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Tilman Spreckelsen Der Unsichtbare: „Lasse, mein Knecht“

19.12.2005 ·  „Lasse, mein Knecht“, sagt der Held eines schwedischen Volksmärchens, woraufhin ihm ein unsichtbarer Diener seine Wünsche erfüllt. Eine tiefsinnige Geschichte in schönen Bildern.

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Irgendwo bei den Eltern muß der Band noch stehen: „Das Märchenbuch der Welt“, ein dicker, engbedruckter, illustrierter Band, der vom Sonnenkind der Fidschi-Inseln erzählt, der Drachenprinzessin aus China oder der Zauberflöte von den Kabylen, am schönsten aber von einem verarmten schwedischen „Prinz oder Herzog oder was er nun war, aber von ungeheuer hoher Abkunft war er auf jeden Fall“.

Der kommt, als er nun wirklich nichts mehr zu beißen hat, in eine alte Hütte mitten im Wald, findet dort zwar kein Brot, aber in einer Kiste einen Zettel: „Lasse, mein Knecht“, steht darauf, und als der adlige Hungerleider die Worte laut liest, antwortet ihm eine Stimme, die nach seinen Befehlen fragt.

Hinter jedem Wichtigtuer ein schuftender Unsichtbarer

Es läuft also alles, wie man es aus tausend Märchen kennt: Der unsichtbare Diener schafft märchenhafte Reichtümer in Windeseile herbei, ein Schloß wächst aus dem Boden, bevölkert mit Heerscharen von Bedienten, der adlige Tunichtgut macht sich wichtig, lebt in Saus und Braus, heiratet die hübsche Prinzessin, gibt leichtsinnig den Zauberzettel aus der Hand, ist schlagartig wieder so arm wie zuvor und soll nun als Betrüger gehenkt werden.

Dann aber wird es unheimlich: Er baumelt schon halbtot am Galgen, da fährt ein Pferdewagen-Konvoi vor. Die Ladung sind Berge von zerrissenen Schuhen, auf dem Bock sitzt ein sehr müder, aber triumphierender Alter: All diese Schuhe habe er im Dienst des nun glücklich Gehenkten verbraucht, kräht der Alte, der endlich sichtbare Lasse, und wedelt ihm mit dem Zettel vor der Nase herum. Natürlich erwacht der Tunichtgut zu neuem Leben, schnappt sich den Zettel, und die alten Verhältnisse sind leider wiederhergestellt. Bevor die Sache aber so ins Ungute kommt, sollte man dieses Bild einfrieren: die Wagen. Die Schuhe. Der müde, befreite Lasse. Und die Gewißheit, daß hinter jedem Wichtigtuer ein Unsichtbarer schuftet, damit die Schlösser in den Himmel wachsen können. Tilmann Spreckelsen

Das Märchenbuch der Welt, erschienen 1969 bei Diederichs, ist vergriffen. Einzelne Exemplare gibt es antiquarisch bei www.zvab.de.

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