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Aktualisiert: 22.09.2014, 20:43 Uhr

Thomas Mann im Tonfilm Der audiovisuelle Urknall unserer Literatur

Archivgut 20520: Unter dieser Signatur findet sich zwischen den Aufnahmen im Bundesarchiv der erste, einzige und bisher unbekannte Tonfilm eines deutschen Dichters vor 1933. Es ist, nahezu naturgemäß, Thomas Mann.

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© F.A.Z., Bundesarchiv Thomas Mann im Tonfilm: Der audiovisuelle Urknall unserer Literatur

Er ist sichtlich und spürbar nervös, denn auch für einen im Umgang mit den Zeitungen und den frühen Radiostationen längst erfahrenen Medienprofi wie Thomas Mann ist dies eine völlig neue Situation: Am 22. Januar 1929, einem Dienstag, kommt er zum ersten Mal in ein Tonfilmstudio, das seinerseits zu den allerersten in Deutschland zählt. Am Vorabend hatte er in der Preußischen Akademie der Künste bei der Feier zum zweihundertsten Geburtstag des Erz-Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing die Festrede gehalten.

Jochen Hieber Folgen:

Nun sitzt er im dunklen Anzug mit Weste, im weißen Hemd, mit einfarbiger Krawatte und einem blütenweißen Einstecktuch in der Brusttasche seines Sakkos auf einem Stuhl, dessen hintere Holme über seiner Schulter wie zwei kleine Türme aufragen. Die Kamera läuft bereits. Mit einem unsichtbaren Gegenüber spricht der Studiogast noch einige nicht zu verstehende Worte, dann wird zum bewegten Bild der Ton geschaltet: Dreieinhalb Minuten lang zelebriert Thomas Mann von jetzt an „Worte zum Gedächtnis Lessings“.

Ein singulärer Augenblick und – wie es sich bei diesem Hauptdarsteller geziemt – zugleich eine Art ziviler, gesitteter, ja vornehmer Urknall: Die deutsche Literatur tritt dem gerade beginnenden audiovisuellen Zeitalter bei. Wer, wenn nicht er, wer, wenn nicht der Autor von „Buddenbrooks“, „Tod in Venedig“ und „Zauberberg“, wer, wenn nicht der mit der Rede „Von deutscher Republik“ (1922) zum Repräsentanten der Demokratie und ihrer Kultur gewordene Thomas Mann sollte diesen Beitritt vollziehen?

Eine bis heute unschätzbare Quelle

Es ist unbekannt, ob die Zeitgenossen Gelegenheit hatten, das einzigartige Dokument, das daraus hervorging, je zu sehen und zu hören – es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass dies geschah: Zeugnisse einer öffentlichen Wirkung gibt es nicht. Es ist überdies nur mutmaßlich festzustellen, wo und wie die erste und einzige Tonfilm-Sequenz eines deutschen Schriftstellers der Weimarer Republik den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg überstand.

Dass es diesen Studiobesuch und diese Aufnahme gegeben haben musste, konnte der Rundfunkhistoriker und Exilforscher Ernst Loewy zu Anfang der siebziger Jahre immerhin rekonstruieren. Sein Verzeichnis „Thomas Mann: Ton- und Filmaufnahmen“, eine bis heute unschätzbare Quelle, erschien 1974 bei S. Fischer als Ergänzung zur damaligen Werkausgabe in dreizehn Bänden. Offen lassen allerdings musste Loewy die Frage, ob das Rarissimum überhaupt noch existiere und wo es sich gegebenenfalls befinde.

Im Westen Deutschlands völlig unbemerkt, sendete das Fernsehen der DDR dann am 3. Juni 1975, drei Tage vor Thomas Manns hundertstem Geburts- und wenige Wochen vor dem zwanzigsten Todestag, eine knapp einstündige Dichter-Dokumentation unter dem Titel „Klug zu sorgen, was vonnöten auf Erden“ – einzusehen ist sie im Potsdamer Zweig des Deutschen Rundfunkarchivs.

