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Diogenes-Verleger Philipp Keel : „Es verdienen alle nur noch die Hälfte“

Philipp Keel im Gespräch Bild: Maurice Haas

Der digitale Wandel verschärft die Krise des Lesens. Im „vielleicht finstersten Gespräch, das ich je geführt habe“ verrät Verleger Keel, was der Branche Hoffnung gibt.

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse noch einmal hervorgehoben, wie gut es um den Buchmarkt steht. Was sagen Sie als Verleger dazu?

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass dies eine gute Einstellung ist.

          Es stimmt also?

          Nein. Was wir in den Verlagen machen, nämlich Bücher, ist seit jeher ein schwieriges Geschäft. Schon länger aber ist es besonders schwierig. Nur hört man das nicht so gerne.

          Das heißt?

          Praktisch auf der ganzen Welt ist der Buchmarkt in den vergangenen siebzehn Jahren um die Hälfte eingebrochen. Von Kollegen aus Amerika höre ich, dass es dort sogar noch schlimmer ist. Von einem Debüt werden nicht einmal zweitausend Exemplare verkauft, in einem Land mit 325 Millionen Einwohnern ist das bestürzend.

          Was bedeutet das erst für etablierte Autoren, in Ihrem Verlag etwa John Irving oder Ian McEwan?

          Ganz einfach: Es verdienen alle nur noch die Hälfe.

          „Alle“ heißt...

          ...die Autoren, die Verlage, die Buchhandlungen.

          Also sollte man darüber sprechen: über die Gründe und auch darüber, was sich für Lehren daraus ziehen lassen.

          Man sollte nicht darüber sprechen, warum es so schwierig ist, sondern darüber, wie wir es schaffen, dass Menschen wieder mehr lesen. Das Problem ist nur, dass dies nicht so einfach ist. Denn wir wissen alle nicht mehr, warum das Geschäft auf die Weise, wie wir es für selbstverständlich gehalten haben, nicht mehr funktioniert. In den vergangenen Jahren wollte man den Herausforderungen und Umwälzungen mit neuen Konzepten und Strategien begegnen, Begriffe wie „Diversifizierung“ schwirrten durch den Raum, um im nächsten Moment wieder verworfen zu werden. Also haben wir uns bei Diogenes noch stärker auf die Suche nach neuen Autoren und auf unser Programm konzentriert. Da sind wir jetzt.

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          Was hat dieser Wandel für Folgen?

          Es hat vor allen Dingen etwas Befreiendes. Es hängen viele Mitarbeiter und dreihundertdreißig Autoren an Diogenes, und es tut gut, mit den Kolleginnen und Kollegen zusammenzusitzen und zu beraten. Alle sind von dem Gedanken getrieben, dass wir uns etwas einfallen lassen müssen. Es ist ein seltsames Gefühl, alles auf den Prüfstein stellen zu müssen. Aber diese Zeiten erfordern eine Art Rebellion, und darin liegt viel Potential.

          Und wie geht so eine Rebellion?

          Wir sollten aufhören, Lesen als etwas Anstrengendes zu betrachten, und uns mit der Tatsache versöhnen, dass alle anderen Einflüsse, mit denen wir uns das Leben vermeintlich einfacher machen, unterm Strich viel anstrengender sind als jedes Buch. Ich wünsche mir und dem Markt, dass wir mit Ironie und Temperament das vielleicht etwas angestaubte Bild unseres Metiers auffrischen. Als ich vor fünf Jahren Verleger wurde, habe ich mir eine Kampagne mit Karten, Postern und Tüten ausgedacht, in der einfache Sätze augenzwinkernd unseren Zeitgeist und das Lesen kommentieren. Ein Beispiel: „Während Sie dieses Buch lesen, finden Sie keine Freunde bei Facebook.“ Mehr als zehn Millionen haben wir davon gedruckt, und der Markt und die Rezipienten haben darauf, wenn ich das behaupten darf, durchweg positiv reagiert.

          Im Digitalen sehen Sie also einen der Gründe für die Krise des Lesens?

          So ist es. Denn das Internet, das für uns so unentbehrlich geworden ist, gibt uns alles, nimmt uns aber viel Zeit und Kraft und beeinträchtigt spürbar unsere Phantasie. Ich glaube, wir sind regelrecht stumpf geworden, lassen uns von einem kleinen blöden Gerät leiten, das uns den Verstand raubt. Eigentlich absurd, dass es Smartphone heißt. Wir spüren, dass wir, wenn wir so weiterleben, von einem Burn-out nicht weit entfernt sind, können aber nicht davon lassen und setzen uns der Überforderung weiter aus. Ein Moment Ruhe, ein Moment alleine mit einem Buch scheint plötzlich zu viel.

