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Theorie der Kontinentaldrift Der Weltbildzertrümmerer

05.01.2012 ·  Dieser Mann sagte vor hundert Jahren, der Boden unter unseren Füßen sei nicht fest - und wurde dafür verlacht: Die bittere Geschichte des Alfred Wegener.

Von Jo Lendle
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Vor hundert Jahren, am 6.Januar 1912, trat in Frankfurt ein Mann vor die Jahreshauptversammlung der Geologischen Vereinigung, dessen Namen kaum einer der anwesenden Erdwissenschaftler kannte. Alfred Wegener war 31 Jahre alt, ein Niemand. Das Schlimmste: Er war fachfremd. Aufgewachsen in einem protestantischen Pfarrhaus in Berlin, hatte er früh eine Neigung zur Wetterkunde entwickelt. Zwei Jahre hatte er damit zugebracht, auf Grönland Drachen steigen zu lassen, um die Schichtungen der Atmosphäre zu erforschen. Nun lebte er als Privatdozent für Meteorologie, praktische Astronomie und kosmische Physik in Marburg. In seiner Freizeit unternahm er ausgedehnte Fahrten im Freiballon.

Wolken, Eis, Himmelfahrt und Gestirne! Und so einer wollte die harte Welt der Geologie erschüttern? Die im Hörsaal der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft versammelten Kapazitäten nahmen den Titel von Wegeners Gastvortrag eher amüsiert zur Kenntnis: „Neue Ideen über die Herausbildung der Großformen der Erdrinde“. Dabei standen die Grundlagen ihres Faches ebenso fest wie die Kontinente: Die Lehre des Fixismus galt als unverrückbar. Danach war die äußere Gestalt der Erde starr, das Muster von Festland und Meeren unveränderlich. Berge und Täler hatten sich durch allmähliches Einschrumpeln des Erdballs gebildet - vergleichbar einem alten Apfel. Wegener ahnte, dass diese Frucht nicht am Baum der Erkenntnis gereift war.

Schon früher hatte es Zweifel an der Festigkeit der Welt gegeben. Bereits Humboldt war die Übereinstimmung der atlantischen Küsten Afrikas und Südamerikas aufgefallen. Und auch Wegener führte die Ähnlichkeit, die noch heute jedem Schulkind am Globus ins Auge springt, als Argument an: „Nicht allein der große rechtwinklige Knick, den die brasilianische Küste bei Kap San Roque erfährt, findet sein getreues Negativ in dem afrikanischen Küstenknick bei Kamerun, sondern auch südlich dieser beiden Punkte entspricht jedem Vorsprung auf brasilianischer Seite eine gleichgeformte Bucht auf afrikanischer, und umgekehrt jeder Bucht auf brasilianischer ein Vorsprung auf afrikanischer Seite.“ Die Vertreter der alten Lehre taten es als Zufall ab.

Ein weiterer erstaunlicher Befund kam aus der Paläozoologie. An gegenüberliegenden Küsten der Weltmeere waren Fossilien verwandter Arten gefunden worden, die niemals einen Ozean schwimmend hätten überqueren können. Mit dieser Tatsache konfrontiert, war das geologische Establishment auf einen Trick verfallen: Es postulierte die Existenz früherer Landbrücken zwischen den Kontinenten, die nach erfolgtem Austausch der Arten versunken seien.

Die Vorstellung versinkender Landbrücken klingt heute unvorstellbar und hergeholt, nach einer Mischung aus Atlantis und Lummerland. Unweigerlich stellt man sich vor, wie die Tiere vor dem stürmischen Untergang noch rasch hinüberhoppeln - am besten paarweise, in Zweierreihen, wie Gottes frisch geschöpfte Kreaturen beim Betreten der Arche. All das erinnert an andere verzweifelte Versuche, haltlose Ideologeme zu retten: die Planetenschleifen des Ptolemäus, den Äther, den antifaschistischen Schutzwall. Tatsächlich aber verbindet noch heute die Landenge von Panama die beiden Amerikas und ermöglicht so den Austausch von Arten.

Das wusste Wegener. Daher versuchte er seine Kritiker im Auditorium mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Das stärkste Argument seines Vortrags war der Nachweis, dass das leichtere Gestein solcher Landbrücken im anerkannt schwereren Untergrund der Ozeanböden niemals versinken könnte. Sie müssten darauf schwimmen wie Eisschollen im Polarmeer.

Damit aber nicht genug: Wegener führte an, dass Erdbeben nicht gleichmäßig auftreten, sondern mit einer Häufung an den Küsten. Er war auf Berichte von Diamantadern gestoßen, die der Atlantik einfach unterbrach. Schleifspuren von Gletschern bildeten beiderseits des Ozeans ein zusammenhängendes Muster. Gegenüberliegende Ufer wurden von Schnecken und Regenwürmern bevölkert, denen der Weg über eine Landbrücke kaum zuzutrauen war. Noch viel weniger einem Farn, der außer an weit entfernten Küsten nirgendwo auf der Welt gedieh.

