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Thomas Hettche Mein Lieblingsbuch: „All die schönen Pferde“

03.08.2004 ·  In seinem Roman „All die schönen Pferde“ legt sich die Sprache Cormac McCarthys perfekt um die Dinge, die sie erschafft. Womöglich deshalb, weil er den Auftrag zu dem Buch direkt von Gott erhält?

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Cormac, ich langweile mich!" - "Was soll das, Gott? Ich habe doch gerade erst ,Verlorene' geschrieben. Genügt Dir das nicht?" - "Doch, doch, das war schon ganz gut." - "Aber?" - "Na ja", sagte Gott, "ich dachte da an einen Roman, der es zunächst einmal mit diesem neumodischen Zeug aufnimmt, das ihr Kino nennt. Du kennst das doch: diese Geschichten mit Cowboys und Indianern und so."

Cormac McCarthy nickte. "Kenn' ich. Was noch?" - "Außerdem sollte es ein Roman sein, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt." - "Was meinst Du denn damit?" - "Na ja, mehr so ... conditio humana. Du weißt schon." - "Hm." Cormac nickte wieder.

"'tschuldigung?" - "Was gibt es denn?" Gott drehte sich ziemlich ungehalten nach mir um. "Verzeihen Sie bitte, Gott", sagte ich schüchtern, "eine Frage nur: Warum gerade Cormac McCarthy?" - "Warum wohl - wegen seines Stils natürlich!" Ich glaube, ich starrte ihn recht lange an. Gott seufzte. "Stil, verstehen Sie, junger Mann, ist nicht einfach die Handschrift eines Schriftstellers. Das wollen einen nur die Hersteller edlen Schreibgeräts glauben machen. Stil ist auch keine Pirouettenkunst, wie die Sportreporter unter den Feuilletonisten gern behaupten." - "Sondern?" - "Jeder Stil ist ein besonderes Gefäß für die Welt."

"Ach", sagte ich, doch Gott hatte sich längst wieder abgewandt: "Und eins noch, McCarthy!" - "Was denn noch?" Der Schriftsteller sah ihn gequält an. "Ich finde, daß ihr anfangt, meine Natur etwas sehr zu vernachlässigen. Letzten Endes kommt ihr doch nicht um sie herum." - "Verstehe." Der Schriftsteller dachte kurz nach. "Was hältst du von Texas?" - "Find' ich o.k."

Cormac McCarthy nickte. Und als Gott gegangen war, setzte er sich hin und schrieb "All die schönen Pferde". Und vielleicht, weil er die Stimme Gottes noch im Ohr hatte, legt sich in diesem Roman die Sprache Cormac McCarthys so perfekt um die Dinge, die sie erschafft.

Der Autor, geboren 1964, lebt in Frankfurt. 2001 erschien sein Roman "Der Fall Arbogast".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2004, Nr. 178 / Seite 31
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