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Büchner-Preis für Marcel Beyer : Vanillesauce im Auge

Marcel Beyer studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Er tritt als Schriftsteller, Lyriker, Epiker, Essayist und Herausgeber auf; 2016 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Bild: dpa

Marcel Beyer wird von der Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Büchner-Preis geehrt. In seiner Rede zeigt der Dichter Biss und Hartnäckigkeit. Doch die Tagung hatte auch Tiefpunkte.

          Es ist nicht immer schön, zurückzublicken, und als sich der polnische Lyriker Adam Zagajewski am vergangenen Freitagabend in Darmstadt als neues Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorstellte, lieferte er zur lyrischen Visitenkarte auch gleich deren Revision. Denn das kurze Gedicht „Selbstbildnis“, geschrieben kurz nach dem europäischen Umbruch von 1989, enthält die zufriedene Zeile „Mein Land hat sich von einem Übel befreit“. Jahrzehnte später ist das Selbstbildnis nicht mehr ähnlich: Mit der neuen polnischen Regierung, sagte Zagajewski, „ist das alte Übel zurück“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Jahrestagung der Akademie, die am Samstag mit der Verleihung des Büchner-, des Freud- und des Merck-Preises zu Ende ging, setzte nicht nur mit der Vorstellung von drei Neumitgliedern, die alle aus dem Ausland kommen, einen Akzent gegen das Übel der nationalen und kulturellen Wagenburg. Die Tagung begann am Donnerstag mit einer vom Akademiepräsidenten Heinrich Detering moderierten Diskussion zu Ehren des Ägyptologen Jan Assmann, der mit dem Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet wurde. Und obwohl Assmann lieber über die Göttin Isis als über die Terrormiliz IS sprechen wollte, hörte man der Debatte mit Dan Diner und Almut Shulamit Bruckstein über die Ringparabel in Lessings „Nathan“ mit Gewinn für die Gegenwart zu.

          Vor allem weil Assmann Lessings Bild vom Wettstreit der Religionen, der über den Segen oder Unsegen der Werke ihrer Anhänger ausgetragen wird, um eine andere tradierte Parabel ergänzte, die man ebenfalls auf die Religionen anwenden mag: Ein Mann betritt nachts eine Karawanserei, und in das ihm zugewiesene Zimmer regnet es hinein. Er sucht nacheinander alle Räume auf, der Regen kommt aber überall durch, und so kehrt der Mann schließlich in den ersten Raum zurück – wenn es keinen Unterschied macht, kann man ruhig dem Vertrauten treu bleiben. Es ist dem Fundamentalismus vorbehalten, den Regen im eigenen Raum als den einzig wahren anzusehen.

          Experten im Bescheidwissen

          Den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt die Berliner Publizistin Kathrin Passig. Dass der Schriftsteller Per Leo in seiner Laudatio mit dem schönen Bild der offenbar nicht mit dem Fischernetz, sondern mit dem Himmelsteleskop unternommenen Preisträgerinnensuche auf den Abstand zwischen der Jury und Passigs internetbasierter Welt hinwies, war wohl auch der Veranstaltung am Vortag geschuldet. Dort hatte das Podiumsgespräch zwischen Passig und dem Blogger Stefan Mesch Unmut im Publikum geweckt, das zum großen Teil aus Mitgliedern der Akademie bestand. Mesch, der Passig offensiv bewunderte, sein „role model“ nannte und im traditionellen Literaturbetrieb eine saturierte „Carport-Welt“ wahrnahm, der er nicht angehören wolle, fand Passig „profund“ und „informiert“, und die Gesprächspartner lobten gemeinsam Buchbewertungsplattformen, weil dort neben manchem Unsinn eben auch Rezensionen der Experten stünden, die auf ihr enges Expertentum naturgemäß keine Kritikerkarriere aufbauen könnten, hier aber zum Zuge kämen.

          Natürlich ist das von den beiden Diskutanten beschworene Bescheidwissen, das von ihnen gern im Internet verortet wurde, eine Voraussetzung für das Schreiben über einen Gegenstand. Von der mit einem „Preis für literarische Kritik und Essay“ ausgezeichneten Autorin hätte man allerdings gern gehört, ob für sie außer dem Expertenwissen nicht auch die genaue Lektüre oder das Einordnen des Gegenstands in einen Zusammenhang zur Literaturkritik gehöre, vom Stil ganz zu schweigen, und ob es da Merkmale gibt, die vom Publizieren im Internet begünstigt werden.

          Wie ein wilder Hund

          Für all das entschädigten allerdings die Lesung Marcel Beyers am Vorabend sowie seine Dankesrede während der Preisverleihung. Von Beyers „Durchkauen der Wörter“ sprach die Laudatorin Anke te Heesen, und der Autor führte dieses so hartnäckige wie produktive Ergründen der Möglichkeiten, die in einem bestimmten Ausdruck stecken, immer wieder vor – sei es in einer Zeile aus einem Heintje-Lied, die plötzlich einen Abgrund erahnen ließ, weil sie dem Text eines deutschen Soldatenliedes von 1941 entnommen war, sei es in der Erinnerung von Ernst Büchner an einen holländischen Ort, in dem er es mit einer von einem tollwütigen Hund gebissenen Frau zu tun bekam und an dessen Namen er sich falsch, nämlich mit Hundebezug, erinnert, was erst der Auftakt ist für Beyers Aufspüren von verborgenen Hunden im Werk Georg Büchners. Schon am Vorabend war man Hunden in Beyers Lesung begegnet, als Spürhunde unter den Papierlawinen des Kölner Stadtarchivs, als eingeschläferter Schoßhund auf dem Kopf von Mireille Mathieu oder als Kadaver, aus dessen Auge im Beatles-Lied „I am the Walrus“ Vanillesauce rinnt.

          Sprache aber ist in Beyers Werk immer als Plural zu denken, als Varianten, die er in beeindruckender Fülle in seiner Dankesrede nannte, vom „Ferkeldeutsch“ Büchners über das „Spreizdeutsch“, das „Rosenstuhlgangdeutsch“ bis zum „Dünkeldeutsch“ oder „Mühedeutsch“. Niemand, darauf steuerte seine Rede zu, müsse sich „in Sachen Kultur belehren lassen.“ Auch deshalb ist dieser überwältigende Schriftsteller der richtige Büchnerpreisträger in diesem üblen Jahr.

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