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Tobias Döring Warmer Stein: „Das Wintermärchen“

03.01.2006 ·  Wenn wir Shakespeares „Wintermärchen“ aufmerksam beiwohnen, wissen wir schon bald, daß die mächtigsten Geister und Kobolde, die uns mitspielen, unsere Hirngespinste sind.

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In diesem Land blühen Zitronenbäume lange nicht. Ausgerechnet in Sizilien sollen wir uns den harten, kalten Winter vorstellen, und nirgends anders als an Böhmens wunderbarer Küste erleben wir den Sommer in seiner schönsten Pracht. Hier also ist alles wahrhaft wie im Märchen.

„Erzähl ein Märchen“, sagt die Königin zu ihrem Sohn. „Lustig oder traurig?“ fragt dieser zurück. „Ein traurig Märchen paßt für den Winter“, entscheidet er schließlich. „Ich weiß eins von Geistern und Kobolden.“ Doch wenn wir Shakespeares „Wintermärchen“ aufmerksam beiwohnen, wissen wir schon bald, daß die mächtigsten Geister und Kobolde, die uns mitspielen, unsere Hirngespinste sind. Denn die sind weder traurig noch lustig, sondern einfach tödlich.

Dunkle Winternacht

Die Weihnachtsfeierei ist überstanden, die Gäste wollen wieder abreisen. Ist es da bloße Höflichkeit oder geheime Zuneigung, wenn es der Königin gelingt, sie doch zum Bleiben zu bewegen? Ihr Gatte jedenfalls ist blitzschnell überzeugt, daß sie zum Gast ein unzulässiges Verhältnis pflegt, und steigert sich in seine Eifersucht mit derart sizilianischer Gewalt hinein, daß er die ganze Familie zugrunde richtet. Die Gäste fliehen, die Königin wird verurteilt und verstoßen, ihre neugeborene Tochter an einer fernen Küste ausgesetzt, der hoffnungsvolle Thronfolger - es ist der traurige Märchenerzähler - stirbt obendrein. Selbst der gute Edelmann, der doch das junge Leben schützen wollte, wird von einem Bären aufgefressen. Dunkler ist keine Winternacht.

Dann aber kurbelt Koboldmeister Shakespeare an der Weltenuhr, ruft seine Geister auf und läßt mit einer lässigen Bewegung sechzehn Jahre Zeit vergehen. Solche Märchenwunder vermag nur das Theater: Schauplatz und Jahreszeiten wechseln, die Schafe blöken, die Natur erblüht, Schicksale entwirren sich, der Eifersüchtige bereut, das Orakel spricht, die Verlorene kehrt wieder. Nur die einst verleumdete und angeblich längst begrabene Königin fehlt schließlich noch zum Glück. Statt ihrer steht in der Kapelle nur eine Statue, allerdings so meisterhaft gefertigt, daß sie ihr bis aufs Haar gleichkommt.

Und tatsächlich: vor den Augen der versammelten Hofschar wie des staunenden Theaterpublikums erwacht die Statue plötzlich zum Leben und steigt herab. „Sie ist warm!“ ruft der reuige König, als er seine Gattin wieder in den Arm nimmt. So führt uns der Theaterzauberer vor, warum wir seine besondere Märchenkunst nicht missen können: ob lustig oder traurig, Hirngespinste werden auf der Bühne so offenkundig lebendig, daß selbst Totgeglaubte uns erwärmen. Mitten im Winter ist dies sicher eine gute Nachricht.

„Das Wintermärchen“ von William Shakespeare gibt es in der Übersetzung von Peter Handke bei Suhrkamp für 14,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 04.01.2006, Nr. 3 / Seite 31
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