23.02.2013 · Vor hundert Jahren begann Hans Castorps Untergang und die Zeit der großen Gereiztheit hatte die Welt erfasst. Was wir lesen, wenn wir heute den „Zauberberg“ lesen.
Von Frank SchirrmacherRichtlinien für Lesermeinungen
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Nur noch ein Wort, bevor sich der Vorhang senkt (hilfsweise: der Beitrag nicht mehr kommentiert werden kann): Oft hat man Thomas Mann vorgehalten, er beschränke seine Schilderungen auf die Befindlichkeiten der bürgerlichen Klasse. Gewiß: Proletarierromane hat er nicht verfaßt. Idealisch begonnene Kunst, wird er sich mit Hegel gesagt haben, ist von vornherein verdächtig. Er hat aber nicht etwa, wie manche ihm zu Unrecht vorhalten, die Herkunft der Herrschaftsverhältnisse verkannt und den Grund für ihre im Grauen erregenden 20. Jahrhundert rasende Entfaltung. In seinem (wie sollte es anders sein: brillianten) Essay über Nietzsche spricht er (wörtlich) vom deutschen Generaldirektor, der den Faschismus finanziert. Im Faustusroman ist die Rede von der "grotesken Anekdote" eines Galeriebesuches von Hitler und Mussolini im Jahre 1938 in Florenz. Dort, in den Uffizien, "wohin sie wahrhaftig nicht gehörten", ergingen sich "die vom Großkapital bezahlten Retter der europäischen Gesinnung".
Heute, einhundert Jahre später: Die Agenturen des großen Stumpfsinns haben den Berghof gegen das weit profitablere Dschungelcamp und sedierende Ekelproben ausgetauscht. Die Siebenschläfer sitzen nicht auf der Bühne oder am guten Russentisch, sondern im Parkett. Die Gereiztheit steigt, dies mit Grund: den haben sehr viele Menschen, vor allem in Südeuropa, wo mehr und mehr von ihnen sich nicht mal mehr ihr täglich Brot leisten können. Es geht nicht mehr um die Verwöhntheit und Ereignislosigkeit im geborgenen Dasein reicher Lungenkranker während der Liegekur. Gleichwohl bleibt Thomas Mann ein großer Realist. Denn wenn auch sein Geschöpf Leo Naphta ein entgleister Jesuit an der kurzen strammen Leine terroristischer Frömmigkeit und triebkranker Phantasien war, so war er doch auch ein Mann der analytischen Beobachtung. Sie ließ ihn die naiven Enthusiasmen Settembrinis vom hohen Ziel eines vereinten Europa schneidend kommentieren: mit seinem Hinweis auf die europäische Kapitalistenrepublik.
Der Zauberberg - ein Feuerwerk von Vergehen, Tod, Lebenslust. Ein ständiges Auf und Ab, manisch depressiv, vom Feinsten.
Herrn Hungers Orte literarischen Geschehens
Auf das Risiko, dem Stupor Reverenz zu erweisen: Der Unterleib, so belehrt mich ein online-Lexikon, sei eine heute noch volkstümlich verwendete Bezeichnung für die Eingeweide des Beckens. Daß die Verarbeitung gelesenen Schriftgutes, bspw. eines Romans, dort stattfindet, ist mir neu. In einzelnen Fällen mag freilich anderes gelten, bspw. für Charles Bukowskis Iliosakralpoesie, eine Art Erbrochenes in Schriftform, das nicht im Blauen Heinrich landete oder gleich im Nachtgeschirr (wo es hingehört), sondern auf Tischen, an denen der Hunger tafelt.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 26.02.2013 19:33 UhrKompliment und Dank, Herr Vorwerk!
Mit Ihren Worten haben Sie Licht (und, ich muss es gestehen, auch herzhaftes Lachen über die "Iliosakralpoesie") in mein armseliges Leben und meinen Frigidaire gebracht ;-)
Die Vermessung des Flachlandes
Ich erlaube mir eine Beckmessserei. Florian Illies, anders als Hans Castorp sicher kein ganz einfacher junger Mensch (wissen kann man es nicht), bringt zu Papier: "Am frühen Morgen des 03. Januar setzt sich Mann in München in den Zug. Er liest erst ein paar Zeitungen und Briefe, blickt hinaus auf die schneebedeckten Hügel des Thüringer Waldes…". Hatte Thomas Mann die Bahnfahrt (sie führte ihn nach Berlin) mit der Lektüre von "ein paar Zeitungen und Briefen" begonnen und erst danach den Wald im Winter kontempliert (gelang dem Mann kein multi-tasking?), muß die Lektüre Stunden und Stunden gedauert oder es müssen pfundweise Briefe und Zeitungen auf Händen und Knien des Olympiers gelastet haben. Falls er aber schon während der Lektüre dann und wann zum Fenster rausschaute (wissen kann ich es nicht, vermute es freilich), so frage ich mich bang: Was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Vulgo: wo beginnt der Thüringer Wald? Gleich hinter München?
