http://www.faz.net/-gr0-92znn

Übersetzer-Duell : Wettkampf der Spitzenwortler

  • -Aktualisiert am

Auch 2017 gibt es verkorkste Versionen, in denen aus einem „place of my birth“ die „Stätte meiner Niederkunft“ wird, aus „wildly rippling bodies“ „wild krabbelnde Leichen“ oder aus „There was less sense of simple visceral abandon at our concerts during these last weeks“ der amüsante Satz „Während dieser letzten Wochen gab es bei unseren Konzerten weniger Fälle von ungehemmter Darmentleerung.“ Hier ist das Übersetzen eher ein Eselsbrückenbau ins Verstehen. Ein erstes Resümee für die Zukunft des literarischen Übersetzens im deutschsprachigen Raum wäre, dass wir mehr hermeneutische Unterweisung brauchen, Fortbildung in grundlegender Textinterpretation.

Wenn die eingesandten Übersetzungen gelegentlich nur „abfotografierte Originale“ sind – so der anschauliche Begriff von Miriam Mandelkow –, dann liegt das nur zu oft daran, dass das Original nicht ganz verstanden und durchdrungen wurde. Apropos, kennen Sie den? Wie viele Übersetzer braucht es, um eine Glühbirne auszuwechseln? Kommt auf den Kontext an. Und im Kontext eines Rockkonzerts ist wohl „ein Meer tobender Leiber“ zu beobachten – „wild krabbelnde Leichen“ tummeln sich eher in Zombiefilmen. „Das eifrigste Wörterbuchwälzen enthebt den Übersetzer nicht der Notwendigkeit des Mitdenkens“, brachte Dieter E. Zimmer die Sache damals ironisch auf den Punkt.

Im breiten Mittelfeld finden sich gelungene, aber nicht ganz unfallfreie Übersetzungen (Arme und Beine bersten, und Wellen zerbröseln, weil die Kenntnis deutscher Kollokationen fehlt, „beraubt werden“ kommt mit dem Dativ daher, bedarf aber des Genitivs und so weiter). Gutes Übersetzen verlangt eine Beherrschung der deutschen Sprache bis in ihre feinsten Verästelungen, und dazu gehören Lexik, Idiomatik, Stilistik, Grammatik und nicht zuletzt Zeichensetzung. Das ist nicht alles, aber Basis und Sprungbrett zu allem anderen. Es gibt in diesen Übersetzungen viele gute Ansätze, die steckenbleiben, weil ihre Urheber, Eigenwörtler am einsamen Schreibtisch, sich vielleicht nicht trauen. Stimmt ja, man muss Konventionen befolgen können, dann aber auch lernen, sich über sie hinwegzusetzen. Diese Traute braucht man, und sie ist, nebenbei gesagt, ein wesentliches Thema im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in den Werkstätten, Seminaren und Workshops, die der Deutsche Übersetzerfonds, aber auch der Literaturübersetzerverband VdÜ und andere Institutionen initiieren, koordinieren und finanzieren.

In der Spitzengruppe der eingesandten Texte gibt es semantisch präzise, in ihrer Bildkraft originelle, rhythmisch brillante und stilistisch gelungene Übersetzungen. Auch sie haben oft noch kleine Patzer, aber im Berufsalltag kann man bei kryptischen Passagen des Originals in glücklichen Fällen den Autor oder die Autorin fragen, außerdem wird die Übersetzung im Verlag lektoriert, also gründlich gegengelesen, und die kniffligen Stellen werden gemeinsam diskutiert – diese Optimierungsfaktoren fehlten unter den Bedingungen des Wettbewerbs. Es wurden ferner Texte eingesandt, die das Original nur mehr zum Anlass für Adaptionen, letztlich also eigene literarische Texte nutzen.

Weitere Themen

„Hier ist noch Alles möglich“ von Gianna Molinari Video-Seite öffnen

1 Buch, 1 Satz : „Hier ist noch Alles möglich“ von Gianna Molinari

Ein Wolf wurde gesichtet. In einer Fabrik. Eine junge Frau wird als Nachtwächterin eingestellt. - Warum die traurige Geschichte, die mit großem Witz erzählt wird, ein großartiges Psychogramm schafft und der Roman ein erstaunliches Debüt ist, beschreibt Andreas Platthaus.

Schelte für Europa Video-Seite öffnen

Donald Trump auf Europareise : Schelte für Europa

Der amerikanische Präsident ist zu Besuch in Europa. Merkel, May und die gesamte EU müssen sehr viel Kritik einstecken. Doch ein Politiker kann sich über viel Lob freuen.

Topmeldungen

Razzia in Berlin : Polizei gelingt Schlag gegen arabische Clans

Seit Jahren versucht die Polizei, gegen kriminelle Machenschaften arabischstämmiger Clans in Berlin vorzugehen. Die Verdächtigen könnten in einen großen Einbruch in einer Sparkasse und den Raub der 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum verwickelt sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.