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Thomas Mann Unterhalter deutscher Ausgewanderter

12.08.2005 ·  Er hat uns aus der Bundesrepublik herausgeführt: Thomas Mann ist eine Befreiung, ein Kontinent, in den man nach Belieben emigrieren kann. Sein Werk hat junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes sozialisiert. Thomas Mann, fünfzig Jahre nach seinem Tod.

Von Frank Schirrmacher
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Der Nobelpreisträger Günter Grass sagt soeben der Deutschen Presseagentur, er bewundere Thomas Mann, sei aber nicht von ihm beeinflußt. Auch tadele er die Verherrlichung des Dichters. „Sensationelle Überhöhung in Form von Übertreibung hat Thomas Mann nicht verdient.“ Wer dürfte ihm widersprechen - wenngleich mancher die Frage stellen könnte, ob die „Blechtrommel“ wirklich ohne Beeinflussung etwa durch den „Erwählten“ denkbar ist.

Aber man kann auch sagen: Wäre Günter Grass als junger Autor von Thomas Mann beeinflußt worden, er wäre nie Günter Grass geworden. Und kurioserweise ist er dann, als er Günter Grass geworden war, auch wieder Thomas Mann geworden: ein Präzeptor, eine moralische Instanz und natürlich ein Meister. Jetzt hat er, im Gespräch mit der Agentur, so liebevoll und anrührend über „Lotte in Weimar“ geredet, wie Thomas Mann seinerseits über die „Blechtrommel“ geredet hätte, wenn er sie erlebt hätte.

Wie eine Grippeinfektion

Aber auch unterhalb oder jenseits von Günter Grass werden wir zu Thomas Mann von den Dichtern wenig hören, weshalb wir uns mit den Lesern befassen müssen. Vermutlich wird fast jeder deutsche Schriftsteller (von Martin Mosebach abgesehen), den die dpa nach seiner Beeinflussung durch die Weltmacht Thomas Mann fragt, den Einfluß verneinen. Das haben die Schriftsteller bei einer entsprechenden Umfrage Anfang der siebziger Jahre auch schon getan. Auch das kleine Liechtenstein würde wahrscheinlich auf eine entsprechende Frage behaupten, nicht von den Vereinigten Staaten beeinflußt zu sein.

Wir Leser könnten dergleichen niemals sagen. Wir kennen nur Leute, die von Thomas Mann beeinflußt worden sind. Klar, es gibt darunter viele, die diesen Einfluß wie eine Grippeinfektion empfunden haben, bei der sie froh waren, wenn sie vorüber war. Aber angesteckt waren sie alle.

Von Thomas Mann „gemacht“

Ich zähle auf Anhieb eine Handvoll Menschen unter fünfzig Jahren, die sogar behaupten, ohne Thomas Mann nicht sie selbst geworden zu sein. Sie sagen nicht nur, daß sie ohne ihn anders denken, anders lesen oder anders empfinden würden. Dergleichen erleben auch begeisterte Leser von Hermann Hesse oder Gottfried Benn. Sie sagen, daß ihr ganzes Verständnis von Kultur und Geschichte und sogar von eigener Lebensführung ohne Thomas Mann ein völlig anderes geworden wäre. Jeder von denen, die ich kenne, kennt auch wieder etliche, denen es genauso ergangen ist. Zähle ich noch die hinzu, die ich nicht persönlich kenne, deren Texte aber verraten, was sie, manchmal sogar gegen ihren Willen, beeinflußte und verändert hat, dann komme ich rein rechnerisch auf die stabile Mehrheit der Leser und Schreiber in diesem Land.

Am Ende ist es so, daß gerade der Teil des lesenden Deutschland, der zum Zeitpunkt von Thomas Manns Tod vor fünfzig Jahren noch nicht einmal geboren war, von Thomas Mann gewissermaßen gemacht worden ist - manche nur viertel oder halb fertig, andere ein Leben damit beschäftigt, die Herkunft zu verleugnen, andere enthusiastisch sie bejahend. „Gemacht“ - das heißt, ihr Rezeptionsverhalten, ihre Art, auf Literatur, Kunst und Musik zu reagieren, ihre Art zu lesen, ist von ihm fabriziert. Liest jemand von ihnen Schopenhauer, ohne der Schopenhauer-Lektüre des Senators Buddenbrook inne zu sein? Oder hören sie vom klaren Licht der Vernunft, ohne Settembrini zu hören, reisen sie nach Venedig, ohne Aschenbach zu erinnern, und erleben sie alle die Dax- und MDax-Bosse, ohne auf Hans Hansen zu sehen?