... ob der vermeintlichen mannschen ironie wärmegefühle im unterleib bekommt, der muß schon ein armseliges leben führen.
Blickt Castorp in den Spiegel, so sieht er Protsac (Brotsack)
Wen diese Skurrilität neugierig macht, der sollte keine Sekunde
zögern und die Internetseite hans-castorp.de von Gerhard Adam
besuchen. Dort wird er neben vielen anderen Skurrilitäten auch
durchaus seriöse Deutungen, anregende Beobachtungen samt einer
verschwenderischen Fülle von Zitaten und Querverweisen zum
Zauberberg finden. Höchst unterhaltsam, doch mit beachtlichem
Suchtpotential! Dem Bannkreis des Zauberbergs wird man nur noch schwer
entkommen. Aber will man das überhaupt?
Ein kleines Bekenntnis
Über Kunst, liebe Frau Zießler, kann man endlos debattieren.
Und weil die Rezeption von Kunst sehr viel mit Neigung oder Abneigung,
oft aber einfach nur mit Desinteresse zu tun hat, wird man sich
untereinander eben nur dann einig, wenn man auf derselben
Wellenlänge liegt. Mein Schwager, immerhin Deutschlehrer, kann TM
nichts abgewinnen. Komme ich im Gespräch mit meiner Schwester ins
TM-Schwärmen, reagiert er äußerst gereizt. Soll ich mich
bei solchen Erfahrungen noch mit TM-Verächtern im Forum
prügeln? Sicher nicht.
Ich selbst gebe oft der Versuchung nach, mich abfällig über
Autoren, Komponisten, Maler, Architekten, Interpreten, Regisseure zu
äußern. Wenn ich's tu, dann mit der Zusatzbemerkung,
daß ich nicht die Absicht habe, dem anderen etwa seine Liebe zu
einem Künstler oder einem Kunstwerk zu rauben, denn: Liebe ist
seliger als Haß. Trotzdem kommt, wer sich intensiv mit Kunst
beschäftigt, nicht darum herum, sich ständig entscheiden zu
müssen. Heiß oder kalt! Nur nicht lau, bitte!
O je, Herr Rechtsteiner - "Suchtpotential", "Bannkreis des Zauberbergs"?
Ihre "mehr als zeitgemäße Altjüngferlichkeit"
(Zitat @Favela Ramirez, 10:02 h) führt doch nicht etwa auch bei
Ihnen zu "Wärmegefühlen im Unterleib" (Zitat @Jens
Hunger, 08:30h)??
(Hinweis an die Moderation: An dieser Stelle Ironie aus ;-)
ist das ein guter Artikel.
Schirrmachers Beobachtungen sind interessant und anregend wie immer.
Allerdings ist der Zauberberg doch spezifischer auf 1913 gerichtet. Es
waren die letzten Elemente von Feudalismus, die im gehobenen
Bürgertum überdauert hatten, die im Zauberberg untergehen. Die
Gereiztheit war eine Gereiztheit des Überdrusses und Langeweile.
Schon die Gereitzheit zwischen erstem und zweitem Weltkrieg war eine
andere. Waren Settembrini und Naphta als Intellektuelle noch
Nebenfiguren, die zur höheren Unterhaltung des Prinzen Castorps
dienten, steht im Doktor Faustus mit Leverkühn ein Intellektueller
selbst im Mittelpunkt und die Gereiztheit ging von einem entfesseltem
Intellektuellentum aus, das die Masse verunsicherte und in die Arme
antiaufklärerischer Bewegungen trieb.
Die heutige Gereiztheit ist dagegen eine Gereiztheit der Unruhe, der
ständigen Panik, den Anschluss zu verpassen. Da ist nichts mehr von
Castorps hedonistischer Zeitverschwendung oder Leverkühns
intellektuellem Abenteurertum.
