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F.A.Z. Woche : Lektüre für Eilige

  • -Aktualisiert am

Mehr Zeilen als Zeit: Das ist kein rein digitales Problem. Bild: Getty

Einen Roman in der Mittagspause verschlingen? Kein Problem, versprechen Speed-Reading-Apps. Aber was bleibt vom Lesegenuss?

          Wenn Nachrichten auf 140 Zeichen und Zeitungen auf Handyformat eingedampft werden, kann man dann nicht auch größere Textmengen schneller verarbeiten? Zum Beispiel einen Roman in der Mittagspause lesen? Genau das ist die Idee von Speed Reading: Schnelllesen. Das Konzept wurde schon in den 1950er Jahren von der amerikanischen Pädagogin Evelyn Wood entwickelt. Sie behauptete, dass man mit bestimmten Techniken die Lesegeschwindigkeit von 1500 auf 6000 Wörter pro Minute steigern kann. Beispielsweise, indem man von oben nach unten statt von links nach rechts liest oder Wortgruppen anstelle einzeln Wörter oder Buchstaben erfasst.

          Präsident John F. Kennedy, ein Schnellleser, der jeden Tag in zehn Minuten die "New York Times" und die "Washington Post" durchmaß, war davon so begeistert, dass er eine Delegation ins Evelyn Wood Reading Dynamics Institute in Washington entsandte. Auch seine Nachfolger Richard Nixon und Jimmy Carter gingen bei Evelyn Wood in die Schule, deutsche Schüler reisten über den Atlantik, um bei ihr das Lesen neu zu lernen.

          Inzwischen weiß man, dass das Konzept des "dynamischen Lesens" methodische Mängel aufweist. Bildungsforscher zogen dessen Techniken in Zweifel. Im Grunde ist das Konzept banal, wenn damit das kursorische Lesen beschrieben wird. Doch mittlerweile wird es wiederentdeckt - und zwar für Smartphones.

          Die digitale Revolution war bislang eine Revolution des Publizierens, keine des Lesens. Menschen lesen im Zeitalter der Touchscreens immer noch so, wie sie Tontafeln und Hieroglyphen dechiffriert haben. Aber es gibt seit ein paar Jahren eine Handvoll Lese-Apps, die Wörter nicht statisch auf einer Seite darstellen, sondern hochdynamisch. Nach Art eines Flashbacks blitzen Wörter auf dem Display auf, die so ausgerichtet sind, dass das Auge sie möglichst schnell erfassen kann. Bei der App "Spritz" wird in Worten jeweils ein Buchstabe in Rot markiert - das ist der sogenannte Optimal Recognition Point, der optimale Erfassungspunkt.

          Statt 220 Wörter pro Minute soll der Leser mit "Spritz" bis zu tausend Wörter pro Minute lesen können. "Bald lesen Sie die gesamten 309 Seiten von ,Harry Potter und der Stein der Weisen' in weniger als 77 Minuten", frohlockte angesichts dessen schon die "Huffington Post". "Texte auf Speed" titelte die "Süddeutsche Zeitung". Der Selbstversuch verblüfft: Eine Frequenz von 500 Wörtern pro Minute ist durchaus möglich - und man versteht sogar noch, was man gelesen hat. Allerdings bereitet die Lektüre erhebliche Mühe. Von Lesegenuss kann keine Rede sein. Speed Reading strengt die Augen extrem an. Und mal ehrlich: Bleibt nach der Lektüre wirklich etwas hängen?

          Fastfood als Lesefutter

          Eine im vergangenen Jahr veröffentliche Studie ("So Much to Read, So Little Time: How Do We Read, and Can Speed Reading Help?") von amerikanischen Forschern kam zu dem Ergebnis, dass es ein Spannungsverhältnis zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit des Lesens gebe. Es sei unwahrscheinlich, dass ein Leser, der sein Lesetempo verdoppele oder verdreifache, dasselbe Textverständnis wie bei normaler Geschwindigkeit erreiche. Das sei "weder biologisch noch psychologisch möglich". Das Lesetempo hängt von der Dauer der Fixationen, also der Augenhalte bei jedem Wort, ab. Geübte Leser nehmen mehrere Wörter auf einen Blick auf. Apps wie "Spritz" können die Reduktion der Fixationsdauer zwar trainieren, nicht aber das Lesevolumen erhöhen.

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          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

          Der Mensch, dessen Unterbewusstsein bis zu zwanzig Millionen Bits pro Sekunde an Informationen verarbeiten kann, ist eben kein Prozessor, der mit möglichst vielen Daten gefüttert werden muss, damit er mit der künstlichen Umgebungsintelligenz mithalten kann. Ist Lesen nicht eher eine Kulturtechnik, die die Phantasie anregt, als bloße Informationsverarbeitung? Geht es nicht um Imagination statt um Datenströme?

          Lese-Apps kredenzen informationelles Fastfood als Lesefutter, und analog zum Slowfood hat sich schon eine Slow-Reading-Bewegung formiert, die langsame Lektüre propagiert. Damit es einem nicht so ergeht wie Woody Allen, der einmal mit dem ihm eigenen Humor über seine Erfahrungen des Schnelllesens erzählt hat: "Ich habe an einem Speed-Reading-Kurs teilgenommen und war in der Lage, ,Krieg und Frieden' in zwanzig Minuten zu lesen. Es geht um Russland."

          Quelle: F.A.Z. Woche

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