In einer DDR-Doku wurden Teile des Materials verwendet

In dieser Dokumentation findet sich ein etwas mehr als sechzig Sekunden währender Ausschnitt aus der Studioproduktion von 1929 – allerdings führt der Abspann nicht aus, um was für ein Material es sich dabei handelt und wie es vor vierzig Jahren in die Hände des renommierten, 1999 gestorbenen DDR-Dokumentaristen und Regisseurs Fritz Gebhardt gelangt war.

Im Nachhinein und indirekt erschließen lässt sich aus Gebhardts Teilverwendung jedoch, dass die „Worte zum Gedächtnis Lessings“ irgendwann ins Staatliche Filmarchiv der DDR gelangt sein mussten, das seine Arbeit im Herbst 1955 aufnahm – sie müssen also, folgt daraus, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der sowjetischen Zone gelandet sein. Das erscheint plausibel. Denn 1929 verfügten lediglich zwei Gesellschaften über die Möglichkeit, in Deutschland erste Tonfilme zu produzieren: Die Ufa in Potsdam-Babelsberg, vor allem jedoch das just in diesem noch ganz jungen Genre zunächst überlegene Berliner Tobis-Tonbild-Syndikat, das 1928 gegründet wurde.

30941612 © Bundesarchiv/ Screenshot F.A.Z. Vergrößern Die hinteren Holme des Stuhls ragen wie kleine Türme über die Schulter

Mit „Ich küsse ihre Hand, Madame“ in der Regie von Robert Land sorgte Tobis denn auch für die deutsche Geburt des Tonfilms und engagierte für das siebzigminütige Werk Harry Liedtke, den Liebhaber-Helden des immer noch vitalen Stummfilms, die schon mächtig aufstrebende Marlene Dietrich und den Startenor Richard Tauber. Premiere war am 16. Januar 1929. Schon wenige Tage danach also fand Thomas Manns Studiodebüt statt. Er war, wie so oft in seinem Leben, sehr früh dran und gleich auch an der Spitze dabei.

Wohl im Tobis-Archiv, das 1942 wie die ganze Firma der Ufa einverleibt wurde, durchdämmerte das singuläre Stück die Nazijahre und den Krieg, um 1945 dann in die Hände der Roten Armee zu fallen und schließlich in die Besitzmasse der DDR überzugehen. 1990 wurde deren staatliches Filmarchiv dem Berliner Teil des Bundesarchivs eingliedert.

Der feierliche Beitrittsakt zur multimedialen Moderne

Unter der Archivsignatur 20520 ruhen die „Worte zum Gedächtnis Lessings“ seither am Fehrbelliner Platz. In Gänze gesehen und gehört haben das Juwel bis dato wohl lediglich einige wenige Filmspezialisten des Archivs, weder die Thomas-Mann-Forscher noch die Rundfunk-, Kino- und Medienhistoriker scheinen es zu kennen, jedenfalls gaben sie bisher nie Kunde davon.

Thomas Manns feierlicher Beitrittsakt zur multimedialen Moderne hat vier Szenen: höfliche Einleitung (32 Sekunden), autobiographische Reminiszenz (dreißig Sekunden), medientheoretische Reflexion (siebzig Sekunden), artig in die Länge gezogene und zugleich zum Anfang zurückkehrende Schlussvolte (82 Sekunden).

Erste Szene: „Da ich hier sprechen soll, ist es begreiflich, dass ich mir Gedanken mache über die Eigentümlichkeit und den Reiz einer Situation, in die ich ganz überraschend gekommen bin – und zwar durch die gütige Vermittlung der Berliner Lessing-Hochschule, die ich denn doch dankend erwähnen möchte.“

Da Thomas Mann die Tagebücher jener Jahre verbrannt hat und die Geschehnisse des 22. Januar 1929 auch in keinem einzigen seiner Briefe erwähnt, ist man auf Spekulation und Wahrscheinlichkeit angewiesen: Es wird wohl Ludwig Lewin, der Direktor der bürgeruniversitären Lessing-Hochschule, gewesen sein, der den Kontakt zum Tobis-Tonfilm-Syndikat oder zur Ufa herstellte und den darob überraschten Thomas Mann zum spontanen Experiment überredete, was bei dessen naturwüchsiger Neugier nicht eben schwergefallen sein dürfte.