Diese Zuspitzung auf die Zeitenwende in Europa,
In Deutschland, hatte für mich etwas beunruhigendes, aufwühlendes in meinem Leseabenteuer mit diesem ganz ohne jede Übertreibung so bezeichneten Jahrhundertwerk. Das war nicht nur Vergnügen, sondern auch Mühe und Reibung. Eine intensive Zeit, die für mich ein besonderer Schatz ist
und da ist er wieder. sofort. der deutsche ur- u. untergrund. denn da ist weimar. danke herr
schirrmacher also nochmals.
.
... und der euro löst das deutschtum auf. und haben wir ihn uns
nicht selbst zugefügt? gehofft? erhofft? er wäre lethe? ja, es
ist womöglich auch viel zauberberg im euro.
.
denn das ist der zbg. auch: eine währung. vielleicht sogar die
deutscheste aller solchen. gewogen in buchstaben – und endlich
schon 2x bezahlt mit blut, schweiß und tränen? (yes, mr.
churchill, indeed, your're so dam.. right!)
.
und ja, solche zeilen, wie die genannten, der gedachten, ewigen, vom
schulabbrecher, selbstbilder, flüchtling und verräter und
vater thomas mann sind unser höchstes – und gerade eben nicht
die "bandera", welche auch immer es sei - "und wollte sie
auch die banknoten einen, auf ewig in eins" - es sei uns gesagt?
.
("anleitung zum träumen auf englisch, in englisch?"
"man nehme das gehirn winston churchills dazu", wäre
unsere kürzeste anleitung, "there ist nothing better in the
world, presumably"- und zwar ebenfalls für immer. aber. auch
das führte zum wort... .)
und ein text der weiß, dass er sich selber offen lässt. gerade so wie die "selbstimpfung" womöglich
auf alle möglichkeiten verweist: gift, medizin, narkotikum, droge
oder unheilbare lachlust. mit was wir uns da impfen – und wie es
sich über tag und stunde zu woche und monat zusammensetzt und
weiter- u. zurückentwickelt aus diesem weiter der
möglichkeiten, ganz im sinne eines postmodernen polyperspektivismus
aus perspektiven und fragmentscherben sich minütlich oder
stündlich je und je in uns neu schaffen würde und wollte, von
innen nach aussen und zurückwirkend, balancierend, stürzend,
stützend, stützend-stürzend und sich wieder aufrichtend
(männlich) oder weiter webend, darüber ließe sich
trefflich noch weiter ausführen ... , ja.
.
und die heutigen oskars. wie fallen sie ab. jahrwerk nur.
vergleichsweise. &auch hier leistet schirrmacher punktlandung. wie
intelligent - wie wunderbar!
.
& wer wollte sich noch so setzen. wie herr thomas mann. zur
werkpflicht. zu solcher werkpflicht. unserer frau graute davor. sagt sie
öfters. und da ist er wieder. sofort. der deutsche ur- u. untergrund.
Nein, die Lektüre des "Zauberberg" hat Heidegger nicht immunisiert. Er war und blieb der kriminelle Sprachschänder, der Nazi par existence., als welchen Thomas Mann ihn schon längst erkannt und bald auch so genannt hatte. Heideggers hetaera esmeralda kam nicht mit gepuderten Halbkugeln im spanischen Jäckchen daher, sie trug Seitenscheitel und ein Chaplin-Bärtchen. Aus ihrem vergifteten Leibe, dem er beigewohnt, ward ihm die Erhebung, die ihn, na immerhin, bis hoch auf Todtnauberg brachte (wo es übrigens zwei Flecken gibt, die heißen: Vorderes Elend und Hinteres Elend). Ein nächtlicher Besucher, der es dort schlicht langweilig gefunden hätte, schildert einem anderen den Infekt, das Werk der Geißeln, so: "Es ist umgekehrt. Es ist das Gehirn, das nach ihrem Besuche lüstern ist und ihm erwartungsvoll entgegensieht wie du dem meinen, das sie an sich zieht, als ob es sie gar nicht erwarten könnte. … Da siehst du´s, auf die Disponiertheit, die Bereitschaft, die Einladung kommt alles an."
