denn das ist naturgemäß der Hauptvorwurf, den eine wachsende Zahl von Autoren den Verlagen in Internetforen macht, dass sie dem Markt etwas vorenthielten, was doch unbedingt eine Chance verdient hätte.

Hannes Hintermeier Folgen:

Vergangene Woche teilte der große britische Medienkonzern Pearson mit, er habe den Selfpublishing-Anbieter Author Solutions für 116 Millionen Dollar erworben, nach AmazonCreateSpace der zweitgrößte Anbieter von Lektorats- und Marketing-Dienstleistungen: Die 1996 gegründete amerikanische Firma erwirtschaftet mit rund 1600 Mitarbeitern in mehreren Ländern hundert Millionen Dollar Umsatz. Pearson will die Neuerwerbung bei seiner Tochter Penguin ansiedeln, um neue Wege des Verlegens zu beschreiten, wie man nun vermeldet. Penguin-Chef John Makinson erklärte, man wolle die Möglichkeiten erforschen, die „irgendwo zwischen Selfpublishing und traditionellem Verlegen“ lägen. Dass Penguin mit dem Zukauf im Trend liegt, zeigte zeitgleich der kanadische E-Book-Anbieter Kobo, der mit dem Portal „Kobo Writing Life“ die Konkurrenz in diesem wachsenden Segment beleben will.

Ein Euro Verdienst pro Download

Die aktuellen Zahlen aus Amerika scheinen die Investoren zu bestätigen. Die Marktforschungsfirma Bowker hat unlängst den vermeintlichen Randmarkt geadelt, indem sie ihn zum „Wachstumstreiber“ der Buchindustrie ernannte. Mit gut 211.000 Titeln sind in den Vereinigten Staaten 2011 rund achtzigtausend selbstverlegte Bücher mehr ins Rennen geschickt worden als im Jahr davor. Dabei umfasst Selbstverlag sowohl die Form des E-Books als auch jene des im Print-on-Demand-Verfahren gedruckten Buches (PoD). In diesem Segment werden zwar viele Bücher elektronisch angeboten, neunzig Prozent des Umsatzes wird aber mit gedruckten Büchern erzielt und das wiederum vor allem mit Sachbüchern, die teurer sind als Belletristik.

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Erfolgsgeschichten hat dieses Verfahren mittlerweile auch hierzulande vorzuweisen. Mit am bekanntesten dürfte die „Berlin Gothic“-Reihe des promovierten Philosophen Jonas Winner sein, der einen siebenteiligen Thriller zum Portionspreis von neunundneunzig Cent vertreibt, mittlerweile mit der siebten Folge, „Gottmaschine“, die Reihe abgeschlossen und die Hunderttausendermarke hinter sich gelassen hat. Winner hat seine Romane als E-Book über Kindle Direct Publishing (KDP) vertrieben, das seit dem Frühjahr 2011 in Deutschland angeboten wird. Dort wirbt man mit dem Slogan „Publish your words, your way“. Das gilt auch für den Preis, den die Autoren selbst festlegen können. Zwei Optionen für Lizenzgebühren garantieren entweder fünfunddreißig oder siebzig Prozent Tantiemen.

Im Fall von Jonas Winner rechnet sich das außerordentlich gut, weil die Übersetzungsrechte in Englische bereits verkauft wurden und über die Filmrechte verhandelt wird. Es ist diese Art von Erfolg, die viele Hobby-Autoren umtreibt, besonders wenn sie an der Verlagsfront gescheitert sind. Winner hatte allerdings Schreiberfahrung als Fernsehjournalist und Drehbuchautor. Die unter dem Pseudonym Emily Bold publizierende deutsche Autorin fand auch keinen Verlag. Nun ist sie mit digital veröffentlichten Liebesromanen erfolgreich. Im Frühjahr hat sie mit „Blacksoul - In den Armen des Piraten“ ihren fünften Roman vorgelegt. Sie verlangt 2,99 Euro für diesen Text, der einem Umfang von dreihundert Druckseiten entspricht, einen Euro verdient sie pro Download.

Die Wachstumstreiber sind weiblich

Dennoch suchen auch selbstverlegende Autoren gern die Nähe eines Lektors, wohl wissend, dass sich die Kompetenz der Verlage nicht auf Vertrieb und Marketing beschränkt. Gerade in den angelsächsischen Ländern hat sich zuletzt gezeigt, welchen Qualitätsverlust die Preisgabe des Lektorats mit sich brachte. Da passt es ins Bild, dass ausgerechnet der weltgrößte Internetversender mit seiner Neugründung Amazon Publishing seit letztem Jahr das komplette Angebot eines herkömmlichen Verlages anbietet. Der Händler als Inhaltlieferant? Das führte in Nordamerika zu Unmut und zu Spekulationen, wann Amazon diesen Service auch in anderen Ländern anbieten könnte. Dass der Versender aus Seattle damit seinen Geschäftspartnern zusetzt, ist ein offenes Geheimnis. Als Gegenwehr bleibt da oft genug nur die Drohung, der stationäre Handel werde kein Amazon-Buch anbieten.

Amerikas Buchmarkt ist im letzten Jahr um 2,5 Prozent geschrumpft, der deutsche Buchhandel hat im ersten Halbjahr 2012 ebenfalls 2,6 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr gemacht. Da ist jeder Strohhalm willkommen, und so konzentriert sich die Beschwörungsrhetorik neben dem E-Book nun auch auf die Chancen des Selfpublishing. Auf dem deutschen Markt ist das vorläufig eine Randerscheinung, das große Geld spülen gedruckte Bücher in die Kassen: Nach der „Panem“-Trilogie von Suzanne Collins ist das derzeit E. L. James’ Trilogie „Shades of Grey“. Ende September kommt der neue Roman von J. K. Rowling - die Wachstumstreiber sind weiblich.

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