          Lesen und sich der aktiven Welt entziehen ist demnach ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können?

          Können? Den wir uns nicht mehr leisten wollen. Ein Buch ist zeitraubend. Zeit, die keiner mehr hat. Man muss sich diese Zeit nehmen. Dabei sind wir, so meinen wir, gleichzeitig gezwungen, permanent auf alles, was um uns herum geschieht, zu reagieren. Das sind die Anforderungen heutiger Kommunikation. Das ist es, was uns so müde macht. Dabei vergessen wir, über das, was uns beschäftigt, eine Nacht zu schlafen, reaktionsfreie Momente im Leben fehlen. Hier hat das Buch seinen Platz, als Sinnbild der Entschleunigung. In einer Welt, in der man von uns vor allem erwartet, praktisch zu sein und zu funktionieren, ist das schwer.

          In diesem Sinne wäre Lesen ein revolutionärer Akt, denn wer liest, funktioniert nicht.

          Ja, da gibt es nur das Buch und mich. Und ein bisschen Licht. Wir sehen aber eine Generation heranwachsen, die, ohne es moralisch zu werten, von den Eltern eher mit einem Smartphone ausgerüstet wird, als dass gemeinsam ein Billy-Wilder-Film oder eine Ausstellung von Manet angeschaut würde. Auch zu meiner Jugend war es so, dass nicht jeder in meiner Klasse wusste, wer Tschechow war oder welche Filme Fellini drehte. Man sollte nichts verklären. Aber heute bekennen selbst diejenigen, die zu den Salzburger Festspielen fahren oder eine Kunstmesse in Basel besuchen, dass sie nicht mehr unbedingt Bücher lesen. Die Überdosis an Möglichkeiten und Eindrücken überfordert sie in einem Maße, dass für Bücher scheinbar kein Platz mehr ist.

          Was halten Sie dem entgegen?

          Einmal alles weiß zu streichen und dann versuchen, die Dinge anders zu betrachten. Das muss unsere Branche jetzt dringend begreifen. Aber es gibt auch Nachrichten, die mich wirklich optimistisch stimmen. So wissen wir heute, dass uns ein digitaler Reader weniger erreicht als ein echtes Buch. Dass wir nämlich den ganzen Tag auf Bildschirme starren, bringt uns in Wahrheit nicht weiter. Das heißt nicht, dass Diogenes morgen wieder doppelt so viele Bücher verkauft. Doch wenn wir wissen, dass wir verblöden, wenn wir keine Bücher mehr lesen, macht mich das einigermaßen zuversichtlich. Und das Digitale ruft auch Gegenreaktionen hervor. Junge Leute entdecken plötzlich das Stricken für sich, decken sich ein mit Outdoor-Artikeln oder finden es großartig, im Garten zu jäten.

          Betrachtet man damit nicht die Buchwelt als nostalgisches Geschäftsmodell?

          Bücher und Geschichten werden nie aus der Mode kommen, sie sind das, was alles andere überleben wird. Es geht darum, den Unterhaltungsfaktor in der Literatur ins Zentrum zu stellen und unsere Autorinnen und Autoren einem großen Publikum vorzustellen. Die Veranstaltungen mit Diogenes-Autoren sind so gut besucht wie noch nie.

          Wenn Sie jetzt mit ihren Kollegen aus anderen Ländern auf der Buchmesse sprechen, wie ist die Stimmung da?

          Viele sind frustriert. Das bremst, das ist nicht beflügelnd. Und das ist auch der Grund, warum man nicht darüber spricht. Wenn Sie einen Krankenbesuch im Spital machen, fragen Sie den Kranken möglichst auch nicht nach seinem Leiden, sondern versuchen, ihn zum Lachen zu bringen. Es bringt nichts, wenn wir Verleger und Buchmenschen uns gegenseitig etwas vorjammern. Ich habe auch kein Rezept. Aber ich stelle fest, wie viel Energie wir aus der Situation ziehen können, wenn wir uns bewusst machen, was für ein Privileg es ist, mit derart geistreichen Menschen und ihrem Werk arbeiten zu dürfen und uns dabei nie langweilen zu müssen. Dazu gehört vor allem auch Teamgeist und dazwischen immer wieder etwas Humor.

          Also ein Licht am Horizont?

          Wissen Sie was, das ist vielleicht das finsterste Gespräch, das ich je geführt habe – ist es da nicht ein Wunder, dass wir mit Büchern immer noch Geld verdienen können?

          Das Gespräch führte Sandra Kegel.

          Quelle: F.A.Z.

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