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Thomas-Bernhard-Biographie : Immerzu hassen ist auch anstrengend

Schüchternheit und Hochmut, dabei unbelehrbar: Thomas Bernhard bei einer Lesung. Bild: Picture-Alliance

Lange hat man auf eine umfassende Biographie des Schriftstellers Thomas Bernhard gewartet. Manfred Mittermayer hat sich getraut. Aber ist er auch weit genug gesprungen?

          Am 21. Oktober 1976 wäre es beinahe um ihn geschehen gewesen. Da sitzt Thomas Bernhard in einer Maschine der Monarch-Airlines auf dem Flug von Wien nach London, um eine Probe seines Stücks „Die Macht der Gewohnheit“ am English National Theatre zu besuchen. Kurz nach dem Start, die Reiseflughöhe von zehntausend Metern ist schon erreicht, explodiert das rechte Triebwerk. Der Pilot schafft es, das Flugzeug wohlbehalten nach Wien zurückzufliegen. Hilde Spiel hat Bernhards Gedanken während dieses Flugs später in einem Interview überliefert: Er habe einzig darüber nachgedacht, „wie ist denn das letzte Buch jetzt, das ich veröffentlicht hab? Ist das ein Buch, mit dem man aus dem Leben gehen kann?“

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Nachwelt und den Ruhm, beides hatte Thomas Bernhard stets im Blick, nie wieder wollte er arm und unbedeutend sein. Den Künstlergestus verstand er zu kultivieren, bis er so überlebensgroß wurde, dass er sich verselbständigte. Den Widersprüchen dieser zerrissenen Existenz und gleichzeitig dem weltweit gelesenen literarischen Werk gerecht zu werden ist keine Kleinigkeit: Der österreichische Germanist Manfred Mittermayer, Jahrgang 1959, hat sich mit dem vorsichtigen Untertitel „Eine Biographie“ auf das Wagnis eingelassen. Er forscht seit dreißig Jahren über Bernhard und hat mehrere Bände der unlängst bei Suhrkamp abgeschlossenen Werkausgabe als Herausgeber betreut. Seine Ausgangsthese lautet: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biographie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären.“

          Unter keinem komfortablen Stern

          Bernhard, ein Meister der medialen Selbststilisierung, hat keine Tagebücher hinterlassen, aber immerhin eine fünfbändige Autobiographie (die er selbst als „Biographie“ bezeichnete!), diverse autobiographisch grundierte Texte sowie die gesammelten Erinnerungen „Meine Preise“, auf die sich Mittermayer sehr häufig bezieht – dies auch mangels Masse, weil ihm Bernhards Erbe, sein Halbbruder Peter Fabjan, untersagte, aus Briefen zu zitieren. Notgedrungen hat er sich auf Bekanntes beschränkt; mehr Material hätte einen anderen Zugriff befördert.

          Der Weg des 1931 im holländischen Heerlen geborenen, unehelichen Sohns Herta Bernhards steht unter keinem komfortablen Stern. Schon die Zeugung war offenbar eher eine Vergewaltigung. Den Tätervater, einen Tischler namens Alois Zuckerstätter, sollte Thomas nie kennenlernen. Beim verehrten Großvater Johannes Freumbichler wächst er nach Stationen in Kinderheimen am Wallersee auf und gerät in einen chronisch unterfinanzierten Künstlerhaushalt. Freumbichler ist, anders als der Rest der Welt, von seinem Genius überzeugt. Das hindert ihn nicht, seine Familie im Stil eines Sektenführers zu kujonieren. Als Herta 1937 den Friseurgehilfen Emil Fabjan heiratet, kommen im bayerischen Traunstein zwei Halbgeschwister hinzu, Peter und Susanne, die Bernhard beide in seinem Testament bedenken wird.

          Große Begabung und unerträglicher Hochmut

          1943 landet er vorübergehend in Thüringen, in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche, dann in einem NS-Heim in Salzburg, schließlich in einem katholischen Gymnasium, das er nicht abschließt. Bettnässer, Hitlerjugend, Bombardierung Salzburgs, zwei Selbstmordversuche: Er durchleidet ein trostloses Programm der Armut und Ausgrenzung, in dem ihm nichts gelingen will. Ansätze, sich im Gesang ausbilden zu lassen, durchkreuzt eine schwere Lungenentzündung, dann eine offene Tuberkulose, die ihn von 1949 an immer wieder in Heilanstalten zwingen wird – am Ende wird daraus eine Krankheit zum Tode, der er im Alter von achtundfünfzig Jahren nichts mehr entgegenzusetzen hat. Er stirbt in Gmunden, in der Wohnung seines Bruders, der ihn als Internist jahrelang betreut hatte.

          Es wird zwanzig Jahre dauern von der ersten literarischen Veröffentlichung und Gehversuchen als Lyriker bis zum endgültigen Durchbruch, den 1970 die Verleihung des Büchner-Preises markiert. Danach beschleunigt sich die Karriere als Bühnenautor und Prosaschriftsteller rasant. Und daran, das macht Mittermayer deutlich, haben viele Menschen mitgewirkt. Zum Beispiel Alice Herdan-Zuckmayer, die Bernhard wie ihr Mann Carl zugetan ist. Sie bescheinigt ihm große Begabung und unerträglichen Hochmut. Dabei ist der junge Autor auch schüchtern, hat Angst vor Zurückweisung. Doch sein wenig einnehmendes Wesen, sein Mangel an Selbstkritik sowie sein räudiges Äußeres in den Nachkriegsjahren hemmen sein Vorankommen. Seine Bilanz als Lokaljournalist ist durchwachsen; übermäßige Heimatliebe gepaart mit dem Hang als Gerichtsreporter auf Seiten der Justiz zu stehen; dazu kümmern ihn Fakten wenig, belehrbar ist er mitnichten. Kurz, er sucht geistigen Umgang höheren Orts, bei Montaigne, Schopenhauer, Pascal, Kant. Und schafft am Mozarteum die Prüfung für die „Eignung zur Regieführung“.

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