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Veröffentlicht: 21.07.2012, 10:35 Uhr

Thriller „Kill Decision“ von Daniel Suarez Wie Technik die Welt zum Schlechteren wendet

Schwärme tödlicher Maschinen mit messerscharfen Sinnen entfesseln einen Weltkrieg. Der Technothriller „Kill Decision“ von Daniel Suarez ist eine exemplarische Spitzenleistung eines kaum analysierten Genres. Übertreibung braucht er kaum.

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© Foto imago/blickwinkel Bibelfest sei der Thrillerautor: Auch die Heldin im neuen Buch von Daniel Suarez nimmt sich ein Beispiel an den fleißigen (und kriegerischen) Ameise[.

Nicht genug damit, dass die fliegenden, in beweglichen Verbänden operierenden Drohnen alles sehen und hören, von Infrarot bis Ultraschall, was in ihrem battlespace passiert, wo die ubiquitär überwachungsanfällige IMEI (International Mobile Equipment Identity) jeder handybesitzenden Person ohnehin eine wandelnde Zielscheibe aus ihr macht. Auf dem Höhepunkt der Verzweiflung über die Engmaschigkeit solcher Fangnetze müssen die Heldin und der Held vielmehr obendrein lernen, dass die Mistdinger sie inzwischen auch noch riechen können: Der menschliche Atem sondert fünfzehn verschiedene Chemikalien ab, die elektronische Sensoren erschnuppern und zur Zielerfassung nutzen können.

Dietmar Dath Folgen:

Wer an dieser Stelle der Lektüre des Romans „Kill Decision“ von Daniel Suarez die Glaubwürdigkeitsmembran zwischen der Wirklichkeit und dem Erzählkosmos überdehnt findet, hat sich getäuscht: Die beschriebene C-Scout-Mikrosensortechnik gibt es tatsächlich. Ihr künstliches Hirn, das MAS (Molecular Analysis System), zusammengesetzt aus einer Geruchsproben sammelnden und bündelnden Preconcentrator-Vorrichtung sowie einem SSA (Self Sensing Array), wird derzeit zum Beispiel bei der Kontrolle von Frachtschiffcontainern verwendet, um giftige Stoffe, Drogen, chemische oder biologische Waffen, aber auch blinde Passagiere aufzuspüren.

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Die aus autonomen Waffenrobotern zusammengesetzten Droidenkollektive, die in „Kill Decision“ amerikanische Senatoren, Ölindustrielle, Sicherheitsleute, muslimische Pilger und Wissenschaftler en gros massakrieren, nutzen ihre artifiziellen Riecher freilich nicht nur zum fahndungsleitenden Abhören der chemischen Kommunikation lebendig miteinander interagierender Organismen - einer Sorte ständiger Nachrichtenproduktion also, die selbst sprachunfähige Geschöpfe, ja, sogar Pflanzen unablässig leisten (der Schriftsteller Ken MacLeod hat das, was dabei an die Umwelt abgegeben wird, in griffiger Analogie zur Datenverkehrswirtschaft der Gegenwart „c-mail“ getauft).

Die eigentlich revolutionäre - und gegenwärtig noch spekulative - Anwendung jener hochentwickelten chemorezeptiven Sensorik, die „Kill Decision“ schildert, ist nicht die besagte Spürhundfunktion, sondern eine neuartige Sorte des Informationsaustauschs der autonomen Drohnen untereinander. Wie Ameisen ihr kollektiv paralleles Handeln per Pheromonsignalnetzwerk abstimmen, so verständigen sich die Mechamonster bei Suarez auf Duftbasis, weshalb sich ihre Choreographien auch nicht mehr so leicht, wie bei ihren älteren, radiogelenkten Cousinen, die zum Beispiel Libyens Gaddafi den Garaus gemacht haben, mit Störsendern durcheinanderbringen lassen. Etwa die Hälfte der in Kampfeinsätze geschickten Drohnen geht, so erfahren wir nebenbei, im Augenblick per Abschuss oder Absturz verloren. Das sind Verlustraten, die man sich mit Menschen schon der Mediensituation wegen lieber nicht leistet.

Myrmekologin und zäher Mann

Zum Glück ist die gejagte Heldin Myrmekologin; sie modelliert am Computer gewohnheitsmäßig die Schwarmkooperation der nach dem Menschen kriegerischsten Spezies auf dem Planeten. Ihre Ameisensoftware, geklaut von namenlosen Kriegsgewinnlern, die mittels Terror die gesetzliche und völkerrechtliche Deregulierung der Drohnenkriegsführung erzwingen wollen, lenkt den Tod aus der Luft. Aus diesem Grund eignet sie sich als Köder, mit dem der Held die Strippenzieher des ganzen Terrors aus ihren Nestern locken kann, weil sie die Mitwisserin zum Schweigen bringen müssen. Schließlich inspiriert ihre Expertise sogar einigermaßen spektakuläre Gegenmaßnahmen; Sachschäden in Milliardenhöhe steckt das Buch weg wie Chinakracher.

Die Zusammenarbeit der Naturforscherin Linda McKinney und des Geheimagenten „Odin“ findet mit den Mitteln der schlauen Frau, aber auf dem Terrain des zähen Mannes statt. Man kennt den Typus, den er verkörpert, aus Film und Fernsehen, aus „24“ und „Mission: Impossible“. Der Befehl, dem er folgt, lautet, nicht von der Suche nach den Schuldigen abzulassen, und zwar (hier enthält ein derartiger Befehl seit den Anschlägen vom 11. September 2001 im Krimi stets eine selbstermächtigende Logikschlaufe) sogar dann, wenn irgendwann der Konterbefehl gegeben werden sollte, die Waffen niederzulegen.

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