Was Alfred Wegener von seinen Vorgängern unterschied, war die Offenheit, mit der er in unterschiedlichsten Wissensgebieten nach Belegen für seine These suchte, seine erstaunliche Bereitschaft, die Demarkationslinien zwischen den Fachgebieten zu überspringen. Den Strauß seiner Argumentation hatte er auf den Feldern der Geologie, Paläontologie, Glaziologie, Botanik und Zoologie gepflückt. Mit der gedanklichen Spannbreite eines letzten Universalgelehrten fügte er Belege zu einem Mosaik der Welt. Und als das Puzzle fertig war, zeigte sich, dass die Welt in Einzelteile zerfiel.

Es war nicht anders möglich, als dass die Festländer nicht fest waren. Sie trieben auseinander, fort von der Einheit, die sie einmal gebildet hatten. Das war der große Zusammenhang, auf den Wegener stieß: Ein gemeinsamer Urkontinent, „Pangäa“ genannt - „Alles Land“.

Was mag in den Köpfen seiner Frankfurter Zuhörer vorgegangen sein? Gab es einen Kampf zwischen Einsicht und Abwehr? Wem gewohnte Gewissheiten entrissen werden, der erlebt eine Art geistiger Vertreibung, traumatisch wie ein Heimatverlust. Was eben noch Sicherheit gegeben hat, die Stütze eines Weltbilds, sollte auf einmal falsch sein. Und dann?

Der Vortrag vom 6.Januar gehört in eine Staffel verwandter Umwälzungen, an diesem Tag stellte Wegener sich in die Reihe großer Weltbildzertrümmerer, gesellte sich zu Kopernikus, Darwin und Freud.

Ohne Anerkennung seiner Arbeit

Eine Woche vor dem Vortrag, an Silvester 1911, hatte Wegener seinem späteren Schwiegervater, dem Meteorologen Wladimir Köppen, geschrieben: „Wenn sich jetzt zeigt, dass Sinn und Verstand in die ganze Entwicklungsgeschichte der Erde kommt, warum sollen wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen? Ich glaube nicht, dass die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben.“

Wegener irrte. Sein Auftritt in Frankfurt endete in einem Desaster. Niemand schenkte seiner These Glauben. Die im großen Hörsaal versammelte Geologenzunft verlachte den jungen Mann.

Alfred Wegener sollte die Anerkennung seiner Arbeit nicht mehr erleben. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis seine Gedanken in der erweiterten Fassung der Plattentektonik allgemeinen Zuspruch fanden.

Schwergängigkeit manchmal auch ein Segen

Welche Lehre lässt sich heute daraus ziehen? Fast keine. Es ist zu leicht, über die Starrköpfigkeit der Gelehrten den Kopf zu schütteln. Auch wenn uns Wegeners Rehabilitierung eine geliehene Genugtuung verschafft - sie ist zu billig. Die Gnade der klügeren Geburt ist relativ: Nur weil etwas, aus dem Nachhinein betrachtet, offensichtlich wirkt, muss die Lösung im Vorhinein nicht auf der Hand gelegen haben. Und eine gewisse Schwergängigkeit gegenüber umstürzlerischen Welterklärungen ist häufig genug ein Segen - nicht jedem Ufologen muss eine Bühne geboten werden.

Woran erkennt man denn nun, ob eine Idee bahnbrechend ist oder wirr? Bei der Entscheidung hilft, was auch sonst im Leben nützlich ist: die rechte Mischung von Aufgeschlossenheit und Zweifel. Was dagegen nicht hilft, auch wenn wir einen Großteil unserer Alltagsentscheidungen danach treffen: Sympathie. Davon hätte auch Wegener ein Lied zu singen gehabt.

Achtzehn Jahre verblieben ihm nach der ersten Präsentation seiner Lebensthese bis zum tragischen Tod im Grönlandeis. Längst lebte er als Professor in Graz. Doch den entscheidenden Einwand gegen die Verschiebungstheorie konnte er bis zuletzt nicht entkräften: Solange es ihm nicht gelang, einen Grund für die Drift der Kontinente zu benennen, wurde sie nicht anerkannt. Dabei versteckte sich die Antwort im Nebenzimmer. Ausgerechnet Robert Schwinner, Wegeners Kollege am Geologischen Institut, stellte als Erster die zutreffende Vermutung auf, dass Magmaströme die Platten der Erdkruste transportierten. Auf den menschlich schwierigen Schwinner aber wollte Wegener nun wirklich nicht hören.

So blieb ihm nichts übrig, als den Einwand der fehlenden Ursache mit einer immerhin sympathischen Bemerkung zu quittieren: Auch für die Existenz des Universums kennt niemand einen Grund. Muss man es deshalb in Zweifel ziehen?

Jo Lendle, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Verleger. Sein aktueller Roman „Alles Land“ erzählt das Leben Alfred Wegeners.

Quelle: F.A.Z.
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