Als ich dieses Buch vor 10 Jahren zum ersten Mal las war ich restlos
begeistert, die schillernde Vielfältigkeit des Lebens konzentriert
auf einen kleinen Ort in den Schweizer Alpen. Die originelle Sprache
fesselte mich absolut und die stellenweise skurrilen Gestalten und
Dialoge ließen mich auch spontan loslachen. So wie man an manch
anderer Stelle auch von Rührung ergriffen und von Schaudern
berührt wird.
Seitdem mehrfach wieder gelesen und einmal sogar in großen Teilen
über mehrere Monate hinweg jemanden vorgelesen.
Für mich ist es das eine Buch das ich wählen würde wenn
ich wählen müßte.
Interessante Ergänzung dazu und auch um das politische
Lebensgefühl jener Zeit besser zu verstehen ist T. Manns Buch
"Betrachtungen eines Unpolitischen"
Gute Wahl
Mit dieser Wahl des "einen Buches" befinden Sie, Herr Beck, sich in guter Gesellschaft: auch Walter Jens wollte den "Zauberberg" auf die berühmte einsame Insel mitnehmen, freilich ergänzt um das Alte Testament (oder eher umgekehrt den "Zauberberg" als Ergänzung) ... Aber zum Glück werden wir wohl nie vor eine solche Wahl gestellt werden, so dass wir uns an den Joseph-Romanen als weiterer und sehr passender "Ergänzung" erfreuen dürfen.
ein text wie eine predigt. danke amen. ganz ehrlich. und scheinbar so dringend nötig gewesen.
psychologisch klug greift er reflektierend in sich selbst, und
präsentiert - und zutreffenderweise - was er da findet: zeitgeist.
und zwar ein solcher, dem ob seiner selbst zwar bang sein könnte,
da eben gefühlt genau wie in den letzten kapiteln des zbg., also
stumpfsinning und von großer gereitztheit (bekanntlich bis zum
ende des großen donnerschlags anhalend) der aber totzdem sehr
selbstbewußt daherkommen darf, eben weil er von sich weiß.
.
da liefert er also ein unterfangen der kitzligsten art - und genau zum
rechten zeitpunkt. denn das jahr 2013 bald noch das bedenkenswertere,
wie man jetzt sieht, als es womöglich das kommende sein
könnte: die spannung des bogens kommt vor dem schuß. und auch
wir fühlten fast ein wenig ähnlich kabbalistisch - obwohl die
zukunft (angeblich) immer so frei ist.
.
% da der zbg. unausdeutbar und nach allen seiten offen, könnten
betrachtungen über betrachtungen folgen, anläßlch seiner
zeilen, auch von uns. "schon bzgl. des "wir" im
apodiktischen eingang"
Ich nehme ihn zum Anlass, jetzt - nach mehr als 20 Jahren - den
"Zauberberg" erneut zu lesen. Ich weiß noch, wie als wie
ungeheuer spannend und unterhaltsam ich die Auseinandersetzungen
zwischen dem dynamischen fortschrittsgläubigen Aufklärer
Settembrini und seinem Widerpart, dem totalitären, jesuitisch
geschulten Naphta empfunden habe. Mir ging es wie Hans Castorp: Ich gab
abwechselnd dem einen und dem anderen recht. (Die kleine Spitze gegen
die Jesuiten sehe ich Thomas Mann nach, obwohl ich ja persönlicher
Fan der Jesuiten bin.)
Unterhaltsam natürlich auch die ironische Darstellung der
"Zauberberg-Atmosphäre", in der die Hypochonder auf die
Geschäftemacher treffen.
Es stimmt: Auf den "Zauberberg" muss man sich einlassen. Er
liest sich nicht mal "nebenbei". Wer aber Interesse an
Weltsichten hat, wer an einer ironisch überspitzten Darstellung von
Menschen(typen) Freude hat, für den ist der "Zauberberg"
bestimmt großartig.
Ich danke Ihnen für diesen Tipp, Herr Wilbert
Vielleicht lassen sich ja sogar Lesen und Hören miteinander verbinden.
Ich habe allerdings noch Hör-Kassetten (!), auf denen Thomas Mann
selber z.B. Tonio Kröger liest. Und ich vermute, dem kann kaum ein
anderer Interpret nahekommen.
Joseph ist auch akustisch genießbar
Sollten Sie für die Bände "Joseph und seine
Brüder" nicht genug Muße finden, werte Frau Ziessler, so
sei Ihnen das Hörbuch anbefohlen. Selbst dafür braucht man
allerdings ein wenig Ausdauer, wird dann aber mit filigran vorgetragenen
Köstlichkeiten beschenkt.