Einmal mit Goethe, und dann mit ihm

Sie alle sind Leser, keine Schriftsteller. Kaum einer versucht zu schreiben wie Thomas Mann, wenngleich unter den Jüngeren mit dem Essayisten und angelsächsisch verfeinerten Thomas-Mann-Kenner Michael Maar einer aufgetaucht ist, der dem ironischen Megatalent am nächsten kommt. Aber schreiben wie er geht nicht. Thomas Mann ist, um eines seiner Worte zu variieren, Stil auf die Spitze getrieben; er hat es immer schon besser formuliert, hat es besser erzählt und ausgedrückt, „absolut... perfekt“ noch im Stammeln einer seiner Hauptfiguren.

Das erklärt die Frustration seiner Konkurrenten und nachgeborenen Kollegen. Daß große Kunstwerke, anders als technische Innovationen, sich nicht ablösen und durch das nächstbessere ausgelöscht werden, sondern immer mächtiger werden und Autorität über die Lebenden und sogar die noch nicht Geborenen ausüben, haben die Deutschen zweimal erlebt. Einmal mit Goethe, und dann mit ihm.

Das Leib-Seele-Problem

Er hat Goethe ersetzt. Das muß sogar in der Stadt Goethes zu sagen erlaubt sein. Wovon er immer träumte, das ist wahr geworden. Er hat Goethe nachgeschrieben und nachgeahmt und nachgelebt, er hat ihn natürlich nicht verdrängt oder ausgelöscht, aber er ist das geworden, was Goethe für das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert war. Die Gelehrten, die noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts Bibliotheken füllten, mit Erörterungen etwa über das „Dämonische“ bei Goethe, haben das in den letzten fünfzig Jahren mit den Dichotomien Thomas Manns getan.

Wie viele Bücher haben sich dem Leib-Seele-Problem bei Thomas Mann gewidmet? Wie viele den Einflüssen, die ein bekannter Literaturprofessor einmal, leider ganz unironisch, mit der Wendung „von Luther bis Nietzsche“ umzirkelte? „Von Luther bis Nietzsche“ - das kam ja von ihm selbst, das war, wie nicht nur Kerr, Brecht und auch der Bruder Heinrich bemerken, eine freche Usurpation. Aber es ist gelungen. Einen solchen Traditionszusammenhang zu erzwingen, das ist nach ihm niemals wieder einem deutschen Schriftsteller gelungen.

Prekäre Beziehungen zwischen Geist und Leben

Er ist der Referenzpunkt geworden; nicht nur, wie man zu Recht bemerkte, was den Grundkreis heutiger Bildung angeht, sondern auch, was überhaupt den Zutritt zu deutscher Geistesgeschichte betrifft. Thomas Mann hat sie zum Roman gemacht. Er hat die deutsche Geistes- und Bildungsgeschichte mit Helden und Bösen versehen, er hat sehr viel weggelassen und sehr viel dazuerfunden - und all das ist nun alles, was noch da ist. „Wo ich bin, ist deutsche Kultur“, dieser bis zum Überdruß zitierte Satz, ist auch postum wahr geworden. Was Nietzsche, Goethe, Wagner sind, das ist dem deutschen Leser durch ihn bekannt geworden. Nach einem Wort des Literaturkritikers Harold Bloom sind dies die Kennzeichen der größten Dichter: Sie verändern durch ihr Schreiben nicht nur die, die nach ihnen kommen, sondern auch die, die vor ihnen waren. Wir lesen Goethe und Nietzsche oder Schopenhauer immer so, als würde er sie uns vorlesen.

Die prekären Beziehungen zwischen Geist und Leben, Eros und Tod werden dem jungen Leser zuerst durch das Werk Thomas Manns bekannt und so stark und widerspruchslos, daß mancher Jahre und Jahrzehnte brauchte, um sich die Prägung wieder abzuerziehen. Auch darin hat er Goethe ersetzt. Er ermunterte ein Epigonentum, weniger unter den Schriftstellern - vor fünfundzwanzig Jahren bekannte sich unter den deutschen Dichtern nur Johannes Mario Simmel zu ihm - als unter den literarischen Akademikern, die in seinem Fahrwasser durch die Geistesgeschichte segelten.

Zweiter repräsentativer Familienroman

Was viele seiner nachgeborenen Kollegen fast wahnsinnig machte, war, daß er diesen Nachruhm vorhergesehen hat. Er hätte sich nicht im geringsten darüber gewundert, daß ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ein Bundespräsident und Deutschlands erster Literaturkritiker in der Lübecker Marienkirche ihn feiern. Daß seine Werke im neuen Jahrhundert offenbar mehr gelesen werden denn je, hätte ihn nicht überrascht. Das bis zuletzt unangefochtene Gefühl, daß keiner es je besser machen könnte als er - auch wenn er, mit Goethe sprechend, voraussah, daß nach seinem Tode die Deutschen wieder „wie die Schweine“ sprechen würden -, war wohl nur zu ertragen, indem man den Mann selbst asozial machte.