30941608 © Bundesarchiv/Screenshot F.A.Z. Vergrößern Das weiße Einstecktuch im Revers der Anzugsjacke sitzt perfekt

Die nahezu wörtliche Wiedergabe der Rede vom Vortag

Vierte Szene: „Ich erwähnte, dass ich diesen Reiz und diesen phantastischen Zauber der Berliner Lessing-Hochschule verdanke – und Lessing ist es ja, mit dem, mit dessen Persönlichkeit All-Deutschland sich in diesen Tagen beschäftigt anlässlich seines zweihundertjährigen Geburtstags. Auch ich hatte die Ehre, zu einem Berliner Publikum über Lessing sprechen zu dürfen in der Akademie der Künste – und es mag mir verstattet sein, bei dieser Gelegenheit aus dem Vortrag, den ich gestern dort gehalten habe, einige Episoden zu wiederholen. Ich sagte da, dass zuweilen der Begriff des Klassischen uns in einem mythischen Licht erscheinen will. Dass die Bedeutung, die man gewöhnlich diesem Worte beilegt, dieser Sinn von Schulgerechtheit und Mustergültigkeit, uns matt und trocken, abstrakt und blutlos anmutet, und wir haben dann Lust, seiner humanistischen Verblasenheit Charakter zu verleihen, indem wir ihn bedingen.“

Die allerletzte Passage (von „Ich sagte da, dass...“ an) ist die nahezu wörtliche Wiedergabe der Anfangssätze aus der Lessing-Rede vom Vortag. Thomas Mann, der im Studio bis dahin frei gesprochen hat, rezitiert diesen letzten Teil auch vom Blatt und setzt dafür, nach genau drei Minuten und sechs Sekunden, die Lesebrille auf. Das Verbum „bedingen“, mit dem der Studioauftritt endet und das sich auch in der Lessing-Rede findet, ist hier im Sinne von „gegen den Strich bürsten“ verwendet. Worauf Thomas Mann hinauswill, ist das In-Eins-Setzen von „klassischer“ und „mythischer“ Zeit. „Wiederkehr, Zeitlosigkeit, Immer-Gegenwart“ bestimmen für ihn im Fortgang der Lessing-Rede die Identität von Mythos und Klassik. Im Studio aber kommt das nicht mehr vor.

Zweite Szene: „Ich erinnere mich dabei einer anderen Lebenslage, die nun schon eine ganze Reihe von Jahren zurückliegt, und der heutigen verwandt war, wenn sie ihr wohl auch noch nicht ganz gewachsen gewesen sein mag. Das war damals, als ich zum ersten Mal – es war vielleicht einige Monate nach dem Kriege – für den Rundfunk einen Vortrag hielt und zwar auf Einladung des Südwestdeutschen Rundfunks in Frankfurt am Main.“

Im neuen Medium kann sich auch ein Meister irren

Die autobiographische Reminiszenz ist hübsch, aber falsch. Oder, wie es in Gebhardts DDR-Doku, die diese Passage auswählt, so trefflich heißt: „Im neuen Medium kann sich auch ein Meister irren.“ Der Südwestdeutsche Rundfunk nahm den Sendebetrieb zum 1. April 1924 auf, also keineswegs schon „einige Monate“ nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die allererste Radioübertragung in Deutschland, gesendet aus dem Berliner Vox-Haus, stammt von Ende Oktober 1923.

Wahr ist, dass Thomas Mann, auch im Hörfunk einer der ganz frühen Dichter-Akteure, am Sonntag, dem 13. Juli 1924, in Frankfurt am Main eine über den Äther verbreitete Live-Lesung aus dem erst vier Monate später veröffentlichten „Zauberberg“ machte: Für die „Frankfurter Zeitung“ vom 16. Juli war die Radiosendung nichts weniger als „eine Sensation“.