In einer literatur- und religionsvergessenen Zeit sind solche Werke
jedenfalls ein Fels in der Brandung.
Danke für Ihre Antwort, Frau Holtmann
Leider gibt es so vieles, was ich mir noch zu lesen vorgenommen habe im
Ruhestand. Die Zeit wird allmählich zu knapp für alles.
Eigentlich wollte ich mich endlich an die Josephsgeschichten von Mann
setzen, die meine Tochter mir sehr ans Herz gelegt hat und die
unverständlicherweise meist nur ganz eingefleischte
Mann-Anhänger kennen. Nun, ich werde sehen, wie weit ich mit meinen
guten Vorsätzen komme. Auf jeden Fall ist so ein Anstoß wie
Schirrmachers Artikel eine gute Sache.
Ihnen wünsche ich großes Lesevergnügen über Ostern!
Sie haben schön geschrieben, Frau Zießler,
dass den "Twitterern" Großes entgeht. Aber wir hatten
wohl das Glück, in ruhigeren Zeiten jung gewesen zu sein.
Ich habe den "Zauberberg" auch schon als Schülerin
gelesen und ehrlich gesagt nicht allzu viel verstanden. Wirklich
begeistert war ich dann 15 bis 20 Jahre später, ich hatte mich
zwischenzeitlich viel mit Philosophie beschäftigt. Außerdem
war ich selbst noch ziemlich lange 'jugendlich-radikal' und sah meine
Ansichten - ich muss es leider gestehen - durch Naphta bestätigt.
Versuchen Sie doch noch einmal, den "Zauberberg" zu lesen,
heute eben mit Lesebrille. Ich denke, Sie werden ihn jetzt - mit all der
Lebenserfahrung, die die Jahre ja so gebracht haben - in ganz anderer
Weise schätzen. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, er liegt
für die Osterferien bereit. (Seit ich nur noch 15 Stunden
wöchentlich unterrichte, sind die nämlich korrekturfrei.)
Nach mehr als 20 Jahren, Frau Holtmann,
schreiben Sie... Bei mir sind es noch ein paar Jahrzehnte mehr, die
vergangen sind, seit ich den Zauberberg gelesen habe (wie es sich
für eine Schülerin in Lübeck natürlich
gehörte). Und ich gestehe, die Aspekte, unter denen Herr
Schirrmacher jetzt dieses Werk betrachtet, sind mir völlig neu.
Aber hochinteressant. Deshalb schließe ich mich Ihrem Dank an.
Ich habe gleich mal nachgeschaut - der Band, der in unserem
Bücherschrank steht, ist eine Ausgabe von 1950, aus dem S. Fischer
Verlag. Ob ich es jetzt noch einmal schaffe, die 1020 engbedruckten
Seiten erneut zu lesen - ich weiß es nicht. Mal sehen. Jedenfalls
hat mich eben, beim Blättern, wieder dieser wunderbare Stil
entzückt. Was heißt hier "Bildungsliteratur"? Das
ist unsterbliche Literatur. Aber die Kinder des Twitter-Zeitalters
halten das für "behäbig bräsige Sprache".
Schade eigentlich. Nicht für Thomas Mann. Nur für die
Twitterer. Die wissen gar nicht, was ihnen entgeht.
Das geschulte Ohr kann das Raunen Wiedemanns wieder vernehmen.
Er ist zurück, gar stärker und kälter als zuvor.
Warum haben bislang so wenige von seiner Rückkunft erfahren?
Hat das Sanatorium mittlerweile zu viele Zimmer?
Jede Zeit hat ihre großen Werke...
... Thomas Mann schuf Literatur für den Bildungsbürger,
Charles Bukowski schrieb Gossenromane, heute gibt es praktisch nur noch
leicht Verdauliches (was will man von twitternden Facebookern auch
erwarten).
Gerade deswegen zeigt der Mikrokosmos des "Zauberberg"
demjenigen, der sich die Mühe macht, wie vielfältig und
tragisch menschliches Denken und Fühlen sein kann.
Bildungsliteratur eben. Aber dafür hat man heute wohl keine Zeit mehr...
