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Diogenes-Verleger Philipp Keel : „Es verdienen alle nur noch die Hälfte“

Lesen und sich der aktiven Welt entziehen ist demnach ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können?

Können? Den wir uns nicht mehr leisten wollen. Ein Buch ist zeitraubend. Zeit, die keiner mehr hat. Man muss sich diese Zeit nehmen. Dabei sind wir, so meinen wir, gleichzeitig gezwungen, permanent auf alles, was um uns herum geschieht, zu reagieren. Das sind die Anforderungen heutiger Kommunikation. Das ist es, was uns so müde macht. Dabei vergessen wir, über das, was uns beschäftigt, eine Nacht zu schlafen, reaktionsfreie Momente im Leben fehlen. Hier hat das Buch seinen Platz, als Sinnbild der Entschleunigung. In einer Welt, in der man von uns vor allem erwartet, praktisch zu sein und zu funktionieren, ist das schwer.

In diesem Sinne wäre Lesen ein revolutionärer Akt, denn wer liest, funktioniert nicht.

Ja, da gibt es nur das Buch und mich. Und ein bisschen Licht. Wir sehen aber eine Generation heranwachsen, die, ohne es moralisch zu werten, von den Eltern eher mit einem Smartphone ausgerüstet wird, als dass gemeinsam ein Billy-Wilder-Film oder eine Ausstellung von Manet angeschaut würde. Auch zu meiner Jugend war es so, dass nicht jeder in meiner Klasse wusste, wer Tschechow war oder welche Filme Fellini drehte. Man sollte nichts verklären. Aber heute bekennen selbst diejenigen, die zu den Salzburger Festspielen fahren oder eine Kunstmesse in Basel besuchen, dass sie nicht mehr unbedingt Bücher lesen. Die Überdosis an Möglichkeiten und Eindrücken überfordert sie in einem Maße, dass für Bücher scheinbar kein Platz mehr ist.

Was halten Sie dem entgegen?

Einmal alles weiß zu streichen und dann versuchen, die Dinge anders zu betrachten. Das muss unsere Branche jetzt dringend begreifen. Aber es gibt auch Nachrichten, die mich wirklich optimistisch stimmen. So wissen wir heute, dass uns ein digitaler Reader weniger erreicht als ein echtes Buch. Dass wir nämlich den ganzen Tag auf Bildschirme starren, bringt uns in Wahrheit nicht weiter. Das heißt nicht, dass Diogenes morgen wieder doppelt so viele Bücher verkauft. Doch wenn wir wissen, dass wir verblöden, wenn wir keine Bücher mehr lesen, macht mich das einigermaßen zuversichtlich. Und das Digitale ruft auch Gegenreaktionen hervor. Junge Leute entdecken plötzlich das Stricken für sich, decken sich ein mit Outdoor-Artikeln oder finden es großartig, im Garten zu jäten.

Betrachtet man damit nicht die Buchwelt als nostalgisches Geschäftsmodell?

Bücher und Geschichten werden nie aus der Mode kommen, sie sind das, was alles andere überleben wird. Es geht darum, den Unterhaltungsfaktor in der Literatur ins Zentrum zu stellen und unsere Autorinnen und Autoren einem großen Publikum vorzustellen. Die Veranstaltungen mit Diogenes-Autoren sind so gut besucht wie noch nie.

Wenn Sie jetzt mit ihren Kollegen aus anderen Ländern auf der Buchmesse sprechen, wie ist die Stimmung da?

Viele sind frustriert. Das bremst, das ist nicht beflügelnd. Und das ist auch der Grund, warum man nicht darüber spricht. Wenn Sie einen Krankenbesuch im Spital machen, fragen Sie den Kranken möglichst auch nicht nach seinem Leiden, sondern versuchen, ihn zum Lachen zu bringen. Es bringt nichts, wenn wir Verleger und Buchmenschen uns gegenseitig etwas vorjammern. Ich habe auch kein Rezept. Aber ich stelle fest, wie viel Energie wir aus der Situation ziehen können, wenn wir uns bewusst machen, was für ein Privileg es ist, mit derart geistreichen Menschen und ihrem Werk arbeiten zu dürfen und uns dabei nie langweilen zu müssen. Dazu gehört vor allem auch Teamgeist und dazwischen immer wieder etwas Humor.

Also ein Licht am Horizont?

Wissen Sie was, das ist vielleicht das finsterste Gespräch, das ich je geführt habe – ist es da nicht ein Wunder, dass wir mit Büchern immer noch Geld verdienen können?

Das Gespräch führte Sandra Kegel.

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