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Rechtspopulismus : Gefühlt im Recht

Beherrscht von Angst und Zorn: Pegida-Demonstration in Dresden Bild: dpa

Hass, Wut, Angst – was treibt Menschen an, rechtspopulistischen Bewegungen ihre Stimme zu geben? In seinem Essay über „Zornpolitik“ versucht Uffa Jensen, politische Emotionen zu erklären.

          Es ist ihm eine Herzensangelegenheit: Der Historiker Uffa Jensen will verstehen, was andere fühlen. Als „politische Intervention eines Zeitgenossen und eines Fachhistorikers“ konzipiert er seine Spurensuche nach negativen Gefühlen über „ausgrenzend definierte“ andere. Die treibende Kraft solcher Diskriminierungen hat viele Namen: Pegida, AfD, die Neue Rechte. Jensen präzisiert das emotionale Gefüge dieser rechtspopulistischen Strömungen: Ihre Protagonisten seien beherrscht vom Gefühl des Zorns. Dabei geht es ihm nicht nur um ein Gebaren jenseits von Rationalität. Der Terminus „Zornpolitik“ zielt auch darauf, die Gegenüberstellung von Verstand und Gefühl zu überwinden. Jensen kritisiert die „verbreitete Definition von Politik als einer möglichst rationalen und emotionslosen Angelegenheit“, wie sie in der Gestalt von Angela Merkel verkörpert werde.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Er will den Gefühlen zu ihrem Recht verhelfen. Und er will im Kampf gegen Diskriminierung aufklären, ohne sich über andere zu erheben. „Indem man den Bürgern Zorn und nicht Wut attestiert, entpathologisiert man die Debatte.“ Davon ist Jensen überzeugt. Ein historischer Vergleich mit dem Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts soll die „Praxis der Gefühle“ erhellen, die bei zornigen Bürgern in der gegenwärtigen Ausländer- und Islamfeindlichkeit zum Ausdruck komme. Das läuft auf zwei Gefühlsdichotomien hinaus: Ekel und Hass früher, Zorn und Angst heute.

          Ekel und Hass vs. Zorn und Angst

          Jensen beschreibt Ekel als eine „Abwehrreaktion gegen Nähe“, die in den Augen der Antisemiten durch die Assimilation der Juden erzeugt worden sei. Die Juden verkörperten in dieser Logik „die innere Fäulnis, die das Ende ihrer Gesellschaft einzuläuten drohte“. So habe sich der Ekel mit Hass verbunden. Heutiger Zorn werde hingegen als etwas begreifbar, „mit dem der Einzelne emotional auf die mangelnden Perspektiven im politischen System reagiert“. Zornbürger glaubten sich im Recht. Anders als in der Wut, die eher als „ein individueller Zustand der Besessenheit“ zu verstehen sei, verweise Zorn auf ein Gegenüber. Das Gegenüber ist das, was als fremd erlebt wird und die eigene Identität bedroht. Daraus resultiert Angst.

          Was insbesondere in der Nacherzählung des deutschen Antisemitismus erhellend ist, hebt das methodische Dilemma nicht auf, das sich in diesem Essay gleich auf zwei Ebenen zeigt: Auf der Ebene des historischen Vergleichs ist sich der Autor seiner Sache selbst nicht sicher. Erst setzt er eine Vergleichbarkeit als methodisches Diktum, dann erklärt er, dass er den Hass gegen Juden für ein „wahrscheinlich einmaliges Phänomen“ halte, um anschließend doch ähnliche Strukturen für Feindseligkeit gegenüber dem Islam zu prognostizieren.

          Die methodischen Grenzen der Gefühlsanalyse

          Auf der Ebene der Emotionsanalyse werden die methodischen Defizite noch deutlicher. Ein Video, das eine Frau auf einer Pegida-Demonstration zeigt und auf dem Facebook-Account einer Lokalzeitung geteilt wurde, verwendet Jensen als Grundlage, repräsentatives Verhalten in dieser Gruppierung darzustellen. Was schon in einer realen Begegnung schwierig wäre, und selbst dann, wenn man eine Person gut kennt, erhebt er hier zum legitimen wissenschaftlichen Mittel: Er deutet Körperhaltung, Tonfall und Mimik der Frau und leitet daraus Schlüsse über die emotionale Struktur der „Zornbürger“ ab – ungeachtet seines Eingeständnisses, dass es immer ein Risiko sei, „anderen Menschen zu unterstellen, bestimmte Emotionen zu haben“.

          So originell seine Idee für den Essay war, so wenig hilfreich ist sein politisches Plädoyer, Gefühle ernst zu nehmen. Denn das wird das Problem, das sich in den europaweit heraufziehenden rechtsradikalen Bewegungen zeigt, nicht lösen. Wo sieht der Autor den von ihm beklagten Mangel an Emotionen? In der Wissenschaft ebbt das schon seit Jahren virulente Interesse an Emotionsforschung keineswegs ab. Wie jemand sich fühlt, ist Dreh- und Angelpunkt jeder Kommunikation, auch der politischen. Mit welcher Begründung sollte die „Legitimationskrise der Politik“, die der Autor zu erkennen glaubt, eine „Krise der politischen Gefühle“ sein?

          Ausgerechnet bei diesem Thema Angela Merkel als Gewährsfrau für eine emotionslose Politik heranzuziehen ist nicht überzeugend. In der Flüchtlingspolitik warfen Kritiker ihr das genaue Gegenteil vor: zu viel Herz, zu wenig Verstand. Und so geht Jensens Ansatz am Kern des Problems vorbei: Es mangelt uns nicht an politischen Emotionen. Es mangelt uns an Fähigkeiten, sie in all ihren Facetten zu erfassen und auf eine Weise in eine Struktur der Vernunft zu überführen, die sie nicht zu einer politischen Gefahr werden lässt.

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