Wie eitel er war und egozentrisch und kalt, ein Voyeur dazu, ein monströser Vater und Ehemann - Bibliotheken haben sich diesem Thema gewidmet. Es gab eine Verführung durch die Sirenenklänge des Werkes, aber keine zu der Person, die sie verursachte. Aber auch diese Mauer zwischen Thomas Mann und den Deutschen ist eingerissen; erst durch die allmähliche Publikation der „Tagebücher“, dann durch Heinrich Breloers großartigen Film. Durch Inge und Walter Jens' verdienstvolle, die Leserschaft unglaublich interessierende Biographie über Katja Mann, ist die Geschichte der Familie Mann nach der Geschichte der Buddenbrooks zu einer Art zweitem repräsentativen Familienroman der Deutschen geworden.

„Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinander dachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen, breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitiv Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese... Er war, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche.“ Das ist der berühmte Satz aus Gottfried Benns „Nietzsche nach fünfzig Jahren“. So kann man heute nicht mehr sprechen. So kann man sprechen, wenn man über die „AKW-nee“-Demos der siebziger oder Mutlangen oder „Stoppt Strauß“ redet, aber nicht, indem man über Kunst und Literatur spricht. Fünfzig Jahre nach Thomas Manns Tod war das, was die nachgeborenen Generationen erlitten und breittraten, vor allem und immer wieder Politik. Vieles spricht dafür, daß das Werk Thomas Manns spätestens seit den sechziger Jahren so etwas wie das Angebot einer Parallelgesellschaft war, mit allem, was dazu gehört: einer Parallelfamilie, einer Parallelsozialisation, einer Parallelzeit.

Am Hesse-Kult der sechziger Jahre läßt sich ablesen, wie mächtig Literatur als Mitgesellschafterin in unsere Wirklichkeit eingreifen kann. Leiser, umstrittener, aber viel intensiver, viel konzentrierter galt dies für Thomas Mann. Sein Werk hat junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes sozialisiert. Sie bewegten sich in den Klein- und Kleinstsozietäten der Buddenbrooks, des Sanatoriums „Berghof“, des Hotel des Bains und all der Leute, die die Erzählungen bevölkern, Erzählungen, die kaum je einer vergißt, der sie gelesen hat. Seine Erfindung von Bürgerlichkeit, seine Privatmythologie, sein Glaube an die Dinge, die in Büchern stehen, und letztlich auch sein Glaube, daß Politik eben doch nicht das Erste und Letzte ist, das hat Menschen, denen all das in der bundesrepublikanischen Gesellschaft niemand mehr sagte, nachhaltig zu dieser Auswanderung ermutigt.

Er übt Zivilisation ein

Thomas Mann, so hieß es noch in einer Umfrage, die Marcel Reich-Ranicki 1975 in dieser Zeitung veranstaltete, war eine Last, ein luft- und atemraubender Klassiker, von dem man, nach einem Wort Gottfried Benns, froh war, daß er nun als Engelchen über uns schwebt. Heute sieht das anders aus. Thomas Mann ist eine Befreiung, eine Option, ein Kontinent, in den man nach Belieben emigrieren kann.

Was er einst in beleidigender Absicht über seinen Bruder sagte, er sei ein „Zivilisationsliterat“ (eine Beleidigung, die mindestens so viele wissenschaftliche Untersuchungen hervorgerufen hat wie der Begriff des Dämonischen bei Goethe), ist er in unbeleidigender Hinsicht selbst geworden. Er übt Zivilisation ein, die in der atomisierten Gesellschaft für nachwachsende Generationen nicht zu finden ist. „Er macht deutlich“, schreibt soeben Hans Ulrich Gumbrecht, „daß die Form und der Stil literarischer Texte Teil eines Gelingens sein können (und vielleicht sollen), das dem individuellen wie dem gesellschaftlichen Leben Formen gibt und abgewinnt.“

Goethe, Castorp und Hiob in einem

Literatur hat Staaten gebildet und zusammengehalten, warum soll sie heute nicht auch ein paar Menschen zusammenhalten? Thomas Mann nach fünfzig Jahren - ein soziales und familiäres Monster für die Mitwelt, ein ständiger Vorwurf angesichts der Perfektion des Gelingens für die Nachwelt und ein Verbündeter für die Zukunft.

In der letzten Tagebucheintragung, die er verfaßte, im Juli vor fünfzig Jahren, taucht ganz am Ende noch einmal Hanno Buddenbrook auf und das „Gewand des Todes“. Der Achtzigjährige, der alles erreicht hat, gedenkt des Fünfzehnjährigen, der er hätte sein können, ein Mensch, der alles hätte tun können, aber nichts tat, weil er in allem nur ein Versprechen war. „Lasse mir's im Unklaren, wie lange dies Dasein währen wird“, heißen die letzten Zeilen, die er schrieb: „Langsam wird es sich lichten. Soll heute etwas im Stuhl sitzen. - Verdauungssorgen und Plagen“. Hier haben wir ihn: Goethe, Castorp und Hiob in einem.

Quelle: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 33
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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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