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Zur Lage in der Türkei : Warum sind Atatürks Enkel so wütend?

Er ist der Herrscher der „neuen“ Türkei: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bild: Reuters

Der Journalist Baha Güngör hat ein Buch über die Türkei geschrieben. Er will Verständnis für die Entwicklung des Landes schaffen. Wie erklärt der einstige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle das Phänomen Erdogan?

          Er war einer der ersten Journalisten, die hierzulande zuverlässig über die Türkei berichteten. Von 1984 bis 1999 arbeitete Baha Güngör als dpa-Korrespondent in der Türkei, danach leitete er bis 2015 in Bonn die türkische Redaktion der Deutschen Welle. Sein Buch „Atatürks wütende Enkel“ lebt von den Schilderungen des persönlich Erlebten, etwa wie er 1961, im Alter von elf Jahren, aus Istanbul nach Deutschland kam, und wie er von 1984 an, als noch kaum aus der Türkei berichtet wurde, die Politik und Gesellschaft des Landes erfahren hat. Anschaulich zeigt der Autor, wie gut und eng die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei damals waren.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Autor verspricht zu zeigen, wie die Türken „ticken“. Das wird eher zwischen den Zeilen sichtbar. Vielmehr zeigt das Buch, dass die Entwicklungen in der Türkei nie zufällig waren, sondern nahezu zwangsläufig aus konkreten Konstellationen heraus entstanden sind. So zeichnet Güngör nach, wie die PKK aus der linksextremen Bewegung entstand, deren Führer in den siebziger Jahren verhaftet und gefoltert wurde.

          Lesenswert sind die Passagen, in denen sich der Autor mit der „seit vielen Jahrzehnten schwelenden Ignoranz der kemalistischen Eliten, die sich unersetzlich und unangreifbar fühlten“, auseinandersetzt. Er zeigt, wie die „Verknöcherung des Kemalismus“, also der Staatsdoktrin Atatürks, die demokratischen Entfaltungsmöglichkeiten derart eingeschränkt hat, dass der Spruch „Yeter! Söz milletindir“ (Es reicht! Dem Volk das Wort) zum wirksamsten Wahlslogan Erdogans werden konnte. Güngör erweckt den Eindruck, als habe Erdogan von Beginn an ein festes Ziel im Kopf gehabt, bleibt dafür aber einen Nachweis schuldig.

          Möchte, dass man die Türkei in Deutschland besser versteht: Der Journalist und ehemalige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle, Baha Güngör.

          Zu Unrecht kommt Turgut Özal, der die Republik von 1983 bis 1993 als Ministerpräsident und Präsident geprägt hatte, zu schlecht weg. Der Autor sieht ihn lediglich als den Wegbereiter des Islamismus, Özal war aber mehr. Er demokratisierte die Türkei, ging auf die Kurden und andere Minderheiten zu, er liberalisierte die Wirtschaft und holte Investoren ins Land.

          Einige Passagen sind stark, etwa wenn der Autor über die Kreativität und den Mut der langsam erstarkenden Frauenbewegung schreibt, andere ziehen sich mit zu vielen Details und ständigen Wiederholungen in die Länge. Etwas mehr Systematik und ein Index hätten dem durchaus lesenswerten Buch gutgetan.

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