Dieses Buch unterhält auch heute noch überraschend gut, und wer es nicht noch einmal lesen will,
...sollte sich für lange Zug- und Autofahrten etc. die
Hörbuchfassung von Gert Westphal gönnen - gerade die lustigen
Szenen, etwa mit Frau Stöhr, kommen da prima heraus. Hans Castorp
würde heute sicherlich kein Laptop oder smartpone mitnehmen oder es
versehentlich verlieren.
Guter Mann !
Bitteschön
Hörenswert ist die Aufnahme aber allemal, dank Gert Westphal. Und falls Sie sich mit dem Gedanken tragen sollten, noch mehr Thomas-Mann-Lesungen mit Westphal anzuschaffen, wozu ich Ihnen unbedingt raten möchte: die übrigen sind bis auf den 'Joseph' ungekürzt.
Danke für die Information, Herr Schemer.
Sie kam ein wenig zu spät, ich habe die Hörbuchausgabe schon bestellt. Ich werde sie wohl trotzdem genießen und habe wohl schon Geld für Dümmeres ausgegeben.
Ja, leider
Ja, leider ist die Lesung mit Gert Westphal insgesamt gekürzt, nicht nur die Gespräche Settembrinis mit Naphta. Ein Sakrileg, wenn Sie mich fragen!
Guter Tip, Herr Schwiers,
denn Gert Westphal liebe ich sehr. Er hat mir auch Fontane nahegebracht.
Den "Stechlin" hätte ich lesenderweise wohl kaum
überstanden. Nun finde ich ihn großartig.
Ich gehe aber davon aus, dass die Gespräche zwischen Settembrini
und Naphta stark gekürzt sind. Richtig?
...... überflüssiges werk kennt die literaturgeschichte. hab nach einigen seiten dieses dahinsiechende monstrum weggelegt und nie wieder angefasst. behäbig bräsige sprache, überflüssige geschichte über einen überflüssigen menschen. charles bukowski war ein literat, thomas mann ein schreiberling für bürohengste.
Antworten (7) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 26.02.2013 20:02 UhrDaran besteht nicht der geringste Zweifel, Frau Holtmann
Herrn Hunger geht es nur um den Zauberberg, keinesfalls um Herrn Schirrmacher.
Was die Sache mit der Ironie betrifft, bitte ich um Verzeihung. Ihre
"Hoffnung" hat mich etwas irritiert. Alles okay?
Vielleicht hätte Herr Hunger recht, wenn er über Herrn Schirrmachers Artikel geschrieben hätte.
Das sei dahingestellt, Herr Scheffler. Aber er schreibt leider allein über den Zauberberg, Thomas Mann und Ch. Bukowski.
Liebe Damen
Ob Herr Hunger ironisch geschrieben hat, sei dahingestellt. Dass Herr Schirrmacher sich mit seinem letzten großen Elaborat "Ego" unsterblich blamiert hat und seine Beiträge seither wahrscheinlich nicht ernst zu nehmen sind, damit hat er Recht!
Wahrscheinlich ist mir die Gabe, ironisch zu schreiben auch nicht gegeben, Frau Zießler.
Denn ich wollte natürlich - ironisch - ausdrücken, das KANN nicht sein, weil es nicht sein DARF. Denn auch ich befürchte ja nicht nur, dass Herr Hunger ein ernstgemeintes Urteil abgibt, ich bin sicher.
"...kann es nicht sein, dass Thomas Mann und Ch. Bukowski
...überhaupt ernsthaft in einem Atemzug genannt werden".
Das kann man wohl sagen, Frau Holtmann! Aber trotzdem - ich entdecke da
immer noch nicht einen Hauch von Ironie.
Aber schließlich - es muss halt jeder nach seiner Facon selig werden.
Mir geht es wie Ihnen, Frau Zießler,
ich habe auch "nicht ein Tüpfelchen Ironie" entdecken können. Allerdings will ich die Möglichkeit nicht ganz ausschließen - die Hoffnung stirbt zuletzt. Und nach dem Motto "dass nicht sein kann, was nicht sein darf", kann es nicht sein, dass Thomas Mann und Ch. Bukowski überhaupt ernsthaft in einem Atemzug genannt werden.
Ironie??
Bei @Jens Hunger ist aber auch nicht ein Tüpfelchen Ironie zu entdecken.
Thomas Mann war ein Meister der Ironie. Aber die zu verstehen, braucht
es schon etwas mehr Verstand.
"Auweia" ist die einzig richtige Reaktion auf ein
"dahinsiechendes Monstrum", liebe Frau von Czekus ;-)