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Tilman Spreckelsen Mein Lieblingsbuch: „Morgen oder Abend“

07.07.2004 ·  „Morgen oder Abend“, das absolut stilsichere Debüt der früh verstorbenen Katrin Seebacher, war eine stille Sensation und offenbart noch heute mit jeder neuen Begegnung immer neue Schönheiten.

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Es sind die Ameisen, zum Beispiel, die mir wohl immer in Erinnerung bleiben werden. Auf dem hitzeflimmernden Friedhof krabbeln sie zu den Füßen der beiden hochbetagten Schwestern, um Essenskrümel aufzusammeln. Albertina schaut auf ihren verkrümmten Fußballen, vom vielen Tanzen kommt das, erinnert sie sich, und wie zart sich der Anzugstoff der Tanzpartner angefühlt hat, damals, in den zwanziger Jahren.

Manchmal sind es statt der Ameisen ebenso liebevoll beschriebene Knöpfe, Pflanzenstengel oder Wollfäden, die den Erinnerungsschub auslösen, bis aus der Erinnerung dann ein neuerliches Durchleben wird, aber nach Albertinas eigener Regie: Die Greisin kommt der Gegenwart abhanden, und sie genießt es.

Ein Wagnis

Wenn ein junger Mensch über einen sehr alten schreibt, ist das ein Wagnis, zumal, wenn er die Perspektive des Älteren einnimmt, und umso frappierender ist dieses behutsame, absolut stilsichere Debüt der damals dreißigjährigen Katrin Seebacher: "Morgen oder Abend", 1996 erschienen, war eine stille Sensation und ist es noch heute, sieben Jahre nach dem frühen Tod der Autorin.

Wer sie gekannt hat, weiß, daß dieser Roman nicht aus dem Nichts kam, daß er hart erarbeitet war und durch Erzählungen mit vergleichbarer Thematik vorbereitet wurde, daß dem fertigen Buch aber eben nichts offensichtlich Erarbeitetes, nichts Knirschendes anhaftet: Souverän wird das Verschwimmen von Gegenwart und Erinnerung nachgezeichnet, angefangen von Albertinas Unsicherheit beim Erwachen, ob denn das Dämmerlicht Morgen oder Abend bedeute, bis hin zum Schluß, als sie, über das Bett der resoluten Schwester Paula gebeugt, in ihrer Verzweiflung gleichzeitig Kind und Greisin ist.

Weil all dies mit Würde und List, mit großen Bildern und hinreißenden Details versehen ist, weil "Morgen oder Abend" mit barer Selbstverständlichkeit das, was von einem Menschenleben bleibt, auf dreihundert Seiten einfängt, weil der Roman schließlich zu den Büchern gehört, die mit jeder neuen Begegnung immer neue Schönheiten offenbaren, ist mir "Morgen oder Abend" immer ein Lieblingsbuch geblieben.

Tilman Spreckelsen ist Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2004, Nr. 156 / Seite 29
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