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Viktor Jerofejew zur Krim-Krise : Mein Volk wird mir unheimlich

„Das stellt sogar die Sowjetpropaganda während der Kuba-Krise oder der Niederschlagung des Prager Frühlings in den Schatten“: Viktor Jerofejew Bild: Nora Klein

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew sieht sein Land in der Krim-Krise sich direkt auf ein „iranisches“ Modell zubewegen. Moskaus Vorgehen stelle sogar die Niederschlagung des Prager Frühlings in den Schatten.

          Die Krim sei nicht nur wegen des Schwarzmeerflottenhafens Sewastopol für Russland unabdingbar, sondern auch für dessen Kultur, sagt auf der lit.Cologne der Schriftsteller Viktor Jerofejew, der sich in der Schriftstellersiedlung Koktebel am Südufer der Halbinsel ein Haus gebaut hat.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jerofejew, der im Gespräch mit Fritz Pleitgen im vollbesetzten Sülzer Brunosaal seinen jüngsten Roman „Die Akimuden“ vorstellt, erklärt, dank der Krim sei Russland kein wirklich nordisches Land wie Finnland oder Norwegen. Angefangen mit Puschkin bis zu Andrej Belyj, Maximilian Woloschin oder Ossip Mandelstam hätten sich russische Autoren immer auch auf den Weinbergen und an den Badestränden der Krim zu Hause und der griechischen Antike nahe gefühlt.

          Sein „Akimuden“-Buch, das in Russland die Toten auferstehen und eine phantastische Zivilisation angreifen lässt, fasst Jerofejew als prophetisch auf. Als das im Roman noch irreale Kriegsziel, meint der Autor, erweise sich nun in der Wirklichkeit die Krim. Worüber er entsetzt sei, betont Jerofejew, der Wert darauf legt, den Anti-Putin-Brief russischer Bürger mitunterzeichnet zu haben.

          Leben wie im 19. Jahrhundert

          Besonders schlimm findet er den Bruch des Budapester Abkommens von 1994, in dem sich die Ukraine einseitig von ihren Atomwaffen lossagte, wofür ihr von Russland und den Vereinigten Staaten die territoriale Integrität inklusive der Krim zugesichert wurde. Künftig dürfte sich kaum noch ein Staat bereit erklären, Kernwaffen abzurüsten, sagt Jerofejew voraus.

          Die euphorische Stimmung in seiner Heimat schildert der direkt aus Moskau angereiste Schriftsteller in finstersten Farben. Niemals hätten die nationalen Medien derart schamlos indoktriniert und gelogen wie jetzt, das stelle sogar die Sowjetpropaganda während der Kuba-Krise oder der Niederschlagung des Prager Frühlings in den Schatten.

          Angesichts der verbreiteten Euphorie werde ihm das eigene Volk unheimlich. Die Russen seien politisch naive, nette Leute, aber die Hälfte von ihnen finde Stalin gut - dagegen seien die Ukrainer gefeit. Abgesehen von rund fünfzehn Prozent europäisch denkender Russen, lebten die meisten seiner Landsleute anthropologisch im zwanzigsten, neunzehnten oder gar noch früheren Jahrhunderten.

          Umarmung von Staatsmacht und Patriarchatskirche

          Jerofejew lässt es sich indes nicht nehmen, bei allem Lob insbesondere für die einzigartig offene und produktiv konfliktfähige deutsche Kultur, die er neben der polnischen besonders schätze, auch die Defizite Westeuropas zu benennen. Die sieht er im einseitigen Streben nach Komfort, Bedürfnisbefriedigung, Sicherheit auf Kosten metaphysischer Sinnfragen, was das europäische Menschenbild flach und fad mache.

          Russland, das infolge seiner unerschöpflichen Katastrophen, Tragödien, Misserfolge ein Mekka für Literaten und Sinnsucher bleibe, seien derartige Luxusprobleme fremd. Der metaphysische Durst der Russen ermögliche erst die derzeitige innige Umarmung von Staatsmacht und Patriarchatskirche, weshalb Jerofejew mit Grausen sein Land sich auf ein „iranisches“ Modell zubewegen sieht.

          Barbaren gegen Geizhälse

          Die größere Europa-Nähe der Ukraine versucht der Schriftsteller anhand des jeweiligen menschlichen Bodensatzes zu verdeutlichen. Das sei bei den Russen der „Cham“, der barbarische, aber auch sich selbst zugrunderichtende Rüpel, bei den Ukrainern hingegen der „Schlob“, der verwahrloste Geizhals, der noch die letzte Speckschwarte versteckt.

          Was Präsident Putin betrifft, signalisiert Jerofejew menschliches Verständnis für dessen große Einsamkeit. Er findet Putins Charakterisierung durch dessen amerikanischen Kollegen Obama als jemanden, der sich wie ein schlechter Schüler verstockt auf der hinteren Bank herumdrückt, treffend. In Putins aggressiven Vorstößen erkennt Jerofejew Vorwärtsverteidigung, der Mann wolle verständlicherweise nicht im Gefängnis landen.

          Die Hochstimmung seiner Landsleute dürfte freilich bald in Ernüchterung umschlagen, glaubt Jerofejew, spätestens wenn die ungeheuren Kosten für Infrastruktur und Versorgungswege im neuen Territorium bekannt und die jetzt schon anziehende Inflation für jeden spürbar würden. Jerofejew selbst aber muss jetzt etwas für die Zeitschrift „Ogonjok“ schreiben, von dessen Chefredakteur er zum ersten Mal seit 25 Jahren den Satz hörte: „Allerdings wissen wir noch nicht, ob wir das dann auch bringen können.“

          Quelle: F.A.Z.

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