Dritte Szene: „Das Gefühl, das ich damals hatte, wiederholt sich heute in verstärktem Maße. Ich erlebte es damals zum ersten Mal, dass das Publikum, zu dem ich sprach, nicht in sinnlicher und gesellschaftlicher Gegenwart sich vor mir befand, nicht durch die vier Wände eines Saales zusammengefasst, sondern dass es unsichtbar, unhörbar, weit über die ganze Welt hin zerstreut, meinen Worten zuhörte, die mir beim Sprechen von Zeit zu Zeit einfielen. Heute nun aber ist dieses Publikum, zu dem ich spreche, nicht nur räumlich von mir getrennt, sondern es ist in der Zeit von mir entrückt. Und ich spreche zu einem zukünftigen Publikum in die Zeit hinein. Das ist das Phantastische und Exzentrische, fast möchte ich sagen, das ich in dieser Situation empfinde.“

Eine stupende und spontane Präsenz

Die Anwesenheit der Abwesenden: Diese Erfahrung machte Thomas Mann als Rezitator im Radio, einem Medium, das bis in die dreißiger Jahre hinein ausschließlich live sendete, also nicht über Aufzeichnungsmöglichkeiten verfügte – was sich an frühen Dichterstimmen erhalten hat, verdankt sich allein der Schallplatte. Zu dieser räumlichen Radio-Erfahrung gesellt sich nun jene der Verewigung in der Zeit – das ist die Schlüsselsentenz dieses ersten Tonfilm-Moments eines deutschen Dichters. Dass Thomas Mann diese Reflexion simultan mit einem Geschehen entwickelt, das er als Akteur gerade in Gang setzt, dessen Kamera- und Aufzeichnungs-Objekt er aber gleichzeitig ist, spricht für seine stupende und spontane intellektuelle Präsenz.

30941595 © Bundesarchiv/Screenshot F.A.Z. Vergrößern Sehen wir da gar ein kleines Lächeln?

Und es spricht dafür, dass er diesem spezifischen Ewigkeits-Augenblick implizit die gleiche Wertigkeit zuerkennt wie dem Medium, das ihm als Autor ureigen ist und dem er vertraut: der Literatur, deren Dauer durch Schrift und Druck verbürgt ist. Die Zukunft aber, die er beschwört, das Publikum, das er imaginiert: Das sind angesichts der langen Zeit, in der dieses Dokument ohne öffentliche Resonanz existierte, auf emphatische Weise eben nun wir – und zwar jetzt.

Ein Rätsel der Überlieferung bleibt bestehen

Gegenwärtig gibt die Überlieferung der „Worte zum Gedächtnis Lessings“ allerdings noch ein Rätsel auf. Denn auch Heinrich Breloer hat bei den Recherchen für sein Dokudrama „Die Manns. Ein Jahrhundertroman“ von 2001 die Tonfilm-Szenen vom 22. Januar 1929 in Händen gehabt. Und er hat daraus für die DVD-Edition, die im Jahr nach der Erstausstrahlung im Fernsehen in den Handel kam, ebenfalls einen etwa einmütigen Ausschnitt ausgewählt – aber ganz offensichtlich in einer anderen Fassung, einer Fassung, die nahelegt, dass das Ganze mindestens zweimal gedreht und aufgezeichnet wurde.

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Im Dokumententeil von Breloers Edition jedenfalls lautet die Schlüsselsentenz nun: „Die heutige Lage nun überbietet in gewisser Hinsicht die damalige, da es sich heute nicht nur um ein im Raume fernes Publikum handelt, zu dem ich spreche, sondern sogar um eines in der Zeit von mir entferntes. Ein Publikum, das eines Tages, der noch nicht da ist, mich so sehen wird, wie ich jetzt sitze und spreche, und mich so hören wird, wie ich mich heute in die Zukunft hinein zu ihm äußere“.

Die Schnittliste, die Breloer und die produzierende Bavaria damals der betreuenden ARD-Redaktion vorlegten, weist als Leihgeber auch dieser Fassung ebenfalls das Filmarchiv des Bundesarchivs aus. Nur: Dort gibt es diese Fassung nicht, zumindest nicht mehr. Wo ist sie? Gleichviel: Der „phantastische Zauber“, den Thomas Mann vor fünfundachtzig Jahren empfand, wird immerfort währen.

Glosse

Bartspalterei

Von Paul Ingendaay

Noch kann Pilar Abel Martínez nicht beweisen, dass sie die uneheliche Tochter von Salvador Dalí ist. Die Exhumierung seines Leichnams soll Klarheit bringen. Die Sache hat mehrere Pointen. Mehr 2 0

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