http://www.faz.net/-gr0-92pzr

Diogenes-Verleger Philipp Keel : „Es verdienen alle nur noch die Hälfte“

Philipp Keel im Gespräch Bild: Maurice Haas

Der digitale Wandel verschärft die Krise des Lesens. Im „vielleicht finstersten Gespräch, das ich je geführt habe“ verrät Verleger Keel, was der Branche Hoffnung gibt.

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse noch einmal hervorgehoben, wie gut es um den Buchmarkt steht. Was sagen Sie als Verleger dazu?

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass dies eine gute Einstellung ist.

          Es stimmt also?

          Nein. Was wir in den Verlagen machen, nämlich Bücher, ist seit jeher ein schwieriges Geschäft. Schon länger aber ist es besonders schwierig. Nur hört man das nicht so gerne.

          Das heißt?

          Praktisch auf der ganzen Welt ist der Buchmarkt in den vergangenen siebzehn Jahren um die Hälfte eingebrochen. Von Kollegen aus Amerika höre ich, dass es dort sogar noch schlimmer ist. Von einem Debüt werden nicht einmal zweitausend Exemplare verkauft, in einem Land mit 325 Millionen Einwohnern ist das bestürzend.

          Was bedeutet das erst für etablierte Autoren, in Ihrem Verlag etwa John Irving oder Ian McEwan?

          Ganz einfach: Es verdienen alle nur noch die Hälfe.

          „Alle“ heißt...

          ...die Autoren, die Verlage, die Buchhandlungen.

          Also sollte man darüber sprechen: über die Gründe und auch darüber, was sich für Lehren daraus ziehen lassen.

          Man sollte nicht darüber sprechen, warum es so schwierig ist, sondern darüber, wie wir es schaffen, dass Menschen wieder mehr lesen. Das Problem ist nur, dass dies nicht so einfach ist. Denn wir wissen alle nicht mehr, warum das Geschäft auf die Weise, wie wir es für selbstverständlich gehalten haben, nicht mehr funktioniert. In den vergangenen Jahren wollte man den Herausforderungen und Umwälzungen mit neuen Konzepten und Strategien begegnen, Begriffe wie „Diversifizierung“ schwirrten durch den Raum, um im nächsten Moment wieder verworfen zu werden. Also haben wir uns bei Diogenes noch stärker auf die Suche nach neuen Autoren und auf unser Programm konzentriert. Da sind wir jetzt.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Was hat dieser Wandel für Folgen?

          Es hat vor allen Dingen etwas Befreiendes. Es hängen viele Mitarbeiter und dreihundertdreißig Autoren an Diogenes, und es tut gut, mit den Kolleginnen und Kollegen zusammenzusitzen und zu beraten. Alle sind von dem Gedanken getrieben, dass wir uns etwas einfallen lassen müssen. Es ist ein seltsames Gefühl, alles auf den Prüfstein stellen zu müssen. Aber diese Zeiten erfordern eine Art Rebellion, und darin liegt viel Potential.

          Und wie geht so eine Rebellion?

          Wir sollten aufhören, Lesen als etwas Anstrengendes zu betrachten, und uns mit der Tatsache versöhnen, dass alle anderen Einflüsse, mit denen wir uns das Leben vermeintlich einfacher machen, unterm Strich viel anstrengender sind als jedes Buch. Ich wünsche mir und dem Markt, dass wir mit Ironie und Temperament das vielleicht etwas angestaubte Bild unseres Metiers auffrischen. Als ich vor fünf Jahren Verleger wurde, habe ich mir eine Kampagne mit Karten, Postern und Tüten ausgedacht, in der einfache Sätze augenzwinkernd unseren Zeitgeist und das Lesen kommentieren. Ein Beispiel: „Während Sie dieses Buch lesen, finden Sie keine Freunde bei Facebook.“ Mehr als zehn Millionen haben wir davon gedruckt, und der Markt und die Rezipienten haben darauf, wenn ich das behaupten darf, durchweg positiv reagiert.

          Im Digitalen sehen Sie also einen der Gründe für die Krise des Lesens?

          So ist es. Denn das Internet, das für uns so unentbehrlich geworden ist, gibt uns alles, nimmt uns aber viel Zeit und Kraft und beeinträchtigt spürbar unsere Phantasie. Ich glaube, wir sind regelrecht stumpf geworden, lassen uns von einem kleinen blöden Gerät leiten, das uns den Verstand raubt. Eigentlich absurd, dass es Smartphone heißt. Wir spüren, dass wir, wenn wir so weiterleben, von einem Burn-out nicht weit entfernt sind, können aber nicht davon lassen und setzen uns der Überforderung weiter aus. Ein Moment Ruhe, ein Moment alleine mit einem Buch scheint plötzlich zu viel.

          Weitere Themen

          Meghan Markles High School feiert Pyjama-Party Video-Seite öffnen

          Romantische Gefühle : Meghan Markles High School feiert Pyjama-Party

          Dutzende Schüler der Immaculate Heart High School in Los Angeles verfolgen zusammen den wohl schönsten Moment im Leben der berühmtesten Absolventin, Meghan Markle: Ihre Hochzeit mit Prinz Harry. Trotz Zeitverschiebung wollten sich die Schüler dieses Event nicht entgehen lassen.

          Weitere Passagierin in Kuba gestorben Video-Seite öffnen

          111 Todesopfer : Weitere Passagierin in Kuba gestorben

          Es war einer der schlimmsten Flugzeugabstürze in der Geschichte Kubas. Nun haben Behörden in Mexiko entschieden, dass die mexikanische Charterflug-Gesellschaft „Damojh“ vorerst keine Erlaubnis mehr zum Flugbetrieb hat.

          Topmeldungen

           „Petry hat sich kaufen lassen, die AfD nicht – wir lassen uns nicht kaufen.“, so Gauland über die Reise der einst Vorsitzenden der AfD.

          AfD-Russlandreise : „Petry ließ sich kaufen“

          Der Oppositionsführer Alexander Gauland will Petrys Moskauer Flugreise nicht aufklären. So oder so droht der Partei aber Ärger.

          Mark Zuckerberg in Brüssel : Ausweichen, leicht gemacht

          Der Facebook-Gründer hat in Brüssel leichtes Spiel, das EU-Parlament mit bekannten Phrasen abzuwimmeln. Das hat auch mit dem Format der Zuckerberg-Anhörung zu tun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.