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Stephen Kings „Mr. Mercedes“ : Der Tod, das Auto und das Frühwarnsystem Literatur

Kings „Mr. Mercedes“ ist jetzt zur Fernsehserie geworden - mit Brendan Gleeson als Detective Hodges, der den Mann jagt, der im Auto in eine Menschenmenge raste. Bild: AT&T

Ist Amerika das, was Stephen King in seinen Albträumen sieht? Über den Krimi „Mr. Mercedes“, den Terror von Amokfahrten und die Gegenwart eines rassistischen amerikanischen Präsidenten.

          Jemand rast mit einem Auto in eine Menschenmenge, um zu töten: Gerade eben ist das wieder passiert. Es ist zu einem Szenario des Terrors im 21. Jahrhundert geworden, dessen Muster man inzwischen wiedererkennt. Man weiß jetzt, dass und wie so etwas passieren kann, so wie man schon seit längerem weiß, dass sich Terroristen mit einem Bombengürtel in Busse setzen, und was danach folgt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit ein islamistischer Terrorist im Juli 2016 auf der Promenade des Anglais von Nizza mit einem Lastwagen sechsundachtzig Menschen umgebracht und vierhundert verletzt hat, häufen sich solche Attentate in den Großstädten des Westens, in London, in Stockholm, kurz vor Weihnachten in Berlin; in Israel hat es motorisierte Anschläge schon seit zehn Jahren immer wieder einmal gegeben. Eben ist es dann in Barcelona geschehen, auf der berühmten Rambla. Davor passierte es in Charlottesville, wo ein zwanzig Jahre alter weißer Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Demonstranten gefahren ist, die gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen in der Stadt im amerikanischen Süden protestiert hat. Eine Frau starb, neunzehn Menschen wurden verletzt. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat es noch immer nicht geschafft, diese Tat als Terror zu bezeichnen, so wie er es bei motorisierten Angriffen islamistischer Täter bislang getan hat. Trump hat sich, und das ist ein tiefer Einschnitt in der amerikanischen Geschichte, auch nicht gegen den weißen Rassenhass gestellt, der sich in Charlottesville triumphierend zeigte und gegen den die Opfer des Fahrers auf die Straße gegangen waren. Stattdessen hat er relativiert.

          Mit diesem Dodge raste ein junger Mann am 12. August 2017 in eine Gruppe von Menschen, die gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen in Charlottesville demonstrierte.
          Mit diesem Dodge raste ein junger Mann am 12. August 2017 in eine Gruppe von Menschen, die gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen in Charlottesville demonstrierte. : Bild: AFP

          Zwei Tage bevor weiße Rechtsradikale am 11. August 2017 bewaffnet durch Charlottesville marschierten und die Hand zum Hitlergruß hoben, drei Tage vor der Todesfahrt in die friedlichen Gegendemonstranten, lief im amerikanischen Fernsehen die erste Folge einer neuen Serie, die auf einem Kriminalroman des Schriftstellers Stephen King basiert: „Mr. Mercedes“. Darin rast ein junger Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Menschen und tötet acht von ihnen. Das Buch ist 2014 erschienen, es spielt aber 2009. Und man sitzt jetzt da, mit Kings Buch und der neuen Serie, die auf dem Sender AT & T läuft (die ersten beiden Folgen stehen im Netz, auch in Deutschland empfangbar), und fragt sich, was das nur ist mit der Kunst, dass sie manchmal prophetisch wirkt, kybernetisch. Dass sie sehen kann, ohne dabei zu sein. Dass sie das Shining hat, wie Stephen King es selbst nennen würde. Dass aus alten Storys brandneue Leitartikel werden, die wie in einem bösen Gag einen Gang der Dinge schon kommentiert haben, bevor der überhaupt ablief?

          Ist Amerika also das, was Stephen King in seinen Albträumen sieht? Er hatte ja schon 1979, in „Dead Zone“, einen populistischen Clown als Präsidenten erfunden, Greg Stillson, der Donald Trump unheimlich ähnlich sieht.

          Trailer : „Mr. Mercedes“

          „Mr. Mercedes“ wäre dann der aktuelle Gegenwartskommentaralbtraum von Stephen King, er spielt mitten in der Finanzkrise, die viele Amerikaner hart getroffen oder sogar ruiniert hat. Der Todesfahrer rast mit seinem Mercedes frühmorgens in eine Schlange wartender Arbeitsloser, die sich für eine Jobbörse in einer namenlos bleibenden, ganz normalen amerikanischen Stadt im Mittleren Westen angestellt haben. Die Polizei findet am gleichen Tag zwar den Wagen, aber keine Spur des Täters. Zwei Jahre später meldet der Mercedes-Killer sich dann aber von selbst mit einem Brief bei einem der Kommissare, die damals ermittelt haben. Der Täter, ein junger Mann namens Brady, will diesen Kommissar, der seinen Lebenszweck verloren hat, seit er pensioniert ist, in den Tod treiben – aber Bill Hodges dreht den Spieß einfach um, denn jetzt hat sein Leben wieder einen Sinn. Jetzt jagt er Brady, dessen krimineller Wahnsinn immer schneller eskaliert. Hodges – der wie jeder Held von Stephen King bald Gehilfen bekommt – stoppt Brady in der letzten Sekunde, als der sich beim Konzert einer Boygroup in die Luft sprengen will, um möglichst viele Teenager mit in den Tod zu reißen.

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