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Trauerfeier für Robert Gernhardt : Frankfurter Gezeichnete

Abschied vom Freund: Otto Waalkes und Bernd Eilert Bild: dpa

Eine Epoche geht zu Ende: Auf der Trauerfeier für Robert Gernhardt nahm Frankfurt Abschied von seinem zweitgrößten Dichter. F.W. Bernstein, Harry Rowohlt, Otto Waalkes und andere ehrten ihren langjährigen Weggefährten.

          Als letzte sprach Oberbürgermeisterin Petra Roth, nur drei Minuten lang. Man hat selten das Gefühl, daß Politiker sich zurückzunehmen verstehen. Dies war ein solcher Moment. Frau Roth stattete dem Toten den Dank der ganzen Stadt ab. Das Wort vom zweitgrößten Dichter Frankfurts fiel nicht, aber alle wußten, daß er es war. Die ganze Stadt war da, um ihn zu verabschieden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vor Petra Roth hatten die Freunde Bernd Eilert, Fritz Weigle alias F.W. Bernstein und Pit Knorr gesprochen - genau wie vor einem Jahr. Damals hatte noch ein vierter geredet - der, über den jetzt gesprochen wurde: Robert Gernhardt. Denn auch vor einem Jahr hatten sich in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs Mitglieder und Anhänger der Neuen Frankfurter Schule versammelt, damals, um dem Zeichner F.K. Waechter die letzte Ehre zu erweisen. Und der wiederum hatte ein weiteres Jahr vorher zusammen mit Eilert, Bernstein und Knorr am selben Ort Bernd Pfarr verabschiedet, zwei Tage bevor alle schon wieder zusammenkamen, um Chlodwig Poth zu beerdigen. Der Tod hat in Frankfurt eine triste Regelmäßigkeit des Wiedersehens etabliert. In nur zwei Jahren hat die hiesige Humoristenszene vier ihrer brillantesten Vertreter sterben sehen - alle weit vor ihrer Zeit.

          Aufruf zum Weiterzeichnen

          Gernhardt selbst hatte seine letzten Laudatoren ausgewählt. Bernstein war sein ältester Weggefährte. Seit gemeinsamen Studientagen in Göttingen vor fast einem halben Jahrhundert bildeten beide ein unschlagbares Komik- und Poesiegespann. In seiner Rede rief Bernstein sich selbst zum Weiterzeichnen auf - ein aussichtsreicherer Appell als Knorrs letztjähriges Sterbeverbot für die Kollegen. Er und Eilert waren Gernhardts Partner beim ertragreichsten Werkkomplex seines Schaffens: den Drehbüchern zu den „Otto“-Spielfilmen.

          Hans Traxler und Harry Rowohlt

          Eilert pries den Dichter, Bernstein den Zeichner, Knorr den Humoristen. Noch einmal ließen sie jene unnachahmliche Mischung aus Skepsis, Spaß und Spöttelei hören, die Gernhardt ausgezeichnet hat - und auch seine sensible Introspektion, die immer den Beiklang des fassungslosen Staunens über ein Leben besaß, das gerade in der vergänglichen Schönheit Grund zur Trauer gibt. An diesem Donnerstag lachte die Sonne ein letztes Mal für Robert Gernhardt, und in die Schwüle schienen die Tränen über seinen Tod eingegangen zu sein.

          Eine Epoche ging zu Ende

          Die Trauergemeinde war gewaltig. In Frankfurt gab es für einige Jahrzehnte eine Verbrüderung von Künstlern und Bürgertum, die im jüngeren Deutschland keine Parallele hat. Und selbst wer nicht an den Gartenfesten und Geburtstagen der kleinen Kreise teilgenommen hat, nicht mit auf die Tennisplätze genommen oder um die Tischtennisplatten gehetzt wurde, nicht von Gernhardt heimlich skizziert worden ist und nächtelang in den Kneipen gesessen oder die Lesungen und Vernissagen in befreundeten Buchhandlungen und Galerien besucht hat, der kann noch auf dem Papier, das Pfarr, Poth und Waechter bemalten und Gernhardt beschrieb und bezeichnete, nachempfinden, daß an diesem Tag für die Stadt eine Epoche zu Ende gegangen ist, von der die Trauernden wenigstens sagen durften, sie seien dabeigewesen.

          Was bleibt? Hans Traxler wird wie F.W. Bernstein weiterzeichnen. Pit Knorr, Bernd Eilert und Eckhard Henscheid werden weiterschreiben. Diese fünf Mitglieder der Neuen Frankfurter Schule leben, und ihre Schüler rund um die Redaktion des Satiremagazins „Titanic“ werden versuchen, die durch den Tod Gernhardts gerissene Lücke zumindest partiell zu schließen. Thomas Gsella und Stefan Gärtner werden dichten, Rattelschneck, Greser&Lenz und Rudi Hurzlmeier werden zeichnen. Doch ein Multitalent wie Robert Gernhardt gibt es nicht mehr, und das stille Bündnis von Hochkultur und Hochkomik, für das er wie kein zweiter stand, ist nunmehr obsolet. Frau Roth wird es gespürt haben, und das macht das Adieu so schwer.

          „Wir sind mittlerweile ziemlich routiniert im Abschiednehmen“, konnte man hören. Nichts ist weniger wahr. Vor der Trauerhalle standen Harry Rowohlt, Otto Waalkes, Frank Wolff - Gezeichnete sie alle, doch nicht länger von Robert Gernhardts Feder.

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